Interview mit Tana French

»Unsere Identität ist etwas sehr Verletzliches«

Im Roman ›Totengleich‹ geht es um ein Verwirrspiel mit dem Selbstbild. Krimiautorin Tana French über die Suche der Künstler nach Wahrheit, die Rolle Irlands und seiner Geschichte in ihrem Buch und die Bedeutung ihrer Schauspielausbildung für ihre literarische Arbeit.
db-mobil: In ›Totengleich‹ muss eine Ermittlerin den Mörder ihrer eigenen Doppelgängerin finden. Woher kam die Idee?
Tana French: Es begann bei einem Gespräch mit Freunden im Pub – so wie in Dublin eigentlich alles bei einem Gespräch im Pub beginnt … Wir redeten über die Theorie, dass jeder Mensch irgendwo ein Double hat. Wir fragten uns, wie es wohl wäre, seinem Double zu begegnen. Hätte man Gemeinsamkeiten,
abgesehen von den äußeren Ähnlichkeiten? Würde es die eigene Identität ins Wanken bringen, gerade wenn man im Moment der Begegnung vielleicht psychisch nicht so stabil wäre? Aus dieser Grundidee entstand ›Totengleich‹: Die Polizistin Cassie Maddox kommt zu einem Tatort und findet ein Mordopfer vor, das ihr nicht nur bis aufs Haar gleicht, sondern auch noch ihre alte Undercover-Identität benutzt hat – Lexie Madison. Cassie muss in Lexies Haut und Leben schlüpfen, um den Mörder aus seinem Versteck zu locken.
db-mobil: Wie bei Cassie und Lexie kann in Ihren Kriminalromanen die Grenze zwischen Opfern, Tätern und Ermittlern verschwimmen ...
Tana French: Am spannendsten finde ich Figuren am Kreuzungspunkt: Ermittler, die Opfer gewesen sind oder die wissen, dass sie unter bestimmten Voraussetzungen selbst zu Verbrechen fähig wären. In ›Totengleich‹ entpuppt sich Lexie, die ermordete junge Frau, als gefährlich für fast jeden Menschen
um sie herum. Die Ermittlerin Cassie wiederum ist hin- und hergerissen zwischen ihren Polizeipflichten
und Lexies Welt. Engel und Teufel, Jäger und Beute, sie alle sind nicht für sich interessant, sondern nur im Zusammenspiel. Denn niemand von uns ist nur das eine oder das andere. Spannend ist der Kampf zwischen den Extremen innerhalb einer Figur.
db-mobil: ›Totengleich‹ ist ein Roman über Fragen der Identität ...
Tana French: Ja. Unsere Identität ist etwas sehr Komplexes, Heikles, Verletzliches. Cassie Maddox ist an einem schwierigen Punkt in ihrem Leben, und die Welt ihrer Doppelgängerin Lexie ist verführerisch für sie: ein verschworener Kreis von Freunden, die in einem alten Herrenhaus außerhalb von Dublin zusammenleben. Stück für Stück taucht Cassie in Lexies Leben ein und verliert langsam die Verbindung zu ihrem eigenen. In ›Totengleich‹ geht es darum, wie Menschen reagieren, wenn sie sich so tief verletzt fühlen, dass sie ihr Leben und ihre Identität hinter sich lassen wollen. In bestimmter
Hinsicht handelt das Buch davon, was für eine Person man hätte sein können, wenn die Umstände nur ein wenig anders gewesen wären.
db-mobil: Und bei alldem sind Ihre Figuren auf der Suche nach der Wahrheit – sie scheint fast etwas
Lebendiges zu sein.
Tana French: Die Wahrheit ist in meinen Büchern wie eine eigene Hauptfigur – eine Figur, mit der alle anderen Personen zu tun haben, jemand, der den anderen viel abverlangt, wenn sie ihr auch nur ein Stück näherkommen wollen. Ich glaube, alle Künstler, ob Schriftsteller, Schauspieler oder Maler, sind von der Wahrheit fasziniert. Und natürlich ist sie für Detectives besonders entscheidend: Bei allem, was sie tun, geht es im Kern um die Wahrheit. Sie nehmen große Risiken auf sich, um sie zu finden.
db-mobil: Irland und seine Geschichte, der Gegensatz zwischen Land und Stadt spielen eine wichtige
Rolle in ›Totengleich‹.
Tana French: Ich habe die Theorie, dass Kriminalliteratur ein gutes Barometer für das Klima einer Gesellschaft darstellt. Der Krimi ist eine Möglichkeit, sich mit etwas Unvorstellbarem auseinanderzusetzen:
dass ein Mensch einen anderen tötet. Deshalb gehen Krimis ans Eingemachte, die Ängste einer Gesellschaft, ihre Prioritäten, ihre größten Probleme. In den vergangenen zehn Jahren hat sich Irland schneller verändert, als wir es verarbeiten können. Der Boom und die Krise haben uns vor existenzielle Fragen gestellt: Wie gehen wir damit um, in kürzester Zeit aus bitterer Armut zu riesigem Wohlstand gekommen zu sein – und umgekehrt? Das Haus von Lexies Freunden in ›Totengleich‹ wird zum Kriegsschauplatz zwischen Bewahrern, Erneuerern und Menschen, die es nur als Quelle für ihren persönlichen Profit sehen. Solche Konflikte werden überall ausgetragen. Wir müssen einen Weg finden, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Balance zu halten, ohne alle drei zu zerstören.
db-mobil: Sie sind in verschiedenen Ländern aufgewachsen – macht Sie das zu einer untypischen irischen Erzählerin?
Tana French: Durch den Beruf meines Vaters bin ich als Kind viel herumgekommen, habe in Malawi gelebt, in Rom, in den USA und in Irland. Meine Heimat ist definitiv Dublin, doch ich habe eine andere Perspektive als
jemand, der sein ganzes Leben dort verbracht hat. Meine Kindheit war eine gute Schule für das Schreiben: Wenn man sich alle paar Jahre in eine neue Umgebung und Kultur integrieren muss, lernt man, auf Details zu achten, die für andere selbstverständlich sind: vom kulturell üblichen körperlichen Abstand zu anderen bis hin zu Feinheiten in Beziehungen, Familien und Freundschaften.
db-mobil: Hilft Ihnen dabei auch Ihre Ausbildung und Erfahrung als Schauspielerin?
Tana French: Viele Jahre war es als Schauspielerin meine Aufgabe, Figuren zu erschaffen – in den besten Fällen vielschichtige, lebendige Figuren. Tage und Wochen agierte ich aus ihrer Perspektive heraus, brachte
Zuschauer in ihre Welt hinein. Das Schreiben ist wie eine Ausweitung dieses Prozesses. Heute muss ich Erzähler erschaffen – in ›Totengleich‹ eine Erzählerin –, durch deren Wahrnehmung ich die Geschichte filtere und in deren Stimme ich sie beschreibe, um die Leser in ihre Welt zu ziehen. Ich spiele die Erzählerin auf Papier, nicht auf der Bühne, doch der mentale Vorgang ist der gleiche.


Das Interview erscheint im September-Heft 2009 von db-mobil, der Kundenzeitschrift der Bahn.

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