Interview mit Arundhati Roy

Mit Hans Jürgen Balmes, Programmleiter Internationale Literatur im S. Fischer Verlag, hat Arundhati Roy über ihren neuen Roman ›Das Ministerium des äußersten Glücks‹ gesprochen.
Hans Jürgen Balmes: Über zehn Jahre lang haben Sie an Ihrem Roman geschrieben, nun ist die Arbeit beendet – vermissen Sie Ihre Helden?
Arundhati Roy: Ich habe zehn Jahre mit ihnen gelebt. Aber ich werde sie nie vermissen, denn sie werden mich nie verlassen. Sie sind genauso Teil der Welt wie ich selbst.
Hans Jürgen Balmes: Ihr Roman ist die Suche nach einer Art der Liebe, die unter dem Druck der Gesellschaft überlebt.
Arundhati Roy: Ich bin mir nicht sicher, ob der Roman eine Suche ist oder war. Er ist, wie er ist. Eine genauere Definition, ein präziseres Resümee kann ich nicht finden. Er ist.

In all den Jahren voller Reisen, Leben, Wohnen und Lieben, in denen ich an ihm schrieb, war ich immer wieder überrascht, an den unwahrscheinlichsten Orten Liebe, Hoffnung, Glück zu finden – und im Gegenzug zu entdecken, dass woanders völlig unerwartet Verzweiflung und Gemeinheit, Kleingeist und Pessimismus wie Pilze aus dem Boden schießen.
Hans Jürgen Balmes: Was war in den zehn Jahren am schwersten zu finden?
Arundhati Roy: Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob ich das alles geschrieben habe. Ich konzentrierte mich. Die Figuren schrieben den Roman. Ich ließ sie. Was war am schwersten zu finden? Vielleicht – wenn man bedenkt, wer ich bin, wo ich lebe und was hier alles geschieht – war es am schwersten, das Geschenk einer anhaltenden, nicht unterbrochenen Konzentration festzuhalten. Aber ich habe sie gefunden. Ich hielt an ihr fest. Am Ende war ich eine militante Einsiedlerin. Die Schwierigkeit ist nun, das wieder aufzulösen. Aber die, die mich kennen, werden das verstehen ...
Hans Jürgen Balmes: In den zwanzig Jahren zwischen Ihren beiden Romanen hat sich Indien sehr gewandelt, viele dieser Entwicklungen haben Sie kommentiert und gegen sie protestiert. Hat dies Ihre Phantasie gelähmt oder eher beflügelt?
Arundhati Roy: Alles, was ich den letzten zwanzig Jahren schrieb, hat mein Denken nuancierter und komplexer werden lassen und meine Phantasie angespornt. Dieses Verständnis ist Grundlage des ganzen Buches. Während des Schreibens war eines der größten Hindernisse die Frage, wie ich der Dummheit des Mobs aus dem Weg gehe, die in Indien zu einer wahren Sturmflut geworden ist. Es gibt hier keine Meinungsfreiheit. Doch im Unterschied zu Diktaturen (einschließlich der Diktatur des Proletariats), wo der Staat oder der Alleinherrscher die Meinungsfreiheit zensiert, hat man dies in Indien an den Mob delegiert.

Und man kann nie voraussehen, welche »identitären« (um das so auszudrücken), chauvinistischen, nihilistischen Schlägergruppen hinter einem her sind. Welcher heimtückische, publicitygeiler Mensch wird vor Gericht eine Anklage gegen dich erheben, so dass die Bürger ein Schauspiel erleben – mit einem Schriftsteller, einem Regisseur oder einer Schauspielerin, die wie Kriminelle dem Richter vorgeführt werden. Es ist kein großes Ding, aber es nimmt dir deine Energie, deine Spontanität, deinen Humor, deine Lust, etwas Neues auszuprobieren, den Würfel rollen zu lassen. Es macht Literatur unmöglich. Was bei mir dazu führte, dass ich das Buch genau so schrieb, wie ich es wollte und ich mir sagte, dann stecke ich das Manuskript halt in die Schublade. Aber wenn es einmal da ist, will es in die Augen der Öffentlichkeit. Eine Schriftstellerin und ihr Ego ... Himmel!

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