Interview mit Oliver Matuschek
Programmleiter Peter Sillem im Gespräch mit dem Autor der Biografie »Stefan Zweig - Drei Leben«
Peter Sillem: Zu Stefan Zweigs 125. Geburtstag am 28. November erscheint eine neue Biografie – gibt es zu einem so bekannten Schriftsteller überhaupt noch Neuigkeiten zu berichten?
Oliver Matuschek: Die letzte allgemeine Biografie, die sich Zweigs Leben in der gesamten Spanne von 1881 bis 1942 widmet, erschien in Deutschland erstmals 1981, also vor nunmehr 25 Jahren. Seitdem fanden drei Kongresse zu Stefan Zweig statt, die Gesammelten Werke und die Tagebücher liegen vor, es wurden vier Bände mit Briefen Zweigs und weitere Briefwechsel publiziert, es erschienen Darstellungen über bestimmte Phasen seines Lebens und über einzelne Aspekte seiner Arbeit. Von den Jahren, die er in Salzburg verbrachte bis zur Beziehung zu seinen Verlegern ist vieles sehr detailliert erforscht worden und kann nun in neue Zusammenhänge gestellt werden. Vor allem aber tauchten gerade in letzter Zeit noch wichtige unpublizierte Quellen auf. An interessantem Material für eine neue Gesamtdarstellung mangelt es also keinesfalls.
Peter Sillem: Das Buch heißt »Drei Leben« – wie kam es zu diesem Titel?
Oliver Matuschek: Den lieferte Zweig selbst: Als er im Exil mit den Planungen zu einer großen autobiografischen Rückschau begann, dachte er zunächst daran, das Buch »Meine drei Leben« zu nennen, denn er sah seine Biografie dreigeteilt: der erste Abschnitt begann in Wien und endete mit dem Ersten Weltkrieg. Dann kam der Umzug nach Salzburg, die Heirat mit Friderike von Winternitz und der Aufstieg als Schriftsteller. Dieses ›zweite Leben‹ fand mit den Ereignissen in Deutschland 1933 und Zweigs frühzeitigem Gang ins Exil im darauffolgenden Jahr seinen Abschluss. Gleichzeitig fing sein ›drittes Leben‹ an, das das kürzeste werden sollte und dem er selbst ein Ende setzte.
Peter Sillem: Der Buchtitel wurde von Zweig selbst wieder verworfen?
Oliver Matuschek: Im Lauf der Arbeit wurde ihm klar, dass das Werk weitaus weniger persönlich werden würde als man es unter der Überschrift »Meine drei Leben« wohl hätte erwarten können. Seine engsten Freunde und sogar seine beiden Ehefrauen werden darin nicht einmal erwähnt. Das Buch wurde zu einem großen Zeitgemälde, weniger zu einer Autobiografie und erschien nach seinem Tod unter dem sehr treffenden Titel »Die Welt von Gestern«. Einige Themen, die darin nicht oder nur allgemein behandelt werden, können nun auch dank der neuen Quellen ausführlicher dargestellt werden.
Peter Sillem: Welche Themen sind das?
Oliver Matuschek: Vor allem ist mehr über den Privatmann Zweig zu erfahren. Die biografische Forschung zu Stefan Zweig war bisher stark von seiner ersten Frau Friderike bestimmt, die 1971 starb. Sie hat mit mehreren Erinnerungsbüchern, dem von ihr herausgegebenen Briefwechsel und auch mit persönlichen Äußerungen die Lücken zu füllen versucht, die im Bild ihres geschiedenen Mannes existierten. Selbstverständlich verfolgte sie dabei auch ganz eigene Interessen. Bei der Durchsicht Ihrer Bücher muß man leider feststellen, dass fast alle ihre Texte von einer Melange aus mehr oder minder geschickten Manipulationen und Verschleierungen durchsetzt sind. Das wird auch in der Neuausgabe des Briefwechsels deutlich, die gleichzeitig mit der Biografie erscheint. Der Gegenpol zu Friderike ist Stefans Bruder Alfred, dessen Rolle bisher nahezu unbekannt war. Für die Biografie konnten erstmals rund 200 unpublizierte Briefe Alfred Zweigs ausgewertet werden. Er berichtet darin über die Kinder- und Jugendzeit seines Bruders und über Konflikte in der Familie, über die Friderike aus gutem Grund kein Wort verloren hat. Außerdem lagen erstmals auch Briefe von Stefan Zweigs zweiter Ehefrau Lotte vor, die sich gemeinsam mit ihm das Leben nahm. Auch ihr Bild gewinnt durch die Quellen mehr an Schärfe als dies bislang der Fall sein konnte.
Peter Sillem: Gibt es nach diesen Entdeckungen noch Lücken in der Zweig-Forschung?
Oliver Matuschek: Auch die Biografie präsentiert bloß einen Zwischenstand. Die Fülle der unausgewerteten Quellen ist noch immer groß und über einige Spezialthemen ist weiterhin kaum etwas bekannt. Manche Antworten, die nun gefunden wurden, werfen viele neue Fragen auf. Und auch für Stefan Zweig gilt, was ihm Sigmund Freud über sich selbst schrieb, nachdem er den Essay gelesen hat, den Zweig über ihn verfaßt hatte: "Der Kerl ist doch etwas komplizierter" – es bleibt noch einiges zu erforschen und zu entdecken.
