Interview mit Lale Akgün

Lale Akgün über das Bücherschreiben, Leberkäsebrötchen und ihre Familie
Krüger Verlag: Sie sind Politikerin, sitzen im Deutschen Bundestag und haben eine Familie. Und jetzt werden Sie auch noch Buchautorin. Wann machen Sie das alles, Frau Akgün?
Lale Akgün: Das ist alles nur eine Frage der Organisation. Das Buch habe ich beispielsweise während der Sommerpause und während der Weihnachtsferien geschrieben. Auch die paar Tage über Ostern mussten herhalten. Und die Zeit hat mir großes Vergnügen bereitet, denn ich bin sehr unsportlich, und während andere schwimmen gehen, Skilaufen oder Wandern sitze ich lieber im warmen Zimmer und schreibe an einem Buch. Das ist mein Ausgleichssport an den Tasten meines Laptops.
Krüger Verlag: Sie schreiben über Ihre Familie. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Lale Akgün: Wissen Sie, ich bin in meinem Leben so oft nach meiner Familie gefragt worden, dass ich gesagt habe: Jetzt ist es an der Zeit, dass ich eine Familiengeschichte aufschreibe. Dann können es alle lesen. Außerdem ist meine Familie eine reiche Quelle an interessanten und manchmal auch absurden und grotesken Geschichten. Was bin ich nicht schon alles zu meiner Familie gefragt worden: Wie viele Frauen mein Vater hatte, wer mir meinen Mann ausgesucht hätte, ob wir zu Hause die Schuhe ausziehen mussten, und immer wieder kam die Frage nach meiner Frisur und dem Kopftuch. Sie können sich vorstellen, dass das einem mit der Zeit auf den Wecker geht. Oder glauben sie ernsthaft, ich würde meine sauteure Frisur unter einem Kopftuch verstecken?
Krüger Verlag: Wenn ich Sie so anschaue: nein. Aber wie viele Frauen hatte Ihr Vater denn?
Lale Akgün: Eine, und die hat ihm gereicht. Meine Mutter war keine einfache Frau!
Krüger Verlag: Und ein letztes Mal, damit das abschließend geklärt ist: Wenn Sie die Wahl hätten, Kopftuch oder Glatze, was würden Sie wählen?
Lale Akgün: Glatze!
Krüger Verlag: Ach?
Lale Akgün: Ganz ehrlich, vor allem im Sommer brauche ich Luft an meinem Kopf ... Nein, ernsthaft. Das Kopftuch ist für mich persönlich keine Alternative. Dazu bin ich auch viel zu sehr an Mode interessiert. Das ist sozusagen die Schwäche, die ich mir gönne.
Krüger Verlag: Ihre einzige Schwäche? Oder gibt es da noch mehr zu erfahren?
Lale Akgün: Meine große Schwäche im Privatleben ist zugleich eine Stärke in der Politik: Ich mag klare Entscheidungen und kann es nicht ertragen, wenn man rumdruckst und auf Zeit spielt. Damit stelle ich meine Familie manchmal auf eine harte Bewährungsprobe. In der Politik jedenfalls ist es nicht das Schlechteste, Anhängerin klarer Entscheidungen und ebenso klarer Handlungen zu sein.
Krüger Verlag: Und der klaren Worte?
Lale Akgün: Das auch. Aber Sie haben mich dabei ertappt, wie ich aus einer vermeintlichen Schwäche gleich wieder eine Stärke herbeirede. Es gibt natürlich auch Schwächen, denen man wenig Gutes abgewinnen kann: Ich bin zum Beispiel eine ausgesprochene Eule und bekennende Morgenschläferin. Seit ich in der Politik bin, leider nicht mehr praktizierend.
Krüger Verlag: Der Titel Ihres Buches lautet „Tante Semra im Leberkäseland“. Was ist das Besondere an Semra?
Lale Akgün: Tante Semra war meine Lieblingstante, eine ungewöhnliche Frau, vor allem aber war sie eine Weltmeisterin in der Interpretation der Lebenswirklichkeiten. Ich kenne niemanden, der so geschickt im Umgang mit der Wahrheit war. Sie behauptete zum Beispiel steif und fest, Leberkäse bestünde nur aus Leber und Käse, von Schwein wäre da keine Rede, und so könne sie das als praktizierende Muslimin ohne weiteres essen. So hat sie ihre Leibspeise in ihr „muslimisches Leben“ rüber gerettet.
Krüger Verlag: Erkennen Sie sich in Semra wieder?
Lale Akgün: Ihre unbekümmerte Art, auf Menschen zuzugehen und ihre Fähigkeit, die Leichtigkeit des Seins zu genießen, haben mich sehr beeinflusst, das finde ich bei mir wieder. Ich glaube, ich habe auch viel von ihrem Humor geerbt, nur ihre Interpretationsakrobatik, die geht mir leider ab.
Krüger Verlag: Ihre Tante aß am liebsten Leberkäse, was essen Sie am liebsten?
Lale Akgün: Ich esse am liebsten Brezeln und Sandwiches. Kochen ist nicht meine Stärke. Ich bräuchte das Kochbuch „Von der Kunst, Wasser zu kochen, ohne es anzubrennen“ (ich glaube, es gibt so ein Buch) in meiner Bibliothek. In der Küche gelingt mir nichts, aber auch rein gar nichts richtig. Nudeln und Gemüse: zerkocht, Reis: angebrannt, Fleisch: zäh, Nachtisch: schmeckt nach Pappe. Dafür ist die ganze Familie rank und schlank, und um meine Blutwerte beneidet mich mein Hausarzt. Er fragte mich einmal: „Sagen Sie mal, Frau Akgün, wie ernähren Sie sich so?“ Ich fragte zurück: „Warum wollen Sie das wissen?“ Er: „Damit ich das Gleiche esse, Sie haben Blutwerte wie ein junges Mädchen.“ Also, das ist die andere Seite der schlechten Köchin: Man bleibt schlank, oder? Oh, ich merke gerade, dass meine Interpretationsakrobatik an die Tante Semras reicht! Vielleicht sind wir uns doch ähnlicher als ich dachte ...
Krüger Verlag: Ihr Vater war ein glühender Sozialist, Sie sind Mitglied der SPD-Fraktion. War Politik bei Ihnen Gesprächsthema?
Lale Akgün: Die Politik war bei uns zu Hause immer Thema, und zwar unter den Aspekten der Sozialdemokratie: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität. Mein Vater hat sich neben seiner Arbeit als Zahnarzt sehr um die sozialen Belange seiner Mitmenschen gekümmert. Und Freiheit war für ihn immer auch Freiheit des Andersdenkenden. Wobei er nichts dagegen hatte, wenn die Leute seiner Meinung waren, er hat gerne für seine Sache missioniert.
Krüger Verlag: Und Ihre Mutter?
Lale Akgün: Für meine Mutter war die Gleichberechtigung von Mann und Frau von größter Wichtigkeit. Übrigens auch für meinen Vater. Er hat noch nicht einmal die Frage verstanden, ob er nicht gerne einen Sohn hätte, so stolz war er auf seine beiden Töchter, meine Schwester und mich. Nein, ich würde sagen, ich bin in einem ausgesprochen liberalen Elternhaus groß geworden – und in einem sehr lustigen.
Krüger Verlag: Was hat Ihre Mutter gemacht?
Lale Akgün: Meine Mutter hat die Welt kommentiert. Sie war nicht erwerbstätig, wenn Sie das meinen, aber sie hatte Ingenieurwissenschaften studiert und später noch Mathematik. Sie hatte einen sehr analytischen Verstand und für jede Problemlage eine Lösung. Meine Mutter wurde vielleicht nur 26 Jahre zu früh geboren, heute sind Naturwissenschaftlerinnen in der Politik ja manchmal sehr erfolgreich – mitunter auch als Bundeskanzlerin.
Krüger Verlag: Was hätte wohl ihr Vater dazu gesagt, dass Sie es ins Deutsche Parlament geschafft haben, wenn er es noch hätte miterleben dürfen?
Lale Akgün: Er wäre sehr stolz auf mich gewesen. Er hätte gesagt: „Seht Ihr, meine Bemühungen waren nicht umsonst, mein Lämmchen trägt jetzt die Fackel der Aufklärung im Kampf für Freiheit und Solidarität.“ Man muss dazu sagen, mein Vater konnte durchaus etwas pathetisch sein...aber das hatten die meisten Sozialisten von damals so drauf!
Krüger Verlag: Bei welchen Fragen, die Ihnen Journalisten stellen, haben Sie Mühe, eine beherrschte Antwort zu geben?
Lale Akgün: Bei den Klischeefragen: „Fühlen Sie sich als Türkin oder Deutsche?“ Als ob meine Identität nur von dieser Dichotomie abhängig wäre. Ich fühle mich als Frau, Mutter, Sozialdemokratin, Bundestagsabgeordnete, Ehefrau, Europäerin, Psychologin, Kölnerin, Therapeutin, Opernfan, Sportmuffel, Cineastin – soll ich fortfahren? Oder: „Was sagen Sie zu dieser oder jener Äußerung Ihres Kollegen Cem Özdemir?“ Fragen, die nicht differenzieren, sondern in Schubladen stecken, kann ich nicht ausstehen. So landen Herr Özdemir und ich zusammen in einer Schublade, obwohl wir nicht viel gemeinsam haben. Die gleiche Journalistin würde mich nie mit einer Aussage eines x-beliebigen männlichen Europaabgeordneten aus der Grünen-Fraktion konfrontieren.
Ach, und natürlich gibt es noch Fragen, die überhaupt gar nicht gehen: Zum Beispiel die Frage, ob ich „nach meiner Rente wieder in die Türkei zurückgehen möchte“. Da bekomme ich einen roten Hals: Erstens ist das Altenteil sowieso nichts für mich, zweitens bin ich da noch meilenweit von entfernt, und zum Dritten lebe ich seit über 40 Jahren in Deutschland ... Liebe Journalisten, wenn Sie es sich richtig mit mir verscherzen wollen, stellen Sie bitte diese Frage!
Krüger Verlag: Sie haben eine 19-jährige Tochter. Was wünschen Sie sich für sie?
Lale Akgün: Ich wünsche mir, dass sie glücklich wird. Sie ist klug genug, um alles andere selbst zu schaffen. Und das wird sie auch.

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