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Interview mit Robert Littell
Sein letzter Roman »Die Company« – ein faszinierender Einblick in die Welt der CIA – wurde ein Weltbestseller. Mit »Die kalte Legende« beweist Robert Littell nun erneut, dass er einer der ganz Großen im Bereich des Spionageromans ist. Es ist die Geschichte eines ehemaligen CIA-Agenten auf der Suche nach seiner wahren Identität.
Foto: Xavier Thomas
january magazine: Ein Thema, dass sich durch all Ihre Bücher zieht, ist Ihr Interesse an Russland. Was war der Auslöser für dieses Interesse?
Robert Littell: Ich weiß nicht, ob die Gene daran Schuld sein können, aber ich habe tatsächlich russische Wurzeln. Meine Großeltern waren russische Juden. Ich war schon immer von Russland und von Osteuropa fasziniert. Als ich bei der Newsweek aufhörte, kaufte ich mir ein Auto und reiste von Paris nach Moskau, über Helsinki und Leningrad. Ich glaube, ich war der Erste, der ein Visum bekam, um mit dem Auto durch die ehemalige Sowjetunion zu reisen. Ich habe viel auf dieser Reise gelernt – über Land und Leute, das Leben dort, die Politik und die Geschichte.
january magazine: An »Die Company« haben Sie vier Jahre lang gearbeitet. Wie sieht die Recherche für so ein Mammutprojekt aus?
Robert Littell: Ehrlich gesagt habe ich einfach meine Hausaufgaben gemacht. Ich habe unglaublich viel über diese Zeit gelesen und bin an die Originalschauplätze gereist. Lange Zeit verbrachte ich in Budapest. Da mein Sohn in Prag lebt, habe ich ihn eingeladen, mich bei meiner Recherche zu begleiten. Ich dachte, das sei sehr lehrreich für uns beide, und in der Tat, das war es. Ich habe viel gelesen, aber auch viel mit den Menschen gesprochen. Im Grunde genommen ist das meine Arbeit – die Worte lebendig werden zu lassen.
january magazine: Die Art und Weise, wie Sie Gewalttaten darstellen, ist zwar subtil, aber stets eiskalt. Wie gehen Sie an diese Thematik heran?
Robert Littell: Ich glaube, die Menschen können an der Oberfläche sehr ruhig sein, aber unter dieser Oberfläche haben Sie die Fähigkeit, ja sogar die Veranlagung, grauenhafte Dinge zu tun. Ich selbst bin ein ganz friedlicher Mensch (außer beim Schachspiel). Trotzdem muss ich zugeben, dass es in meinen Büchern oft nicht gerade zimperlich zugeht. Aber so ist die Welt nun einmal, die ich in meinen Romanen nur widerspiegele.
Die kalte Legende
448 Seiten
Geb.mit SU
Scherz Verlag
ISBN 978-3-502-10033-1
Preis € (D) 19,90
Preis € (A) 20,50 / Preis SFR 35,40 (UVP)

january magazine: Ironie ist eine wichtige Zutat in Ihren Büchern. Ist es die Welt der Spionage, die sich auf diese Weise besser darstellen lässt?
Robert Littell: Ja, die Ironie ist ein wunderbares Werkzeug, auch in Spionageromanen. Sie bietet sich einfach an zum Geschichtenerzählen. Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen: Als ich auf einer Lesereise für »Die Company« in Washington war, kam in einer Buchhandlung ein untersetzter Mann auf mich zu. Er trug fünf oder sechs Exemplare dieses schweren Buches und sagte, er würde sie für Freunde kaufen. Er bat darum, ein Foto machen zu dürfen, während ich die Bücher signierte. Da fragte ich ihn, ob er von der CIA sei, und er flüsterte mir ins Ohr: »Ja, ich bin von der CIA. Und wir lieben Ihre Bücher!«
january magazine: Sie leben in Südfrankreich. Was genau hat Sie dazu bewogen, dorthin zu ziehen?
Robert Littell: Wissen Sie, da gab es diesen wunderbaren Schriftsteller, der für den New Yorker arbeitete. Er hat gesagt: »Das beste an Frankreich ist, dass es in Frankreich liegt.« Und das sagt schon alles. Frankreich ist Frankreich. Ich habe die USA unter Präsident Nixon verlassen und werde sicher nicht unter Bush zurückkehren! Du kannst nicht in einem Land leben, dessen Sprache du verstehst, habe ich in einem meiner Bücher geschrieben. Denn wenn du die Sprache verstehst, bekommst du alles mit, was geschieht – und das ist häufig einfach zu schrecklich. Ich spreche Englisch, deshalb weiß ich genau, was in Amerika passiert – leider.
Darüber hinaus ist Frankreich natürlich ein wunderbarer Ort zum Leben.
january magazine: Woher kommt Ihr Interesse am Bergsteigen?
Robert Littell: Nun, einmal im Jahr fahre ich in die französischen Alpen, in die Nähe des Mont Blanc, und dort treffe ich meinen Lieblingsbergführer, der ein guter Freund ist. Wir klettern hoch hinauf, dorthin, wo mein Herz schneller schlägt. Und in dieser Höhe kannst du aufhören, dich über Bush oder den Irak aufzuregen, oder darum, wie gut sich deine Bücher verkaufen. Deine einzige Sorge ist, dass du aufpasst, nicht dein Leben zu verlieren. Tatsächlich ist mein Leben dort nicht wirklich in Gefahr. Und ich liebe es, mich abzuseilen. Du schmeißt einfach das Seil runter und läufst senkrecht den Felsen hinab. Das ist wirklich aufregend, und du fühlst dich wie Spiderman, wenn er ein Hochhaus hinunterläuft. Am Ende des Tages kommst du dann zurück in die Hütte und fühlst dich so richtig lebendig – wenn auch total kaputt.
january magazine: Ihr Name wird häufig in einem Atemzug mit John le Carré genannt. Diente sein Werk für Sie als Vorbild?
Robert Littell: Ich kenne die Bücher von John le Carré sehr gut, er ist unser aller Vorbild. Er ist wirklich ein fantastischer Schriftsteller – was kann ich sonst noch sagen? Er ist der Großmeister des Spionageromans und ich bewundere ihn sehr, nicht nur als Schriftsteller, sondern auch für sein soziales Bewusstsein und für seine Einsichten in unsere Welt.
january magazine: Hat sich nach dem 11. September etwas verändert im Thrillergenre? Wie geht man mit solch einem schrecklichen Ereignis um?
Robert Littell: Der 11. September war ein Tag, seit dem wir die Welt nicht mehr wirklich verstehen. Also sollten wir auch die Finger davon lassen, denn wir brauchen Distanz. Wir verstehen nicht, welche Auswirkungen dieser Tag auf die Welt haben wird. Sehen Sie doch nur, wie Bush den 11. September benutzt, um so viele Dinge zu rechtfertigen, um seine Ziele durchzusetzen ... Ich denke da ganz im Geiste Churchills, der sagte: »Man kann sich immer darauf verlassen, dass Amerika das Richtige tut, nachdem es alle anderen Möglichkeiten und Alternativen ausprobiert hat.« Um über den 11. September zu schreiben, ist es noch zu früh, da sind wir noch zu dicht dran. Es wird Autoren geben, die versuchen werden, darüber zu schreiben, aber ich glaube, ohne Erfolg.
january magazine: Trotz all der Veränderungen in der Welt – halten Sie sie dennoch heute für einen sichereren Ort zum Leben als in Ihrer Jugend?
Robert Littell: Ja, das ist sie, ohne Zweifel. Ich glaube, die Zeit des kalten Krieges war die gefährlichste Zeitspanne in der Geschichte der Menschheit. Aber die Leute verlieren die Relationen. Ich glaube, heute sind wir ängstlicher als damals, und das führt dazu, dass wir die Wirklichkeit verzerren. Seinerzeit haben Eltern ihre Kinder gefragt: »Was willst du werden, falls du mal erwachsen wirst?« Es war eine unglaublich gefährliche Zeit. Diese Terroristen, die heute um uns herum sind – so schlimm diese auch sein mögen, sie werden jedoch nicht den Planet Erde zerstören können. Tatsache ist, dass die Gefahr heute einfach nicht dieselbe Größenordnung hat wie während des Kalten Krieges. Was heute anders ist als damals, ist, dass wir seinerzeit ganz genau wussten, wer der Feind war und wo er sich befand. Heute dagegen ist es so gut wie unmöglich, zu sagen, was genau die Bedrohung ist und woher sie kommt. Bush, entgegen all seiner Beteuerungen, kann nicht sagen, sind der Feind die Schiiten? Die Sunniten? Der Irak? Syrien? Oder der Iran? Die Wahrheit ist, wir wissen es nicht genau.
january magazine: In Ihrem neuen Buch, »Die kalte Legende«, werfen Sie einen interessanten Blick auf das Leben und auf die Wirklichkeit. Es ist der Blick auf die durch die Augen einer früheren CIA-»Legende«, Privatdetektiv Martin Odum. Was interessiert Sie so am Thema der Identität?
Robert Littell: Nun, ich glaube, die Idee des Buches entspringt der von mir lange gehegten Vorstellung, dass wir alle verschiedene »Legenden« leben, verschiedene Leben. Sie werden feststellen, dass jeder in dem Buch unterschiedliche Identitäten hat, unterschiedliche Persönlichkeiten. Selbst ich habe das Gefühl, verschiedene Persönlichkeiten zu besitzen. Als ich zu dem Filmfest in Cannes ging, fühlte ich mich in meinem Smoking wie James Bond. Zurück zu Hause, in Turnschuhen und Jogginghose, war ich wieder jemand ganz anderes. Genau das ist das Thema des Buches: Wie wir unsere Leben mit mehr als einer Persönlichkeit, die sich in unserem Körper verbirgt, leben können. Natürlich ist es so, dass Martin Odum seine verschiedenen Legenden ganz professionell für die CIA leben muss. Aber da ist noch sein Trauma: Er hat vergessen, welche der Identitäten sein wahres Ich ist.

Das Interview führte Ali Karim für das january magazine. Wir danken für die Möglichkeit der Übernahme.