Interview mit Sjón

Der Mensch als Spielplatz des Universums
Pétur Blöndal: Sjón trägt eine Krawatte zu seinem schwarzes Hemd, eine karierte Jacke und natürlich die Brille, ohne die man ihn nie sieht. Was Aufmerksamkeit erregt, ist aber vor allem ein Ring an seiner Hand, den ein Auge ziert.
Sjón: Den habe ich mir in New York gekauft, als ich 1989 mit den Sugarcubes dorthin fuhr. Und hier habe ich noch einen, auf dem mit einer uralten isländischen Schreibweise Sjón eingraviert ist. Ein Verwandter von mir schmiedet solche Ringe und schickte mir diesen irgendwann. Damit trage ich also den Surrealismus an der einen Hand mit mir und das Volkstümliche an der anderen.
Pétur Blöndal: Ihr jüngster Roman ›Das Gleißen der Nacht‹ spielt im mittelalterlichen Island.
Sjón: Das ist das Wesen der Literatur. Gute Schriftsteller arbeiten daran, sich ihre eigenen Schauplätze, Figuren und Zeitalter zu suchen – um nicht die gleichen Geschichten zu erzählen wie alle anderen auch. Die Independent-Bewegung und der Punk zusammen mit dem neuen Surrealismus haben meine ideologischen Grundlagen geschaffen und dazu geführt, dass ich so offen und bereit dafür war, mich auch mit volkstümlichen Themen zu befassen.

Die Idee zu ›Das Gleißen der Nacht‹ entstand, als ich gerade ›Der Schattenfuchs‹ abgeschlossen hatte. Nachdem ich dafür den Nordischen Literaturpreis erhalten hatte, wurde ich ständig gefragt: „Sind Sie eigentlich ein nordischer Autor?“ Wenn es tatsächlich so etwas wie ein gemeinsames Erbe gibt, das wurde mir damals klar, dann besteht es darin, dass viele der wichtigen nordischen Schriftsteller so arbeiten: dass sie sich auf das Besondere konzentrieren und daraus ihre Geschichten spinnen, die dann
einen viel weiteren Bezug in sich tragen und eine Art größerer Wahrheit beinhalten. Die Literatur großer Völker ist im Grunde genommen auch nicht viel anders. Kein Autor tut etwas anderes als Literatur über kleine Gemeinschaften zu schreiben – alle müssen sich eben ihre eigene Mikrogesellschaft suchen. gerade in Büchern, die in den letzten Jahren besonders erfolgreich waren, wie zum Beispiel ›Das kurze wunderbare Leben des Oscar Wao‹ von Junot Diaz oder ›Extrem laut und unglaublich nah‹ von Jonathan Safran, findet man das. Und deshalb wird auch die Odysee immer beliebter sein als die ›Illias‹.
Pétur Blöndal: In ›Das Gleißen der Nacht‹ schreiben Sie: „Schon wenige Stunden nachdem er in Kopenhagen von Bord gegangen ist, hat Jónas mehr Menschen gesehen, als er in seinem ganzen bisherigen Leben je zu Gesicht bekommen hat, mehr Schürzen, mehr Hüte und mehr Stiefel, mehr Hühner, mehr Schweine und mehr Pferde, mehr Schubkarren, Hunde und Wachposten, mehr Gewehre und Wagen, mehr Dächer, Häuser, Fenster und Tiere. Und dazu noch vieles mehr, was er bisher nur von Abbildungen kannte: Windmühlen, Wasserkräne, Türme und Plätze, Kirchen und Schlösser, Standbilder und Mauersimse, Bäume und Teihe, Schuhmacher, Tischler, Käsehändler und Eseltreiber.“ Muss ein Schriftsteller reisen und immerzu Neues erleben?
Sjón: Das ist nur eine Beschreibung darüber, wie es ist, von einer kleinen Insel zu kommen und ins Ausland zu reisen. Ich glaube, dass die Menschen im 18. Jahrhundert den Eindruck hatten, dass plötzlich alles so furchtbar schnell ginge, da schickt man einen Brief mit dem auslaufenden Schiff im Frühling weg und kaum hatte man es sich versehen, da kommt das Schiff im Herbst schon mit der Antwort zurück! Es ist natürlich ein großes Glück, in einer Zeit zu leben, in der sich alles geöffnet hat. Nach 1990 hat sich der ausländische Buchmarkt für isländische Werke geöffnet und es ist ein großes Privileg, die eigenen Bücher in anderen Sprachen veröffentlicht zu sehen und in direktem Dialog mit der Literatur und Literaten aus aller Welt zu stehen. Vorher waren das nur ganz vereinzelte isländische Autoren, denen das offen stand, aber heute ist das etwas völlig Normales geworden. Und wenn man wie ich von der Independent- Bewegung und dem Surrealismus geprägt worden ist, dann hat man immer das Bedürfnis nach diesem Dialog. Selbst wenn der zustande kommt, heißt das aber natürlich noch lange nicht, dass man sich da in Sicherheit wägen kann. Es sind inzwischen drei Bücher von mir auf Deutsch erschienen, aber das heißt noch lange nicht, dass das für alles gilt, was ich jetzt schreibe.
Das Gleißen der Nacht
S. FISCHER
gebunden
Pétur Blöndal: Wo haben Sie diese Figur aus dem 17. Jahrhundert ausgegraben, von der ›Das Gleißen der Nacht‹ erzählt?
Sjón: In einem Buch über die isländische Geschichte stieß ich auf diesen Jón und darauf, dass er ein Anhänger des berühmten Arztes und Naturwissenschaftlers Paracelsius gewesen sei. Paracelsius hatte ich bereits durch den Surrealismus kennen gelernt, hatte bei Breton über ihn gelesen und deshalb erwachte sofort mein Interesse an diesem Charakter. Seine Welt war von Parallelen geprägt, er suchte nicht nach den Widersprüchen und Gegensätzen der Natur, sondern nach den Ähnlichkeiten. Dabei spielte keine Rolle, wie unterschiedlich die Dinge waren, für ihn zählte nur, ob sie auch nur die geringsten Merkmale einer Verwandtschaft aufwiesen. Ein Beispiel dafür sind die Ratte und die Biene, die man damals für enge Verwandte hielt, allein deshalb, weil beide kurzhaaring sind. Und genau darin besteht auch die Wirklichkeit des Gedichtes und des Romans, besonders im Surrealismus: Wege zu finden, um Widersprüche aufzulösen. Zur selben Zeit, als ich Jón den Gelehrten kennen lernte, spielte ich auch mit der Idee, einen Roman zu schreiben, in dem der Volksglaube die gegebene Wirklichkeit darstellte – also die Vorstellung der Menschen, dass real sei, wenn man auf alten Landkarten Fabelwesen am Rand des Meeres sieht.
Pétur Blöndal: Was hat Island eigentlich zu bieten - im Vergleich mit einer Großstadt wie zum Beispiel Berlin? Ein Land, das laut einem der Reisenden in ›Das Gleißen der Nacht‹ mehr der Hölle gleicht als einem Garten Eden.
Sjón: Natürlich hat das Umfeld, in das man hineingeboren wird, einen großen Einfluss. Andererseits tun die Isländer oft so, als ob sie die Einzigen wären, die unter schlechtem Wetter zu leiden hätten. In Mitteleuropa gibt es schließlich Überflutungen und Regenstürme oder Frostwinter, wie wir sie nur noch aus den Erzählungen unserer Vorväter kennen, solche harten Winter haben wir in Island schon seit 60 Jahren nicht mehr gehabt. Damals traf das die Menschen in Island natürlich sehr hart, man war plötzlich von der Welt abgeschlossen, die Vorräte gingen zur Neige und die Männer kamen nicht zum Fischen aufs Meer. Aber in europäischen Großstädten kommen noch heute Menschen im Winter um, dort gibt es Obdachlose oder Menschen, die es sich nicht leisten können, ihre Häuser zu heizen. Von einer Insel zu stammen ist ein ganz besonderer Zustand – Inselbewohner sind natürlich immer eine Minderheit der Menschheit, wenn man das so betrachtet!

Er lacht über diese plötzliche Erkenntnis.

Man darf natürlich auch nicht vergessen, dass die Figur in diesem Buch - aus Jón wurde da bei mir Jónas Pálmason - in die Verbannung geschickt wurde, er ist ein Vertriebener, bitter und voller Hass auf seine Mitbürger und natürlich wirkt sich das darauf aus, wie er spricht, ständig flucht und schimpft.
Pétur Blöndal: Und das auf einer noch kleineren Insel!
Sjón: Für einen Inselbewohner gibt es nichts Schlimmeres als auf eine noch kleinere Insel geschickt zu werden. Wir wissen alle, welche Einschränkungen das Leben auf einer Insel an sich schon mit sich bringt – und wenn es dann gar noch ein so kleiner Felsen ist! Aber was mich eben so beschäftigt hat, waren all diese wirklich faszinierenden Figuren im 17. Jahrhundert, und alle hießen sie Jón: der Geistliche Jón Magnússon, der die Märtyrergeschichten schrieb, Jón Ólafsson, der ein beachtenswertes Reisebuch verfasste, und dann eben Jón der Gelehrte. All das waren Männer, die eine unglaubliche Menge an Texten hinterließen, ein Zeugnis ihrer Geschichte und ihrer Gedanken, und wir haben noch immer Zugang dazu, weil Island eben so klein ist. Auch unsere Literaturgeschichte ist durchaus überschaubar, sodass man sich viel leichter eine Vorstellung davon machen kann, wen es da gab und was diese Menschen hervorgebracht haben. Und das ist eben auch etwas, womit man sich schon in jungen Jahren beschäftigen kann. Sich als deutscher oder französischer Autor eine solche Übersicht zu verschaffen, ist da natürlich wesentlich schwieriger. Vielleicht liegt ja gerade in dem Ausmaß dieses Unterfangens in einem größeren Kulturkreis der Grund dafür, dass die meisten dort vorgeben, daran schlichtweg kein Interesse zu haben. Für einen isländischen Autor aber liegen gerade in dieser Überschaubarkeit so viele Möglichkeiten. Ich bin eigentlich erstaunt darüber, dass nicht mehr isländische Schriftsteller diese Möglichkeiten nutzen, denn allein die Masse dessen, was wir an Texten über uns selbst produziert haben, ist so unfassbar, all diese Autobiografien, Lebensgeschichten und Chroniken. Heute nährt das Internet dieses Bedürfnis, sich über sich selbst zu äußern, auf Facebook und all den vielen Bloggseiten.
Pétur Blöndal: Es gibt eine faszinierende Passage in ›Das Gleißen der Nacht‹. Jónas Pálmason treibt darin einen Geist aus, den Sohn eines Pfarrers, der sein altes Gehöft immer und immer wieder heimsucht. Erzählt wird damit der ewige Kampf zwischen Mensch und Teufel: „Ich ließ mich nicht beirren und lenkte meine Rede nun auf sein eigenes Schicksal, erklärte ihm, Wiedergänger wie er seien die Körper Verstorbener, die zu ihren Lebzeiten anderen nur Tod und Hölle angewünscht hätten, und in den Überresten solcher Unglücksraben stünden dann dem Teufel alle Türen offen, Sodass er hineinschlüpfen und sich darin einnisten könne. Und genau das tue er auch mit dem größtem Vergnügen, bis er sich schließlich gar zum Steuermann dieser leeren Hülle erhebe, er reite dieses tote Menschenwesen, wie ein grimmiger Reiter sein Pferd voranhetzt, das hasserfüllte Herz als Sattel, während der dämonische Reitersmann seine Sporen in die verwesten Flanken gräbt.“
Sjón: Mein Geist soll so greifbar wie möglich sein. Für mich war das eine einmalige Chance, mit diesem Thema spielerisch umzugehen. Und weil ich ein so großer Fan von Zombiefilmen bin, nutzte ich diese einzigartige Gelegenheit, den Wiedergänger in allen Einzelheiten zu beschreiben, so ähnlich wie in dem Zombieklassiker ›Dawn of the Dead‹, das konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Aber vor allem ist der Sommer, den Jónas mit dem zauberkundigen Galdra-Láfi verbringt, ein unglaublich faszinierendes Kapitel. Sie dichten gemeinsam, werden Freunde und finden heraus, wer sie sind – so wie man eben als junger Mensch zum Dichter wird, wie einen die Muse bis in alle Poren erfasst und das Werkzeug wird, mit dem man seine Teufel niederringen kann.
Pétur Blöndal: Eines Ihrer immer wiederkehrenden Motive ist die Jagd, sowohl in ›Schattenfuchs‹, in ›Das Gleißen der Nacht‹, aber auch in dem Horror-Splatterfilm ›Reykjavik Whale Watching Massacre‹.
Sjón: Genau, vor allem die Geisterjagd. Aber was mich wohl vor allem zu diesem Buch inspirierte, war die Beschäftigung mit der Zeit nach der Reformation hier in Island. Ganz plötzlich musste die isländische Oberschicht nämlich niemandem mehr Rechenschaft ablegen. Das führte rasch zu einem moralischen Zerfall und einem katastrophalen Zustand in der Gesellschaft, man konnte eben einfach alles an sich raffen und für die eigene Familie behalten, musste nichts teilen. Ich sah da durchaus Parallelen zu dem Zustand, der hier während dieses gigantischen Wirtschaftsbooms herrschte, da brach eine solche Gier aus und man war der Meinung, dass man anderen gegenüber keinerlei sozialen oder moralischen Verpflichtungen mehr hatte. In der Zeit nach der Reformation brauchte man ein neues Weltbild, musste das alte abwerfen, ohne dass zumindest für die Armen der Gesellschaft irgendetwas anderes an dessen Stelle trat. Was auch immer man über die katholische Kirche sagen mag, so war sie doch eine Art Staat im Staate und schuf die Grundlage für eine Gesellschaft, die auf gegenseitiger Unterstützung aufbaute, mit Waisenheimen, Krankenhäusern und Leprastationen. Doch all das wird mit der Reformation mit einem Schlag ausgelöscht. Darin sah ich auch noch eine weitere Parallele: zum Fall der Mauer nämlich. Der Kommunismus wurde da in einem Rutsch auf den Schutthaufen der Geschichte geworfen, was ich auf keinen Fall bedaure, aber die Konsequenz dieser Radikalität war, dass plötzlich alles in einem schlechten Licht erschien, was auch nur einen Hauch von sozialem, linkem oder sonst irgendwie andersartigem Denken aufwies. Man einigte sich einfach darauf, dass der Kapitalisums nun gesiegt hatte, und dann konnte man sehr schnell beobachten, wie die Übereinkunft, die hier in den nordischen Ländern nach dem Krieg entstanden war, nämlich einen dritten Weg zu gehen, bei dem die Gesellschaft sich stets ihrer Verpflichtung gegenüber den Schwachen bewusst war, immer mehr und mehr untergraben wurde. Mit der so gründlich schief gegangenen Privatisierung der früher staatlichen Banken in Island erreichte diese Entwicklung wohl ihren Höhepunkt. Dass wir tatsächlich dabei waren, den Zusammenbruch des sozial verantwortlichen Denkens mitzuerleben, begriff ich erst wirklich , als ich 2007 begann, diese Geschichte zu schreiben. Und plötzlich war die Welt von Jónas gar nicht mehr weit entfernt von unserer heutigen.

In seinen Augen blitzt der Schalk auf.
Pétur Blöndal: Das Programm der Besten Partei, die in den letzten Kommunalwahlen in Reykjavik den Sieg errang und heute mit dem Kabarettisten Jón Gnarr den Bürgermeister stellt, haben sie mitgestaltet.
Sjón: Ich habe daran mitgewirkt, das stimmt. Es macht mir immer Spaß, daran mitzuwirken, das Unmögliche wahr zu machen. In diesem Falle war das eine Gruppe von Leuten, von denen sich vorher niemand hätte vorstellen können, dass sie eine so breite Unterstützung bekommen und eine solche Verantwortung übernehmen könnten. Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, dass da plötzlich Jón Gnarr mit einer bunten Truppe von Punkmusikern und anderen Künstlern im Stadtrat sitzen würde, hätte ich ihm wohl geraten, erst einmal seinen Rausch auszuschlafen. Aber das Unvorstellbare geschah und diese Gruppe von Leuten, die alle als Künstler ihre eigenen Wege gegangen waren, ohne sich viel um ihre Popularität zu scheren, erreichte die Menschen. Vielleicht gerade deshalb, weil sie es gewohnt waren, sich selbst und ihrer Kunst gegenüber treu zu sein. Wir erleben da gerade ein großes Abenteuer und ich denke, dass das eine Bestätigung des wirklich tief gehenden Vertrauens und Respekts ist, den die Isländer gegenüber Menschen haben, die sich mit der Kunst beschäftigen. Deshalb war ich auch froh, da mitgemacht zu haben. Wenn ich mir einen kleinen Anflug von Dramatik erlauben darf, würde ich sagen, dass das Ganze ein Hinweis darauf ist, was uns die Zukunft noch bringt. Zu Beginn einer neuen Ära versuchen die Menschen immer zu begreifen, was da auf sie zukommt. Als der Kapitalismus zusammen mit dem Bankensystem hier und anderswo in Europa seinen Zusammenbruch erlebte und dieses Krebsgeschwür ans Licht kam, suchten die Menschen eine neue geistige Stütze. Und wenn es etwas gibt, womit wir uns seit Beginn aller Zivilisation beschäftigen und was noch immer keinen kompletten Zusammenbruch erlebt hat, dann ist das die Kunst. Ich könnte mir schon vorstellen, dass die Kunst jetzt in einem viel stärkeren Maße zum Grundpfeiler unseres sozialen Gefüges wird – dass die Erfahrung dessen, was die Kunst uns schenkt, die Welt im kommenden Jahrhundert prägen wird.

Ich bin übrigens der Meinung, dass das Internet eine der Vorausbedingungen dafür ist, das möglich zu machen. Mit einer direkten Teilnahme der Allgemeinheit an diesem Medium wurde es plötzlich allen möglich, sich zu äußern und Zugang zu den gleichen Medien zu haben wie zum Beispiel die Künstler. Die meisten benutzen das Internet, um Musik oder Filme herunterzuladen oder Nachrichten und andere Texte zu lesen. Die Leute nehmen aber auch an den geistigen Werken anderer teil und können Kommentare und Anregungen geben, was meiner Meinung nach zu einer ganz neuen Form des Vertrauens und einer neuen Beziehung zwischen schöpferischen Menschen und deren Ansprechpartner geführt hat. Die Menschen haben begriffen, dass das Internet von Menschen geschaffen wurde, die über große Kreativität verfügen, die Kräfte bündeln und in Gang setzen können.

Die Menschen begreifen jetzt, dass die Kunst eine Art der gesellschaftlichen Analyse ist – Künstler tun nämlich nichts anderes, als die Welt und das Umfeld, in das sie hineingeboren wurden, zu analysieren, nur eben nicht mit den Instrumenten der Volkswirtschaftler oder Juristen, sondern durch diese wunderliche Mischung aus Werkbewusstsein, Fantasie und Sensibilität. Und ganz plötzlich ist das nun etwas Begehrenswertes. Ich glaube wirklich, dass das zu einer Grundlage für das 21. Jahrhundert werden könnte, das die Rolle dieser ideologischen Unterscheidung zwischen Links und Rechts übernehmen könnte.
Pétur Blöndal: Liegt nicht aber auch eine gewisse Gefahr darin, wenn ein Künstler plötzlich eine solche Interessenvertretung übernehmen muss?
Sjón: Sie meinen, die Interessen anderer?
Pétur Blöndal: Ist es nicht vielmehr Aufgabe der Kunst, Fragen zu stellen als Antworten zu geben?
Sjón: Künstler treffen immer Entscheidungen. Die städtische Energieversorgung zu managen ist da auch nicht anders als ein Plattenlabel am Leben zu erhalten, das ist immer ein schmaler Pfad zwischen einer Idee und deren Ausführung. Eigentlich ist es ja auch sehr traurig, dass es für uns etwas so Besonderes ist, dass da auf einmal Leute im Stadtrat sitzen, die sich nicht als Lobbyisten sehen, und auch, dass wir ein politisches System haben, in dem der gemeine Bürger keinen wirklichen Zugang zu den Entscheidungen hat, sondern sich nur über die Wahllisten der Parteien auf einflussreiche Stellen einkaufen kann. Genau das ist es, was uns zerstört, dass wir niemanden haben, der eine solche Position wirklich unbelastet antritt, nur aus Überzeugung, Liebe und Respekt für seine Mitbürger und die Gesellschaft. Keiner tritt für eine Partei an, ohne vorher seine Überlegungen an den Meistbietenden verkauft zu haben, seien das nun die anderen Parteimitglieder oder irgendwelche anderen Mächte in der Gesellschaft, die ein Interesse daran haben, ihren Kandidaten im Parlament zu sehen. Und wenn wir dann erleben, dass die Allgemeinheit begriffen zu haben scheint, dass es da eine Gruppe von Leuten gibt, die Erfahrung darin haben, ihre Ideen umzusetzen, und ihren Überzeugung folgen, dann ist das schon eine bemerkenswerte Geschichte. Natürlich gab es diese Leute auch vorher schon, nur haben wir sie nicht gesehen. Vielleicht, weil es im Interesse der Politiker war, alle Künstler als Latte schlürfende Kaffeehausnichtsnutzen darzustellen und damit ihre Bedeutung und ihren Einfluss herunterzuspielen.
Pétur Blöndal: Am Ende von ›Das Gleißen der Nacht‹ löst sich der Text auf. Ist das womöglich ein Verweis auf James Joyce?
Sjón: Nein, ganz und gar nicht, das ist einfach Jónas, der hier eine so starke Verbindung aufbaut, der ich mich nicht entziehen konnte. Das erste und das letzte Kapitel auf der Insel sind ein Bewusstseinsstrom. Ich hatte schon lange auf eine Möglichkeit gewartet, mit dieser Erzähltechnik zu arbeiten. Ich fand, dass das gut an diesen Anfang passte, wo Jónas versucht, Ordnung in seine Gedanken zu bekommen, die zu dem Zeitpunkt noch wild umherfliegen, wo eins zum anderen führt. Und am Ende gelingt es ihm dann, einen vollkommenen Überblick über sein Wissen zu gewinnen und sich damit selbst über das Universum hinweg aufzulösen und sich gleichzeitig untrennbar damit zu verbinden. Der Automatismus oder dieses reflexive Schreiben ist eines der Schlüsselelemente im Surrealismus, dadurch hatte ich die Möglichkeit, auch mit den alten Techniken Bretons zu arbeiten, der über den Menschen als Bühne oder Spielplatz des Universums schreibt, wo alles zusammenkommt, alles Kleine genau wie alles Große, sich dort seinen passenden Ort sucht und seine Harmonie, wo sich Gegensätze auflösen und ein Zustand des Ursprungs wiederhergestellt wird. Und dort schließt Jónas seinen Frieden mit sich selbst, wirft endgültig jedes Schuldgefühl ab und erlebt diese unfassbare Erleuchtung.
Pétur Blöndal: Ist das typisch für Island, dass die unterschiedlichsten Kunstzweige aufeinandertreffen? Sie haben schließlich alles vom Roman bis zu Songtexten für Björk geschrieben.
Sjón: In einer so kleinen Gesellschaft muss man einfach offen für alles sein. Und um die Dinge dann nicht amateurhaft zu verpfuschen, muss man sich schon sehr anstrengen. Das heißt aber nicht, dass ich jetzt auch mal versuchen würde, die Statik für eine neue Brücke über den Gletscherfluss auszurechnen. Damit das Ganze funktioniert, muss man schon auch seine Grenzen kennen. Natürlich geht es auch um die eigene Existenz als Künstler. Wenn man von einem Jungdichter zu einem jungen Dichter und dann zu einem Dichter wird, ist man irgendwann an dem Punkt angelangt, wo man von der Literatur leben muss und da muss man dann eben offen für alle möglichen Formen sein, einfach um nicht am Hungertuch zu nagen.
Pétur Blöndal: Ist dieses Zusammenfließen der verschiedenen Kunstzweige die wichtigste Eigenschaft der isländischen Kunstszene?
Sjón: Einer der Pfeiler der isländischen Gesellschaft besteht darin, wie eng der Kontakt hier zwischen allen Menschen ist, die mit der Kunst zu tun haben. Natürlich ist das auch eine Generationsfrage, ich arbeite zum Beispiel sehr viel mit Leuten aus meiner Generation, aber auch mit vielen jungen Menschen zusammen. Ich denke, dieser Fluss zwischen den verschiedenen Kunstzweigen nahm etwa um 1980 herum seinen Anfang, als die Popmusik begann, wirklich cool zu sein und nicht mehr nur irgendwo am Rande der Kunst stand. Zu dem Zeitpunkt fielen viele Mauern und neue Möglichkeiten taten sich auf. Die Lyrik hatte plötzlich Zugang zu Rockkonzerten und die Zusammenarbeit verschiedener Menschen derselben Generation wurde etwas ganz Normales. Ich denke, dass meine Generation sehr viel vom Kontakt zwischen diesen ganz unterschiedlichen Gruppen von Menschen profitiert hat. Wenn etwas irgendwann einmal als Erbe dieser Generation angesehen werden sollte, dann dürfte es meinetwegen genau das sein: Dass man Wege geöffnet hat.

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