Interview mit Louis de Bernières

»Von Tolstoi hat er das Opulente, das Ausufernde übernommen und den Anspruch, eine ganze Epoche abzubilden, und von Gabriel Garcia Marquez hat er den Magischen Realismus kopiert und nach Europa exportiert.«
Jan Brandt, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Fischer sprach mit Louis de Bernières über seinen gefeierten Roman "Traum aus Stein und Federn" und über das Schreiben.
Fischer: Ihr Roman "Traum aus Stein und Federn" spielt im Südosten der Türkei. Lieben Sie diese Landschaft besonders?
Louis de Bernières: Das Wichtigste an einer Landschaft für mich sind ihre Geschichten, denn ich mich interessiere für alles, was die Menschen erzählen. Wie bei meinem letzten Roman Corellis Mandoline, der auf einer griechischen Insel spielt, stieß ich auch diesmal während einer Reise auf die Geschichte. Beim Wandern fand ich in einer kleinen verlassenen Stadt im Südosten der Türkei ein Beinhaus. Wie die Stadt war der Friedhof längst aufgelassen, aber einige Knochen lagen noch zerstreut herum. Und so hatte ich die Idee für meine Geschichte: Wer hat hier gelebt und wessen Leben endete in diesem Beinhaus? Warum ging die Stadt unter? Wenn man sich so dem Kern einer Geschichte nähert, beginnt die Arbeit, alles Wissenswerte zusammenzutragen, um die Geschichte zu erzählen. Aber natürlich hatte ich dort nur gewandert, weil ich die Landschaft so liebe – vor allem die Küche.

Fischer: Und wie erfanden Sie Figuren wie Philotei und Ibrahim - die beiden Liebenden, an denen die Stadt zerbricht?
Louis de Bernières: Im Laufe der Arbeit bin ich dreimal wieder zurückgekehrt, um tiefer in die Atmosphäre der Landschaft und das Lebensgefühl ihrer Bewohner einzutauchen. Daneben las ich eine ganze Bibliothek an Reiseberichten, manche von ihnen hundert Jahre alt, in denen ich wunderschöne Details fand. Wer zum Beispiel eine ledige Tochter im heiratsfähigen Alter im Haus hatte, stellte eine leere Flasche auf das Dach – damit ja jeder das weiß.
Fischer: Aber Sie waren nicht nur immer wieder in der untergegangenen Stadt Eskibahce,
sondern besuchten auch die Halbinsel Gallipolli, auf der Briten und Türken eine der größten Schlachten des Ersten Weltkriegs ausgefochten haben. Einer ihrer Helden zieht in diese Schlacht, und Ihre Schilderung wurde von der englischen Kritik mit Tolstojs "Krieg und Frieden" verglichen.
Louis de Bernières: Dabei hatte ich etwas Glück. Ich fuhr dorthin mit der Vorstellung, die Schlacht nicht aus der Sicht der Briten darzustellen – das hatte man schon oft versucht -, sondern aus der der Türken. Im einzigen Restaurant traf ich einen ungewöhnlich beleibten Koch, Faruk, der hoffte, ich wäre Franzose, denn er war Sprachlehrer gewesen und sprach mit einem schönen breiten provenzalischen Akzent. In Sachen Staatsbürgerschaft musste ich ihn enttäuschen, aber da ich französisch sprach, kamen wir wunderbar zurecht. Ich erzählte ihm von meinem Plan, und er versprach, mir zu helfen. Die Türkei ist voller Amateurhistoriker, und jeden Abend schickte mir Faruk neben einem Riesenberg leckeren Essens neue Tischgäste, die erzählten und erzählten. Tagsüber wanderte ich dann umher, um mir alles vorzustellen. Auf Gallipolli kommen noch heute Knochen zum Vorschein - und Porzellan, wo die Engländer ihren Tee getrunken haben. Auch mein Großvater war dort gewesen, und an einem einzigen Tag war er von türkischen Scharfschützen dreimal angeschossen worden. Einer von ihnen hatte sich als Baum getarnt, der war am schwersten zu entdecken gewesen. Diese Zeit hatte ihn nie losgelassen, aber er hat wenig erzählt, ich habe die Geschichten erst später von meiner Mutter erfahren.
Fischer: In Ihrem Roman schildern Sie, wie in der kleinen Stadt vor hundert Jahren eine Gemeinschaft mit drei Sprachen und vier Religionen friedlich miteinander lebt, bis der Nationalismus der Griechen und Türken das Osmanische Reich untergehen lässt. Die Stadt wird verlassen und vergessen.
Louis de Bernières: Ja, es scheint, dass in meinen Romanen die Schauplätze großer historischer Spannungen auch Orte großer tektonischer Spannungen seien. In "Traum von Stein und Federn" findet sich zwar im Gegensatz zu "Corellis Mandoline" kein Erdbeben direkt dargestellt, aber die Stadt wurde in den 50er Jahren von zwei Erdbeben völlig zerstört. Ich habe noch nie darüber nachgedacht, aber vielleicht sind Erdbeben doch ein gutes Gleichnis für den Lauf der Geschichte.
Fischer: Haben Sie auf Ihren Reisen einmal ein Erdbeben erlebt?
Louis de Bernières: Nein, da habe ich Glück gehabt. Aber meine Schwester war beim letzten großen Beben in San Francisco dabei, sie wohnte nahe der großen Brücke, die einstürzte, und auch zwei Freunde in Athen mussten Erdbeben erleben. Sie sagen, die Erde werde zu einer Art Gelee und flüssige sich – man könne nicht entscheiden, ob einem schlecht wird oder ob die Welt sich um einen her verändert. Noch ein Gleichnis für den Lauf der Welt ...
Fischer: In dem großen Geschichtenteppich, den Sie aus den vielen sich überschneidenden Lebensläufen knüpfen, finden wir als Leitfäden die großen Themen wieder: Liebe und Tod, Diktatur und Gerechtigkeit, Freundschaft und Verrat. Man kann Ihren Roman aber auch wie eine Miniatur in einem alten Buch unter der Lupe betrachten: Von einem Detail kommt man zum nächsten, hinter jeder Geschichte findet man ein neue.
Louis de Bernières: Meine Romane entstehen aus Geschichten, die zusammenwachsen, bis sie Novellen bilden, die sich überkreuzen. Jeder meiner Romane besitzt einen eigenen Bauplan, aber bei "Traum aus Stein und Federn" könnte ich am Ende gar nicht mehr sagen, wer die eigentliche Hauptfigur ist. Der Erzählfaden springt von einem Leben zum nächsten, immer mehr erfahren wir von dem Ort, an dem alle wohnen – der Stadt, von der allein das Beinhaus stehen geblieben ist. Ich dachte mir eine Unzahl von Geschichten aus, in denen eine Figur in das Leben der anderen eingreift und dort eine Rolle übernimmt. Ich musste vielen Erzählfäden folgen, um die ganze Welt aus archaischem Aberglauben und religiösen Überzeugungen, aus kleinen Gesten der Zuneigung und politischer Verblendung darzustellen. Aber die Achse bildet stets die Liebesgeschichte von Philotei und Ibrahim.
Fischer: Der Atem Ihrer Erzählungen ist immer sehr direkt. Woher haben Sie die Gabe, so zu erzählen? Wurden in Ihrer Familie viele Geschichten erzählt?
Louis de Bernières: Wir hatten bei uns bis weit in die Siebziger kein Fernsehen und meine Eltern erzählten immer viel, meistens aus ihrem eigenen Leben oder von Verwandten und Freunden, daneben aber auch immer viele Witze – und Witze sind ja nichts anderes als destillierte Geschichten. Beide Eltern lasen mir auch immer täglich viel vor, neben der Gutenachtgeschichte. Indem ich dem Finger meiner Mutter folgte, muss ich Lesen gelernt haben, denn als ich in die Schule ging, konnte ich es bereits. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, nicht lesen zu können.
Fischer: Überraschend für einen englischen Schriftsteller tragen Sie einen französischen Namen.
Louis de Bernières: Es ist ein Hugenottenname. Väterlicherseits stamme ich von einem protestantischen Flüchtling aus Frankreich ab, der, als die Verfolgung einsetzte, seinen Besitz an katholische Verwandte verkaufte und nach Irland ging, um dort ein Geschäft zu gründen. Später kam die Familie nach. So habe ich heute Verwandte in Amerika wie in Frankreich – und 300 Jahre danach haben wir immer noch Kontakt.
Fischer: Schärfte das Ihre Aufmerksamkeit für den Konflikt zwischen den Religionen?
Louis de Bernières: Natürlich macht es viel aus, wenn einem in der eigenen Familie so etwas zugestoßen ist. Es ist natürlich, dass zum Beispiel ein Jude über eine solche Geschichte viel mehr Schmerz empfindet, als jemand, dessen Familie von dergleichen verschont geblieben ist. Aber vieles an meiner Beschäftigung mit der Frage, wie viel Unheil durch Religionen und Nationalismen entstanden ist, geht auf das Studium historischer Bücher zurück. Wir wären wohl besser dran auf der Welt, wenn beides, religiöser wie nationalistischer Fanatismus, verschwände.
Fischer: Glauben Sie, dass sich die fragile Harmonie zwischen drei Sprachen und vier Religionen, die Sie zu Beginn Ihres Buches darstellen, hätte länger halten können? Oder war sie zum Untergang verdammt?
Louis de Bernières: Hätte man das Osmanische Reich nicht zerstört, existierte es vielleicht noch heute. Aber in vielen Teilen der Welt leben wir in einem virtuellen Osmanischen Reich – London, Manchester, Berlin oder Marseille. Überall leben Hunderte von Gruppen relativ friedlich nebeneinander – wie im Osmanischen Reich. Aber man muss sehr vorsichtig sein, denn ein Einzelner kann über Nacht alles zerstören. Deshalb muss jeder von uns ständig auf der Hut sein und das Gleichgewicht mit vielen kleinen Taten in Takt halten.
Fischer: Reisen und schreiben, was lieben Sie noch?
Louis de Bernières: Die Musik. Wenn ich zwei, drei Tage kein Instrument spielen kann, klassische Gitarre oder Flöte, werde ich schlechtgelaunt. Genauso, wenn ich mich in Flugzeugen langweile. Aber wenn ich mich länger an einem Ort aufhalten kann, bin ich glücklich – lange Spaziergänge und Besuche in Musikalienläden sind mein Elixier. Und Brot und Wein. Besser als über das Essen kann man ein Land nur durch eine Liebesaffäre kennen lernen.

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