Interview mit

Frage: Khaled Hosseini, was hat Sie dazu inspiriert, den Roman ›Traumsammler‹ zu schreiben?
Khaled Hosseini: Es war nicht so, dass es den einen Moment der Inspiration gab oder mir die Idee für den Roman als Ganzes plötzlich in den Sinn kam. Es war eher so, dass mich die Idee für das zentrale Motiv einige Zeit begleitet hat, zumindest unbewusst. Ich habe vielleicht schon 2007 angefangen, darüber nachzudenken, als ich mit dem UN-Flüchtlingshilfswerk nach Afghanistan gereist bin, um dort Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückkehren, zu besuchen. Eines der eindrücklichsten Erlebnisse war, von einigen Dorfältesten von den verheerenden Folgen erzählt zu bekommen, die die harten Winter in Afghanistan mit sich bringen. Vor allem verarmte Dorfbewohner sind davon betroffen. Immer wieder verlieren Kinder und Alte, Kranke und Behinderte, ihr Leben. Ich habe mir diese Geschichten mit einer Mischung aus Schrecken und Faszination angehört, denn sie handeln vom Überleben, von den Entscheidungen, die diese Dorfbewohner treffen müssen und von den Strapazen, die sie auf sich nehmen, um ihre Familien durch die kalte Jahreszeit zu bringen.
Zurück in Kalifornien versuchte ich mir dann auszumalen, was ich unter denselben Umständen getan hätte. Ich versuchte mir die Verzweiflung vorzustellen, das quälende Abwägen im Entscheidungsprozess, was das Beste für die Familie ist und die schmerzlichen Kompromisse, die diese Menschen eingehen müssen. Langsam begann in meinem Kopf die Geschichte einer Familie – nicht unähnlich den vielen, die ich getroffen hatte – Gestalt anzunehmen, die in einem abgelegenen Dorf lebt und gezwungen ist, eine Entscheidung zu treffen, die die meisten von uns unerträglich finden würden. Im Zentrum dieser Familie stellte ich mir ein junges Bruder-Schwester-Paar vor, das zum unschuldigen Opfer wird. Der Roman beginnt dann auch mit einer Verzweiflungstat, die die Familie auseinanderbringt und letztlich zu einer Art Fundament oder Stamm wird, aus der die weiteren Geschehnisse des Romans wie Äste erwachsen. Die meiste Zeit des Schreibens habe ich damit verbracht, die weitreichenden Folgen dieser Trennung zu ergründen, die Leben zu erkunden, die sie berührt und verändert und all die unerwarteten Momente, in denen sie Jahrzehnte später nachhallt.
Frage: ›Traumsammler‹ ist Ihr erster Roman, dessen Handlung mehrere Kontinente, die ganze Welt umspannt. Wie kommt es, dass die Geschichte an so vielen Schauplätzen spielt, von Paris über Griechenland bis Kalifornien?
Khaled Hosseini: ›Traumsammler‹ ist weniger auf Afghanistan fokussiert als meine Romane ›Drachenläufer‹ und ›Tausend strahlende Sonnen‹. Ich habe mit diesem Buch den Versuch unternommen, das soziale und kulturelle Milieu meiner Figuren und damit auch ihre Umgebung weiter zu denken und der Geschichte eine globalere Perspektive zu geben. Die Handlung setzt in Afghanistan ein und springt dann von Kabul nach Paris über Griechenland nach Nordkalifornien. Zum einen wollte ich, weil ich in den letzten Jahren lange Reisen unternommen habe, die Handlungsorte, an denen meine Figuren sich aufhalten, ausdehnen. Zum anderen wollte ich mich mit Figuren umgeben, die sich stark von mir und den Menschen, die ich kenne, unterscheiden. Es gibt wunderbare Schriftsteller – Alice Munro kommt mir in den Sinn –, die einen unerschöpflichen Vorrat an tief empfundenen Geschichten haben, die alle in derselben Umgebung, an ähnlichen Schauplätzen, spielen. Ich habe aber sozusagen etwas frische Luft gebraucht. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die, sagen wir, zumindest in Kabul beginnt und in Kandahar endet.
Frage: Als Sie klein waren, ist Ihre Familie nach Paris ausgewandert, ohne dass Sie nach dem kommunistischen Putsch von 1978 nach Afghanistan hätten zurückkehren können. Wie haben Sie diese Zeit empfunden? Welche Erinnerungen haben Sie an das Pariser Exil?
Khaled Hosseini: Die ersten beiden Jahre in Paris, von 1976 bis 1978, waren ganz wunderbar. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht außerhalb von Afghanistan und Iran gewesen, wo ich zwei Jahre als Kind gelebt habe. Paris hat mich umgehauen; es war ein Fest für die Sinne. Und in gewisser Weise kam es mir so vor, als wären wir hundert Jahre in der Zeit nach vorne gesprungen. Ich fühlte mich wie am Set eines Science-Fiction-Films. Vor Paris hatte ich nie einen Wolkenkratzer gesehen, war nie in einem Aufzug, bin nie mit der U-Bahn gefahren oder habe Autos auf einer Autobahn entlangrasen sehen. Es waren glückliche Jahre, die wir damit verbrachten, Französisch zu lernen, die französische Küche auszuprobieren, französisches Fernsehen zu schauen, Sehenswürdigkeiten zu besuchen und uns überhaupt in der französischen Kultur zurechtzufinden. Allerdings wussten wir, dass wir nur vorübergehend bleiben und bald wieder mit unseren Freunden und unserer Familie in Kabul zusammen sein würden, sobald die 4-Jahres-Stelle meines Vaters in Paris auslief.
Die Zeit nach dem kommunistischen Putsch von 1978 war für uns eine Zeit der Veränderung. Unsere Welt, so wie wir sie kannten, gab es nicht mehr. Wir hatten das Gefühl, dass uns der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Von unserer Wohnung in Paris aus erhielten wir regelmäßig Nachrichten von Familienmitgliedern, von Freunden oder Bekannten, die eingesperrt, gefoltert, getötet oder vermisst wurden. Wir erhielten Anrufe von Familienmitgliedern, denen die Flucht gelungen war und die im Westen versuchten, Asyl zu beantragen. Es war eine Zeit großer Unruhe und Angst, die in der Entscheidung meines Vaters gipfelte, Asyl in den Vereinigten Staaten zu suchen, wo wir uns wieder an eine neue Kultur, eine neue Sprache und eine neue Lebensart gewöhnen mussten.
Frage: Sie haben Ihrem Roman ein Gedicht von Rumi vorangestellt. Ist es ein Gedicht, mit dem Sie aufgewachsen sind, das Sie in Ihrer Kindheit begleitet hat?
Khaled Hosseini: Nein, ich habe es erst später im Englischunterricht gelesen. Aber ich bin natürlich mit Rumi und anderen Sufi-Dichtern wie Hafez, Khayyám und Beydel aufgewachsen. Gedichte spielten in meiner Familie eine große Rolle, wie fast überall in Afghanistan. In der Schule wurde von uns erwartet, dass wir Gedichte auswendig lernten und sie rezitieren konnten. Afghanen, egal ob sie auf dem Land oder in der Stadt leben, wachsen traditionell mit Lyrik auf. Es wäre nicht weiter verwunderlich, auf einen analphabetischen Bauern irgendwo in der Einöde von Afghanistan zu treffen, der Ihnen ein Rumi-Gedicht nach dem anderen aufsagen kann. Auch auf die Gefahr hin, mir selbst vorzugreifen: Es gibt eine Figur in meinem Roman ›Traumsammler‹, die sagt, sie liebt die Afghanen, weil selbst die Graffiti-Künstler dort Verse von Rumi auf die Mauern sprühen. Tatsächlich bin ich bei meinen Reisen nach Afghanistan immer erstaunt, wie oft ich an den Wänden von verlassenen Gebäuden Verse anstelle der üblichen Sprüche finde. Es ist einfach Teil der afghanischen DNA.
Frage: Ihr Roman beginnt mit einem Märchen über einen Dämon, der in einem Dorf ein Kind raubt. Wurden Ihnen ähnliche Geschichten erzählt, als Sie ein kleiner Junge waren? Lesen Sie Ihren eigenen Kindern Märchen vor?
Khaled Hosseini: Zu den lebhaftesten und eindrücklichsten Erinnerungen meiner Kindheit in Afghanistan gehören die Geschichten über Dämonen, Riesen und Feen, die meine Großmutter meinem Bruder und mir erzählt hat. Einige dieser Geschichten wurden ihr erzählt, als sie selbst noch ein kleines Mädchen war, andere, glaube ich, hat sie frei erfunden. Sie war eine sehr begabte Geschichtenerzählerin. Ihre Fähigkeit, einen in den Bann zu ziehen und so zu fesseln, dass man ihr hingerissen zuhören musste, habe ich meiner Figur Saboor verliehen. Ich habe meinen Kindern vorgelesen als sie noch kleiner waren (sie sind jetzt zehn und zwölf) – zeitgenössische Literatur, zum Beispiel von Lemony Snicket und Kate DiCamillo. Ich habe ihnen aber auch Märchen vorgelesen – von den Gebrüdern Grimm und Hans Christian Andersen – aber fast genauso oft habe ich welche erfunden. Ich improvisiere gerne, höre immer mit einem Cliffhanger auf und mache dann trotz der Proteste meiner Kinder das Licht aus.
Frage: Welche Motive oder Themen gibt es in ›Traumsammler‹, die auch in Ihren beiden vorherigen Romanen eine zentrale Rolle gespielt haben?
Khaled Hosseini: Das Thema Familie begleitet mich, seit ich denken kann, und ist ein zentrales Motiv meines Schreibens. Wie schon meine vorherigen beiden Romane, ist auch mein neues Buch eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Ich glaube, dass sich alle großen Themen des Lebens, des Menschseins, in Familiengeschichten wiederfinden – egal ob es um Liebe, Trauer, Konflikte oder die Bereitschaft, Opfer zu bringen, geht. Und dennoch sind diese Dinge von Familie zu Familie verschieden. Jede Familie ist einzigartig in ihrer Konstellation, ihrer Dynamik und ihren Streitigkeiten, die vielleicht ursprünglich auf Zuneigung gründen. Es gibt endlos viele Variationen dieses Motivs. Familien sind für mich Rätsel, die zu lösen ein Leben lang dauert, die sich allerdings häufig gar nicht lösen lassen. Ich möchte erforschen, wie Menschen in Familien miteinander in Verbindung sind, sei es durch Liebe, Pflichtgefühl oder andere Gefühlslagen.
Ebenso wie in den zwei vorangegangenen Romanen ist Afghanistan Ausgangspunkt der Geschichte. Die Figuren sind, unabhängig von ihrer Nationalität, unterschiedlich stark mit Afghanistan verbunden. Manche sind im Exil lebende Afghanen, die eine sehr kümmerliche Beziehung zu ihrer Heimat haben, andere sind ausländische Helfer, die eine innige Beziehung zu diesem Land und seinen Leuten entwickelt haben. Einige spüren eine tiefe Verbundenheit, die sie entweder zu bewahren oder zu lockern versuchen. Wieder andere sind noch ambivalenter eingestellt, was ihre afghanischen Wurzeln betrifft.
Nicht zuletzt verbindet meine Figuren vieles, was sie erleben – es sind allgemeingültige Erfahrungen, unabhängig davon, welcher Nationalität sie sind: den Verlust der Familie, die Angst verlassen zu werden, das Bestreben, ein guter Mensch zu sein und richtig zu handeln, die Sehnsucht nach Heimat oder die Herausforderung, sich um einen geliebten Menschen zu kümmern, der im Sterben liegt. Dies sind menschliche Erfahrungen, die über Grenzen, Sprachbarrieren und Religionen hinausgehen.
Frage: Können Sie etwas näher auf das Motiv der Geschwisterbeziehung eingehen, das in ›Traumsammler‹ zentral ist?
Khaled Hosseini: Weil ich selbst drei Brüder und eine Schwester habe, weiß ich, dass dieser Aspekt einer Familiengeschichte thematisch sehr ergiebig ist. Geschwisterbeziehungen sind durchdrungen von Liebe, Unbeständigkeit, Neid und auch anderen – oft konfliktreichen – Gefühlen, die einen idealen Nährboden für Geschichten bieten. Ich interessiere mich für die Verwicklungen innerhalb dieser Beziehungen, ihre Widersprüche, ihre Spannungen, die Streitigkeiten und die Zuneigung, die Erfahrungen, die man in jungen Jahren macht, und die die Beziehung zwischen Brüdern und Schwestern entweder zerbrechen oder enger werden lassen. Ich finde diese prägenden Erfahrungen, die Geschwister miteinander teilen, sehr interessant. Inwiefern formen Kindheitserlebnisse Brüder und Schwestern und machen sie zu den Erwachsenen, die sie später werden? Inwiefern dienen sie als treibende Kraft hinter Falschheit, Hingabe, Entfremdung und Handlungen aus Nächstenliebe? Das sind Fragen, die mich schon sehr lange beschäftigen.
Frage: Ein anderes wichtiges Motiv in Ihrem Roman ist das Sich-Kümmern, die Pflege eines anderen Menschen.
Khaled Hosseini: Wie meine beiden vorangegangenen Romane ist ›Traumsammler‹ zuallererst eine Liebesgeschichte. In unterschiedlicher Schattierung verzehren sich die Figuren in meinem Roman nach Liebe, und manche finden sie auch – oft jedoch in überraschenden Zusammenhängen. Die Liebe zeigt sich darüber hinaus in vielen verschiedenen Formen jenseits aller Konzepte von traditioneller, romantischer Liebe.
Ein Beispiel: Mein Vater starb Ende 2009 nach langem Kampf gegen den Krebs. Im letzten Jahr seines Lebens war er beinahe hilflos. Meine Mutter übernahm die Aufgabe, sich um ihn zu kümmern. Sie fütterte ihn, wusch ihn, fuhr ihn herum, zog ihn an, las ihm vor, gab ihm seine Medikamente, kochte für ihn. Ihr Leben verwandelte sich in eine Abfolge von Aufgaben, die morgens mit dem Aufstehen begann und mit dem zu Bett gehen endete. Sie erwartete keine Dankbarkeit und beschwerte sich nie. In der Pflege meiner Mutter, dem täglichen Sich-Kümmern um meinen todkranken Vater, sehe ich den stärksten, aufrichtigsten, unerschütterlichsten Ausdruck von Liebe, der mir je begegnet ist. Ich habe begriffen, mit wie viel Anstrengung Liebe verbunden sein kann, wie beschwerlich sie ist und wie viel Geduld sie erfordert. Ich habe begriffen, dass Fürsorge zum Akt der Rettung dessen wird, was am hellsten strahlt in denjenigen, die wir lieben. Und in diesem Prozess verändern auch wir uns und zeigen unsere wahre Natur.
Erstaunlicherweise kann ich mich nicht entsinnen, beim Schreiben des Romans bewusst an meine Eltern gedacht zu haben – aber diese Verbindung scheint mir jetzt ziemlich offensichtlich.
Frage: Der unglaubliche internationale Erfolg von ›Drachenläufer‹ und ›Tausend strahlende Sonnen‹ hat Ihnen die Gründung einer humanitären Organisation, der Khaled Hosseini Stiftung, ermöglicht. Was leistet diese Stiftung, wie engagieren Sie sich?
Khaled Hosseini: Während meines Aufenthaltes in Nord-Afghanistan im September 2007 habe ich Familien kennengelernt, die mit weniger als einem Dollar am Tag ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie verbringen ganze Winter buchstäblich in Löchern, die sie in die Erde gegraben haben. Ich habe Dörfer gesehen, in denen in den heißen Sommern und kalten Wintern regelmäßig zehn bis fünfzehn Kinder sterben. Die Menschen dort trinken Wasser aus schmutzigen Flüssen und sterben an Krankheiten, an denen man längst nicht mehr sterben muss. Sie haben kein Dach über dem Kopf und keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, gehen nicht zur Schule, haben nicht genügend zu essen – geschweige denn eine Arbeit. Das hat mich sehr erschüttert.
Auf dem Flug zurück nach Kalifornien hatte ich Angst, dass diese lebensverändernde Reise vergebens gewesen sein könnte. Nachdem ich zu Hause angekommen war, habe ich lange mit meiner Frau Roya darüber geredet, was für Möglichkeiten wir haben, um in Afghanistan zu helfen. Die Khaled Hosseini Stiftung ist das Ergebnis unserer Gespräche. Wir hoffen, mit dieser Stiftung einen beständigen Beitrag leisten zu können. Unser wesentliches Ziel ist die Finanzierung von Projekten, die Frauen und Kinder unterstützen – zwei Gruppen, die mehr als alle anderen gelitten haben und die Zukunft Afghanistans sind. Wir versuchen, auch Flüchtlinge zu unterstützen, deren Lebensbedingungen elend sind. Unter ihnen gibt es besonders viele Witwen und Waisen. Wir finanzieren Projekte, die sich um Obdach für Familien, Arbeit für Frauen und Bildung für Kinder kümmern. Unser Ziel ist es, ihnen ein Gefühl der Kontrolle über ihr Leben zu geben.
Seit 2008 hat die Stiftung durch ihre Partnerschaft mit dem Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge 359 Unterkünfte für über 2000 Menschen finanziert. 2012 hat die Stiftung 110.000 US Dollar bereitgestellt, die ausreichen, um 55 Unterkünfte zu bauen und deren laufende Kosten zu decken. Wir haben auch Stipendienprogramme für junge Frauen eingerichtet, Literaturkurse für erwachsene Frauen und Förderprogramme, um Straßenkinder in die Schulen zu kriegen. Wir haben auch Bildungsstätten eingerichtet, in denen jedes Jahr hunderte Kinder betreut werden, ein Ultraschallgerät für ein Mutterschaftszentrum gekauft und einen Kindergarten gegründet, um der Kinderarbeit in der Teppichknüpf-Industrie etwas entgegenzusetzen.
Frage: Die Vereinten Nationen haben Sie zum Sonderbotschafter für Flüchtlinge ernannt. Wie sieht Ihre Arbeit als Botschafter aus?
Khaled Hosseini: Sie eröffnet mir die Möglichkeit, Flüchtlingen, insbesondere den afghanischen, eine Stimme zu geben. Es sind derzeit, nach Angaben der Vereinten Nationen, 42,5 Millionen Menschen weltweit, die als Flüchtlinge und Vertriebene leben. Im nächsten Jahrzehnt wird diese Zahl angesichts von Konflikten, Naturkatastrophen, Klimawandel, steigenden Lebensmittelpreisen etc. weiter anwachsen.
Die meisten Flüchtlinge sind Frauen und Kinder, die keine Lobby haben. Ich habe im Verlauf meiner Reisen in Afghanistan und in Tschad versucht, deutlich zu machen, welche Anstrengungen diese Menschen auf sich nehmen müssen, deren Leben zerrüttet sind und die ihre Häuser, ihr Eigentum und ihre Umgebung verloren haben. Ich versuche, das Bewusstsein für die immensen Probleme zu schärfen, die entstehen, wenn Flüchtlinge nach Hause zurückkehren und sich der Aufgabe stellen, sich in Afghanistan zurechtzufinden, ihr Leben in einem Land wiederaufzunehmen, in dem sie so gut wie keine Unterstützung von der Regierung erhalten und ihnen keine sozialen Einrichtungen zur Verfügung stehen. Ich würde mein privilegiertes Leben niemals mit dem dieser Flüchtlinge vergleichen. Aber auch ich bin in den Vereinigten Staaten als Asylant angekommen und fühle mich daher Menschen, die ihre Heimat verloren haben, nahe.
Frage: Sie sind nicht nur Autor, sondern auch Arzt. Welchen Eindruck haben Sie von den hygienischen und medizinischen Zuständen in den Gebieten, die Sie bereist haben?
Khaled Hosseini: Als ich 2003 zum ersten Mal zurück nach Kabul kam, war ich sehr betroffen von der verheerenden Situation in den Krankenhäusern. Die Krankenzimmer waren überfüllt, Menschen lagen auf Tragen in den Gängen. Den Krankenhäusern fehlte es an grundsätzlichen Versorgungsmitteln wie Antibiotika, Elektrolytbeuteln, physiologischen Kochsalzlösungen, Anästhetika etc. Ich war bestürzt und zugleich beeindruckt von den Fähigkeiten der Ärzte, ihre Patienten mit so beschränkten Mitteln zu versorgen.
Die gute Nachricht ist, dass Afghanistan inzwischen besser da steht, was das Gesundheitswesen betrifft. Die Impfkampagnen haben etwas gebracht. Die Kindersterblichkeitsrate ist um 25% zurückgegangen. Mehr als 80% der Bevölkerung haben nun Zugang zu medizinischer Versorgung. Bei den unter 5-Jährigen ist die Sterblichkeitsrate ebenfalls von 97 auf 77 Tode pro 1000 Geburten zurückgegangen. Auch die Müttersterblichkeitsrate hat sich von 1400 auf 327 pro 100.000 Lebendgeburten reduziert (all diese Angaben stammen vom afghanischen Gesundheitsministerium). Die Lebenserwartung insgesamt hat sich für Männer und Frauen auf 62 respektive 64 Jahre erhöht. All dies sind positive Trends, aber es ist offensichtlich, dass noch viel Arbeit vor uns liegt.
Frage: Gibt es jemanden, dem Sie während Ihrer Reisen begegnet sind und der Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Khaled Hosseini: 2010 habe ich während meiner letzten Reise nach Afghanistan zwei junge Schwestern kennengelernt. Ich konnte sofort die starke Verbundenheit zwischen ihnen spüren. Saliha, fünf Jahre alt, hielt beschützend die Hand ihrer dreijährigen Schwester Reyhan. Beide waren Flüchtlingskinder, die mit ihrer Familie nach Afghanistan zurückgekehrt sind und sich gerade so über Wasser halten konnten. Zusammen mit einer weiteren Familie lebten sie in einem abgelegenen, windigen und staubigen Gebiet der Shomali-Ebene, nördlich von Kabul, wenige Meilen vom Luftstützpunkt Bagram entfernt. Eine trostlose Gegend. Der Vater der Mädchen, 38, ein freundlicher Mann mit sanfter Stimme, erzählte mir ausführlich von seiner Entscheidung nach langen Jahren des Exils Pakistan zu verlassen und nach Hause zurückzukehren. Er berichtete mir von den schwierigen Verhältnissen, in denen seine Familie nun lebt – kein sauberes Trinkwasser und keine Arbeit, keine Schulen und auch kein Krankenhaus in der Nähe. Ich beobachtete seine Töchter, die mit einem dürren Huhn und ihrem einzigen Spielzeug, einem kleinen Plastik-Bär, spielten. Ich bewunderte die Ausdauer dieses Familienvaters. Und ich habe mich gefragt, wie weit ich gehen würde, wenn ich an seiner Stelle wäre und seine Probleme hätte. Seine Familie steht für mich exemplarisch für die schwierige Situation, der die Afghanen ausgesetzt sind, wenn sie nach Jahren des Krieges nach Hause zurückkehren und versuchen, ein neues Leben anzufangen. Ich kann nur mutmaßen, wie es für sie weitergehen wird, in diesem staubigen Flachland, vollkommen abgeschnitten von der Zivilisation, wo sie versuchen, sich irgendwie durchzuschlagen.
Die beiden Mädchen brachen mir das Herz. Als wir abgereist sind, gab ich Saliha einen Apfel, den ich mir für das Mittagessen eingepackt hatte. Sie lief rüber zu ihrer kleinen Schwester und gab ihn an sie weiter. Ich hatte dieses Bild – diese Geste, diese Hingabe – vor Augen, als ich die Szenen mit Abdullah und seiner Schwester Pari in ›Traumsammler‹ geschrieben habe.
Frage: Was hat Sie auf Ihren Reisen durch Afghanistan beeindruckt?
Khaled Hosseini: Der starke Optimismus, die Hoffnung und die Widerstandsfähigkeit in der afghanischen Bevölkerung. Das ist besonders bemerkenswert, wenn man sich die eher schwierige Bilanz der letzten dreißig Jahre vor Augen führt. Sicher gibt es in Afghanistan viele Gründe, zu verzweifeln – Gewalt, Armut, Arbeitslosigkeit, Korruption, Vertreibung, die Unterversorgung. Dennoch zeigen viele Umfragen, dass die Afghanen hoffnungsvoll sind, was ihre Zukunft betrifft und wild entschlossen, ihr Land wieder aufzubauen. Nach Afghanistan zu reisen, das ist für mich jedes Mal so, als würde man mir eine komplett neue Sicht der Dinge einimpfen.
Frage: Und was hat Sie am meisten erschüttert?
Khaled Hosseini: Dass auch ehemals sichere Gegenden in Afghanistan inzwischen als gefährlich gelten. 2007 konnte ich noch mit dem Auto von Kabul in die nördlicher gelegenen afghanischen Städte Kunduz und Mazar-i-Sharif fahren. Die Straßen dorthin sind nun unsicher, und besonders in Kunduz gibt es wesentlich mehr Selbstmordattentate und Anschläge als früher. Die Unterversorgung der Bevölkerung ist für viele einer der Hauptgründe, warum sie sich entscheiden, das Land zu verlassen und sich als illegale Einwanderer in den Nachbarländern eine oft schlecht bezahlte Arbeit zu suchen. Dass es keine stabile Regierung gibt, das spürt man in vielen Regionen.
Frage: Obama hat angekündigt, bis 2014 alle US-Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Was glauben Sie, wird die Zukunft für Afghanistan bereithalten?
Khaled Hosseini: Ich glaube, dass eine Zeit der Verunsicherung und der Unruhe auf das Land zukommt, geprägt von politischer Instabilität und noch mehr Gewalt – auch wenn man versucht, auf ein Friedensabkommen mit den Aufständischen hinzuarbeiten. Der Weg zum Frieden könnte sich als trügerisch erweisen, weil es keine klare Führung innerhalb der Taliban gibt und die Bedingungen, die jede Gruppe stellt, könnten, zumindest für einige Zeit, zu einer Reihe von Pattsituationen führen. Nicht zu vergessen die Nachbarstaaten Afghanistans, die ihre eigenen Interessen und Vorstellungen einbringen und wahrscheinlich versuchen werden, den Ausgang der Verhandlungen zu ihrem eigenen Vorteil zu beeinflussen.
Nichtsdestotrotz bin ich verhalten optimistisch, dass Frieden in Afghanistan denkbar ist. Obwohl ich befürchte, dass mit dem Rückzug der westlichen Truppen Chaos und Bürgerkriege wie in den 90ern wiederkehren werden, hoffe ich doch, dass die Menschen etwas aus der Katastrophe gelernt haben und die zahllosen Splittergruppen einsehen, wie wertvoll der Frieden wäre.
Meine größte Hoffnung ist, dass, wenn die Friedensverhandlungen eines Tages geführt werden, legitimierte Vertreter des afghanischen Volks daran teilhaben können – das schließt natürlich Frauen mit ein.

Aus dem Amerikanischen von Ingo Ebener

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