Interview mit Lyndal Roper

Redaktion: Über Martin Luther ist bereits sehr viel geschrieben worden. Was hat Sie ganz persönlich bewogen, sich mehr als zehn Jahre mit diesem Mann zu beschäftigen? Was wollten Sie herausfinden, was hat Sie an ihm und seinem Leben, seiner Zeit so sehr fasziniert?
Lyndal Roper: Nachdem ich über Hexen geforscht hatte, war ich an Psychologie und Fantasie interessiert. Ich wollte Luthers innere Welt verstehen, die so anders zu sein schien als die der Hexenjäger. Luther würde sagen, der beste Weg, den Teufel loszuwerden, ist ihn anzufurzen – und sein wundervoll derber Humor schien meilenweit von den düsteren Obsessionen der Hexenjäger entfernt. Immer wurde davon gesprochen, wie wichtig der Teufel für Luthers Weltbild sei – doch wenn das stimmte, wie konnte er sich dann auf diese Weise über den Teufel lustig machen, fragte ich mich.

Je mehr ich über Luthers innere Welt und seine Beziehung zu seinen Anhängern las, desto überzeugter war ich, dass sie ein Angelpunkt war, um die Reformation selbst zu verstehen.
Redaktion: Sie haben alles gelesen, was Luther der Nachwelt an schriftlichen Zeugnissen hinterlassen hat – Tischreden, Briefe, natürlich seine theologischen Werke. Sind Sie anders an diese Quellen herangegangen als frühere Biographen? Wenn ja, worin unterscheiden sich dann Ihre Haltung, Ihre Fragen, Ihre Zugänge?
Lyndal Roper: Ich habe versucht, zu lesen so viel ich konnte, einschließlich der Dinge, die keine offensichtliche theologische Bedeutung haben wie Luthers parodistische Reliquien-Liste, die er für seinen Erzfeind Albrecht von Mainz zusammenstellte. Oder ein Flugblatt gegen einen seiner Gegner, das plakatiert werden konnte wie ein Steckbrief und eiskalt erklärte, der Mann verdiene es, hingerichtet zu werden. Am lehrreichsten waren jedoch Luthers Briefe, die ich der Reihe nach las. Ich wollte ein Gefühl für seine Beziehungen entwickeln, um all die Ideen und Ereignisse in einem persönlicheren Zusammenhang zu sehen. Mich interessierte, welche Wörter er wiederholt benutzte – Wörter wie Neid zum Beispiel – und was er NICHT sagte. Die Briefe sind auch grundlegend für das Verständnis von Luthers Haltung zur Körperlichkeit und seinem eigenen Leib – er hat viel zu berichten über seine Kopfschmerzen, seine Darmträgheit und die offene Vene am Bein. Dazu geben uns seine Briefe Auskunft über seine Sexualität. Dass er mit beiden Beinen voll im Leben stand, diese Erdung, die aus seinen Briefen hervorgeht, ermöglicht es, frappierende Verbindungen zu seiner Theologie zu ziehen, besonders zu seinem Beharren darauf, dass Christus wirklich körperlich in der Eucharistie gegenwärtig ist.
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