Interview mit Anne Weber
Sohn eines berühmten Vaters, Sohn einer nicht standesgemäßen Mutter – August von Goethe entkommt den Familienschatten nicht, reibt sich auf und geht schließlich daran zugrunde: Ein blasser Junge, der den eigenen Weg, das eigene Leben nicht findet.
Anne Weber, »eine ganz besondere literarische Begabung« (Ulrich Wickert, NDR Kultur), wählt nach ihrem gefeierten Roman »Luft und Liebe« die Form eines Theaters im Kopf, um die Existenz eines ewigen Sohnes und sein Ringen um Selbständigkeit als Ausweg in die Freiheit literarisch vielstimmig und eindringlich darzustellen.
Anne Weber, »eine ganz besondere literarische Begabung« (Ulrich Wickert, NDR Kultur), wählt nach ihrem gefeierten Roman »Luft und Liebe« die Form eines Theaters im Kopf, um die Existenz eines ewigen Sohnes und sein Ringen um Selbständigkeit als Ausweg in die Freiheit literarisch vielstimmig und eindringlich darzustellen.
Petra Gropp: Sie haben zuletzt einen von der Kritik gefeierten und bei den Lesern sehr erfolgreichen Roman geschrieben, »Luft und Liebe«. Es hätte ein Stoff für einen Kitschroman sein können, haben Sie über dieses Buch gesagt, und in Ihren Händen ist diese romantische »Prinzessinnengeschichte« zu einer so leichten wie raffiniert-intelligenten, funkelnd ironischen Erzählung um Liebe, Betrug und Rache geworden.
Im Mittelpunkt Ihres neuen Buches, »August«, steht eine reale Person, August von Goethe, der Sohn Johann Wolfgang von Goethes. Was reizt Sie an dieser Figur?
Im Mittelpunkt Ihres neuen Buches, »August«, steht eine reale Person, August von Goethe, der Sohn Johann Wolfgang von Goethes. Was reizt Sie an dieser Figur?
Anne Weber: Vielleicht, dass sie so alles andere als »schillernd« und dabei doch tragisch ist. August hat nicht nur das Schicksal eines Menschen, der sein Leben lang im Schatten eines Größeren steht (wofür ich übrigens nicht seinen Vater verantwortlich mache, der schließlich nichts für seine Größe konnte). Was mich anrührte, war auch Augusts Zerrissen-Sein zwischen dem übergroßen, erdrückenden Vater und der in der Augen der guten Weimarer Gesellschaft des Dichters unwürdigen, sozial tief unter ihm stehenden Mutter. August war ein uneheliches Kind. Erst als er schon fast erwachsen war, entschloss sich Goethe doch noch dazu, die Mutter seines Sohnes, Christiane Vulpius, zu heiraten, aber auch diese späte Heirat konnte aus dem Sprössling keinen rechtmäßigen, respektablen Nachfahren mehr machen. Etwas von dem »Schmutz« seiner Geburt blieb immer an ihm haften.
In diese Situation ist August hineingeboren, niemand, er selbst am allerwenigsten, ist dafür verantwortlich zu machen. Darin liegt die Tragik seiner Existenz: Er konnte seiner Lebenssituation nicht entkommen, und ebenso wenig konnte er sie bewältigen. Es war ein unverdientes Leiden, das ihm schon als Kind auferlegt war.
Was mich zu ihm hinzog, war der Wunsch, ihm und seinem schweren Leben gewissermaßen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ihn zu trösten. Ich stellte ihn mir vor als einen, der den ständigen Demütigungen seiner Umwelt ausgesetzt war und der sein ganzes Leben lang hat kämpfen müssen, um sich nichts von seinen Verletzungen anmerken zu lassen.
Neben der Größe der Großen gibt auch eine der Kleinen, eine Größe, die im Schatten entsteht und von allen unbemerkt bleibt. Eine solche unspektakuläre Größe spürte ich bei August, und ich sah es als meine Aufgabe an, sie auch für andere sichtbar zu machen.
In diese Situation ist August hineingeboren, niemand, er selbst am allerwenigsten, ist dafür verantwortlich zu machen. Darin liegt die Tragik seiner Existenz: Er konnte seiner Lebenssituation nicht entkommen, und ebenso wenig konnte er sie bewältigen. Es war ein unverdientes Leiden, das ihm schon als Kind auferlegt war.
Was mich zu ihm hinzog, war der Wunsch, ihm und seinem schweren Leben gewissermaßen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ihn zu trösten. Ich stellte ihn mir vor als einen, der den ständigen Demütigungen seiner Umwelt ausgesetzt war und der sein ganzes Leben lang hat kämpfen müssen, um sich nichts von seinen Verletzungen anmerken zu lassen.
Neben der Größe der Großen gibt auch eine der Kleinen, eine Größe, die im Schatten entsteht und von allen unbemerkt bleibt. Eine solche unspektakuläre Größe spürte ich bei August, und ich sah es als meine Aufgabe an, sie auch für andere sichtbar zu machen.
Petra Gropp: Ihre Bücher, die vor dem Roman »Luft und Liebe« erschienen, »Erste Person« und »Besuch bei Zerberus«, um nur zwei zu nennen, sind keine Romane, sondern erzählend-reflektierende Texte. »August« ist »Ein bürgerliches Puppentrauerspiel«.
Wie entscheiden Sie, welche Form ein Text haben wird? Und wie sind Sie auf diese wunderbare, seltene und ganz außergewöhnliche Gattung des »bürgerlichen Puppentrauerspiels« gekommen?
Wie entscheiden Sie, welche Form ein Text haben wird? Und wie sind Sie auf diese wunderbare, seltene und ganz außergewöhnliche Gattung des »bürgerlichen Puppentrauerspiels« gekommen?
Anne Weber: Diesmal wäre der Stoff nicht, wie der von »Luft und Liebe«, für einen Kitschroman geeignet gewesen, sondern vielleicht für einen historischen Roman oder für eine Biographie. Dafür wäre ich wiederum nicht die geeignete Autorin gewesen. Auf keinen Fall konnte ich mir vorstellen, historische Figuren reden zu lassen, wie sie vielleicht gesprochen haben könnten, oder wie man sich das heute jedenfalls vorstellt, womöglich in einer altertümelnden Sprache. Jeder historische Realismus – nicht aber eine historische und menschliche Wahrheit – musste von vornherein ausgeschlossen werden. So kam ich auf die Idee, eine Art Theater im Kopf, also ein Puppentheater im übertragenen Sinne zu erfinden. Denn erstens ist es die Zeit des Marionettentheaters: Goethe selbst erzählt, dass er als Halbwüchsiger Stücke erfand und mithilfe von Marionetten aufführte; es ist die Zeit, in der Kleists Versuch »Über das Marionettenheater« entstand. Zweitens hat das klassische Weimar, von heute aus betrachtet, etwas von einem Puppentheater. Einmal, weil es solch ein kleines Städtchen ist, aber auch, weil jeder halbwegs gebildete Deutsche ein bisschen etwas über die Figuren des klassischen Weimar weiß: Goethe, Schiller, Charlotte von Stein, Eckermann usw.
Und schließlich erlaubte mir diese Form, eben jenem historischen Realismus, den ich meiden wollte, wirksam zu entkommen. In meinem Lesestück können sich Menschen von damals und von heute, können sich Tote und Lebendige und sogar fiktive Figuren begegnen. Die Grenzen zwischen den Epochen, zwischen Leben und Tod sind aufgehoben. In der Einbildung leben sie alle zugleich.
Und schließlich erlaubte mir diese Form, eben jenem historischen Realismus, den ich meiden wollte, wirksam zu entkommen. In meinem Lesestück können sich Menschen von damals und von heute, können sich Tote und Lebendige und sogar fiktive Figuren begegnen. Die Grenzen zwischen den Epochen, zwischen Leben und Tod sind aufgehoben. In der Einbildung leben sie alle zugleich.
Petra Gropp: In »August« sprechen und spielen tatsächlich historische Personen, die Mutter von August, Christiane Vulpius, seine Gattin Ottilie, aber auch Thomas Mann, der anbietet, in der Rolle des Geheimrats von Goethe aufzutreten. Zudem wird auch die Autorin Anne Weber auf die Bühne zitiert. Dieses Spiel mit Zeiten, Fiktion und Realität würde sich in einem realen Theaterstück so nicht umsetzen lassen. Sind diese Freiheiten auch ein Grund dafür, die dramatische Textform als Buch zu veröffentlichen und nicht primär als Theaterstück anzubieten?
Anne Weber: Bei jedem Lesen – sei es bei der Lektüre eines Romans, einer Erzählung oder eines Theaterstückes – entstehen Bilder. Ob man diese Bilder nun in der Vorstellung belässt, oder ob man beschließt, sie auf einer Bühne oder als Hörspiel oder sonstwie aufzuführen, ist letztlich nicht so wichtig. Ich halte den Kopf für den besten – und billigsten – Theatersaal der Welt. Man braucht keine Schauspieler, keine Dramaturgen und keinen Regisseur. Ein guter Leser kann sie mühelos ersetzen.
Aber natürlich gibt es große Theateraufführungen, und ich freue mich schon darauf, dass ein Regisseur die Bilder, die bei der Lektüre in seinem Kopf entstanden sind, vergrößert auf einer Theaterbühne sichtbar machen möchte.
Aber natürlich gibt es große Theateraufführungen, und ich freue mich schon darauf, dass ein Regisseur die Bilder, die bei der Lektüre in seinem Kopf entstanden sind, vergrößert auf einer Theaterbühne sichtbar machen möchte.
Petra Gropp: Zudem gibt es in dem Stück auch »Schnitte« und eine »Kamera«. Können wir uns das Geschehen also auch als Fernseh-Show vorstellen?
Anne Weber: Während ich an »August« schrieb, überkam mich das Gefühl einer großen, bisher nicht gekannten Freiheit. Innerhalb des Rahmens dieses »bürgerlichen Puppentrauerspiels« war plötzlich alles möglich: Hier konnten Lebende auftreten und Tote, und sie konnten miteinander sprechen. Es konnte gesungen werden oder gereimt: Es kam ja nicht darauf an, das historisch »Wahrscheinliche« zu treffen oder sich gar nur an das historisch »Belegte« zu halten, sondern was sich hier herausbilden sollte, war eine andersartige, dichterische und gefühlte Wahrheit. In meinem Übermut schrieb ich die eine oder andere Szene wie für ein Drehbuch, mit Zoom-Effekten und Kamera-Schwenk. Die Vorstellung des Lesers – und für diese ist, wie gesagt, »August« geschrieben – kennt keine solchen Einteilungen, sie ist nicht beschränkt auf diese oder jene Medien oder Kunstformen: Ihr ist jedes Medium recht.
Petra Gropp: Das »Puppentrauerspiel« ist zugleich ein Spukstück. Zur Geisterstunde lässt die Autorin Anne Weber die Toten auferstehen und zu einem Theaterstück antreten. »Die Toten sind den Lebenden ausgeliefert«, heißt es an einer Stelle. Ist die Autorin also eine Art Marionettenspielerin? Gilt diese Vorstellung der Autorin als Puppenspielerin im Grunde genommen für jedes Ihrer Bücher?
Anne Weber: Auch wenn manche Romanciers behaupten, ihre Figuren entwickelten ein derart ausgeprägtes Eigenleben, dass sie gar keine Kontrolle über sie haben, gilt doch im Allgemeinen, dass die Personen eines fiktiven Werkes ihrem Erschaffer ausgeliefert sind. Es ist der Autor, der über sie und ihr Tun und Lassen, ja, sogar über ihr Denken und Träumen entscheidet. Wer über Personen schreibt, die gelebt haben, ist nicht ganz so frei: Meistens fühlt er sich verpflichtet, sich nicht allzu weit von dem, was man über ihr Leben weiß, zu entfernen. Als Autor eines erdachten Werkes, einer Fiktion – und das ist »August«, auch wenn sich das Buch an bestimmten biographischen Gegebenheiten orientiert – ist man deshalb immer eine Art Puppenspieler, auch wenn auf dem Buchumschlag nicht »Puppenspiel«, sondern etwa »Roman« als Genre-Bezeichnung steht.
Was dieses Buch angeht, so könnte man statt »Puppen« ebenso gut »Geister« sagen: Die meisten Personen sind schon lange tot und werden von mir zu neuem Leben erweckt. Aber auch Romanfiguren sind nicht weit entfernt von einem solchen Geister- oder Puppendasein. Erst die Phantasie des Lesers macht sie zu Menschen.
Was dieses Buch angeht, so könnte man statt »Puppen« ebenso gut »Geister« sagen: Die meisten Personen sind schon lange tot und werden von mir zu neuem Leben erweckt. Aber auch Romanfiguren sind nicht weit entfernt von einem solchen Geister- oder Puppendasein. Erst die Phantasie des Lesers macht sie zu Menschen.
Petra Gropp: Das Buch ist in Frankreich bereits erschienen (Le Bruit du temps), und wieder haben Sie es übersetzt, wie Sie es mit all Ihren Büchern machen. Braucht es eine besondere Vermittlung der Figur August von Goethes für das französische Publikum?
Anne Weber: In der Tat ist dem französischen Publikum die Goethe-Zeit weniger, um nicht zu sagen gar nicht vertraut. Aber das Buch liefert im Grunde alle Erklärungen, die zum Verständnis notwendig sind, mit. Das gilt übrigens sowohl für die deutsche als auch für die französische Fassung.
Petra Gropp: Verraten Sie, woran Sie gerade arbeiten?
Anne Weber: Noch einmal – nach »Luft und Liebe« – an einer Liebesgeschichte. In »Luft und Liebe« ging es im Grunde mehr um Luft als um Liebe. Das soll diesmal anders werden. Gleichzeitig wird dieser Roman den Mythos von Orpheus und Eurydike wieder aufgreifen: Durch die Kraft der Liebe soll die gegen Ende der Geschichte sterbende Geliebte zu den Lebenden zurückgeholt werden. Der Roman wird »Tal der Herrlichkeiten« heißen.
Weitere Interviews
Gespräch mit Anne Weber über „Luft und Liebe“ - Interview vom 07.02.2011
