Interview mit Carlos Ruiz Zafón

S. Fischer Verlag: Die Leser Ihrer Saga stoßen im neuen Roman auf eine sehr eigenwillige Persönlichkeit: Alicia Gris.
Carlos Ruiz Zafón: Es gibt drei Helden, die einen wichtigen Teil von mir in sich tragen. Ich nenne sie meine heilige Dreifaltigkeit: Julián Carax, der mir am meisten ähnelt, Fermín Romero de Torres und eben Alicia Gris. Sie ist meine Lieblingsfigur, auch wenn sie etwas länger hinter den Kulissen warten musste und erst im letzten Band auftaucht. In meinem Kopf ist sie allerdings schon lange Zeit präsent. Sie ist eine zerrissene Figur, ein aus den Schatten des Bürgerkriegs gefallener Engel. Sie hat einen starken Charakter, bei ihr laufen alle Fäden zusammen.
S. Fischer Verlag: Auch wenn es noch lose Fäden gibt, kann man das Buch unabhängig von den Vorgängerromanen lesen.
Carlos Ruiz Zafón: Ja, das war mir wichtig. Ich hatte nie vor, Fortsetzungen zu schreiben. Jeder Band versteht sich als ein unabhängiger Eingang zum Friedhof der Vergessenen Bücher. Wo immer man beginnt, durch welche der vier Türen man auch tritt, wird man eine eigene Welt vorfinden. Ich wollte zwar viele Genres zusammenführen, aber in jedem Band steht eines besonders im Vordergrund: Im Schatten des Windes ist es der Coming-of-age-Roman, im Spiel des Engels der Schauerroman, im Gefangenen des Himmels der Abenteuerroman und im Labyrinth der Lichter der Spannungsroman.
S. Fischer Verlag: Der Roman spielt in Teilen erstmals auch außerhalb von Barcelona, in Madrid.
Carlos Ruiz Zafón: Wir sind am Ende der 1950er Jahre, in den dunklen Jahren des Franco-Regimes. Deswegen musste Madrid eine Rolle spielen – seine Pracht, seine gotischen Gebäude, die es fast zu einem weiteren Protagonisten des Romans machen. Außerdem spielt natürlich Barcelona eine wichtige Rolle in allen Büchern. Auf metaphorische Weise will ich so in meinen Heimatstadt zurückkehren, meine Wurzeln erkunden und den Ort, an dem ich aufgewachsen bin.
S. Fischer Verlag: Sie beschreiben ein vergangenes Barcelona, das die Touristen kaum noch wahrnehmen.
Carlos Ruiz Zafón: In den letzten Jahren ist die Stadt immer touristischer geworden, ein Partystadt fürs Wochenende. Aber das ist nur ein Teil. Barcelona hat eine Seele, die mit seiner Geschichte zu tun hat. Deswegen ist es in meinen Büchern viel mehr als nur ein Schauplatz, sondern eine der Hauptfiguren.
S. Fischer Verlag: Ein Thema in dem neuen Roman ist die Literatur als rettender Anker.
Carlos Ruiz Zafón: Auch mich hat die Literatur oft gerettet: vor der Langeweile, der Leere, dem Banalen. Kann man sich eine Welt ohne Musik vorstellen? Wohl kaum. Und ohne das geschriebene Wort und die Vorstellungskraft? Noch viel weniger.
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