Interview mit Anne Fortier
»Julia gehört zu meinem Leben«
Bei Anne Fortier bekommen Romeo und Julia eine zweite Chance. Im Gespräch erzählt sie, warum die berühmte Liebestragödie sie seit ihrer Kindheit beschäftigt, wie ihre Mutter bei der Recherche half und warum sie ein ganzes Wochenende im Pyjama am Schreibtisch saß.
Bei Anne Fortier bekommen Romeo und Julia eine zweite Chance. Im Gespräch erzählt sie, warum die berühmte Liebestragödie sie seit ihrer Kindheit beschäftigt, wie ihre Mutter bei der Recherche half und warum sie ein ganzes Wochenende im Pyjama am Schreibtisch saß.
db-mobil: Warum interessiert Sie die Romeo-und-Julia-Geschichte?
Anne Fortier: Meine Mutter führte früher jeden Tag dänische Touristen durch Verona, zeigte ihnen den Balkon und das Grab von Julia und beantwortete tausend Fragen zu Shakespeares Stück. In meiner Kindheit war es üblich, wenn wir nach Verona kamen, immer »bei Julia vorbeizuschauen«. In einem gewissen Sinn gehörte Julia zu meinem Leben, und ich war entsetzt, als ich begriff, dass sie eine fiktive Gestalt ist. Als ich das Stück dann endlich selbst las, fand ich es furchtbar traurig. Geschichten, die tragisch enden, waren überhaupt nicht mein Fall, und bis heute frage ich alle, die mir Bücher oder Filme empfehlen: »Geht es denn gut aus?« Genau das treibt Julia, die Heldin des modernen Handlungsstrangs, an: Sie möchte unbedingt den beiden eine zweite Chance geben.
db-mobil: Wir dachten bisher, »Romeo und Julia« spiele in Verona. Haben wir was verpasst?
Anne Fortier: Nein, auch ich war davon überzeugt. Ich dachte auch, Shakespeare habe die Geschichte selbst erfunden. Aber als meine Mutter und ich vor Jahren in die Toskana, nach Siena reisten, änderte sich alles. Ich war völlig hingerissen von der
mittelalterlichen Stadt und spürte, dass die uralten Familienfehden, die geheimnisvollen unterirdischen Gänge, die Pestlegenden geradezu nach einem Roman riefen. Als dann meine Mutter herausfand, dass die Urfassung von »Romeo und Julia« 1476 von einem Italiener stammte und genau hier in Siena spielte, war für mich klar: ich wollte Shakespeares berühmte Geschichte an ihre Ursprünge zurückführen und vor der Kulisse von Siena neu erzählen.
mittelalterlichen Stadt und spürte, dass die uralten Familienfehden, die geheimnisvollen unterirdischen Gänge, die Pestlegenden geradezu nach einem Roman riefen. Als dann meine Mutter herausfand, dass die Urfassung von »Romeo und Julia« 1476 von einem Italiener stammte und genau hier in Siena spielte, war für mich klar: ich wollte Shakespeares berühmte Geschichte an ihre Ursprünge zurückführen und vor der Kulisse von Siena neu erzählen.
db-mobil: Was fasziniert Sie an Siena?
Anne Fortier: Schon bei den ersten Schritten durch die Straßen spürte ich: dies ist ein Ort voller Geheimnisse. Wer Siena besucht, fühlt sich sofort ins Mittelalter versetzt. Viele alte Städte Italiens wurden durch Erdbeben oder Kriege zerstört und zeigen deshalb eine Mischung verschiedener Architekturstile, aber Siena ist davon verschont geblieben. Die Stadt vibriert geradezu vor Energie. Mir fiel auf, wie sehr der mittelalterliche Konflikt zweier Familien Sienas, der Tolomeis und der Salimbenis, der blutigen Rivalität zwischen den Montagues und Capulets bei Shakespeare glich. Diese historisch belegte Fehde diente wohl tatsächlich als Vorlage für den Stoff, und so schien es mir nur passend, die Julia in meinem Roman zu einer Nachfahrin der Tolomei-Familie zu machen.
db-mobil: Ihr Roman hat zwei Handlungsstränge, in der Gegenwart und im Mittelalter. Wie ist diese Idee entstanden?
Anne Fortier: Als ich mit dem Roman anfing, konzentrierte ich mich ganz auf die moderne Handlung. Julia sollte die Geschichte ihrer Vorfahren anhand von Briefen und Dokumenten entdecken. Ich hatte nicht vor, die historischen Ereignisse zu schildern.
Ich fürchtete, die Leser könnten es verwirrend finden, zwischen zwei Zeitebenen hin- und herzuspringen. Aber je länger ich schrieb, desto stärker drängten sich meine mittelalterlichen Charaktere in den Vordergrund. Unversehens recherchierte ich alles Mögliche von mittelalterlichen Kleidern und Waffen bis zu Tänzen und Hochzeitsbräuchen. Dabei fand ich manchmal erstaunliche Details. So gab es im Spätmittelalter eine Mode, bei der die Überröcke der Männer so kurz zu sein hatten, dass sie kaum bis zum Bund ihrer langen Strumpfhosen reichten. Ich stieß auf empörte Beschwerden von Kirchenvertretern darüber, dass man beim Aufsitzen aufs Pferd in der Lücke zwischen Überrock und Strumpfhose nackt entblößte Männerhüften sehen könnte. Solche Fundstücke machten mir großen Spaß.
Ich fürchtete, die Leser könnten es verwirrend finden, zwischen zwei Zeitebenen hin- und herzuspringen. Aber je länger ich schrieb, desto stärker drängten sich meine mittelalterlichen Charaktere in den Vordergrund. Unversehens recherchierte ich alles Mögliche von mittelalterlichen Kleidern und Waffen bis zu Tänzen und Hochzeitsbräuchen. Dabei fand ich manchmal erstaunliche Details. So gab es im Spätmittelalter eine Mode, bei der die Überröcke der Männer so kurz zu sein hatten, dass sie kaum bis zum Bund ihrer langen Strumpfhosen reichten. Ich stieß auf empörte Beschwerden von Kirchenvertretern darüber, dass man beim Aufsitzen aufs Pferd in der Lücke zwischen Überrock und Strumpfhose nackt entblößte Männerhüften sehen könnte. Solche Fundstücke machten mir großen Spaß.
db-mobil: Welcher Teil war schwieriger zu schreiben?
Anne Fortier: Aufgrund der Recherche stellte die historische Handlung eine größere Herausforderung dar, aber sobald ich anfing zu schreiben, nahmen mich beide Ebenen in gleicher Weise gefangen. So gibt es ein Kapitel, in dem Romeo den mittelalterlichen Palio reitet. Ich spürte, dass ich für diese spannungsgeladene Szene viel Schwung brauchen würde, um sie richtig hinzubekommen. Und dann ging es auf einmal, das ganze Kapitel entfaltete sich in einem langen Fluss der Worte, zügiger, als ich je vorher geschrieben hatte. Das war sehr aufregend. Ich habe wohl das ganze Wochenende im Pyjama am Schreibtisch gesessen.
db-mobil: Wie haben Sie für das Buch recherchiert?
Anne Fortier: Ich war beruflich in den USA eingespannt und hätte den Roman nie ohne die Hilfe meiner Mutter schreiben können, die sich in Siena aufhielt. Sie suchte in Museen und Archiven nach Dokumenten, alten Stammbäumen oder Grundrissen bestimmter Gebäude. Auch für das heutige Siena war sie mein Späher vor Ort. Ich kannte die Stadt gut, konnte mich aber natürlich nicht an jedes Detail erinnern, so dass sie alle Beschreibungen am Ort überprüfen und Fotos davon machen musste. Sie befragte auch viele Einheimische und genoss es sehr, ihre Ergebnisse in Umschlägen zu schicken, die mit »Top Secret« markiert waren. Manchmal stellte ich ihr die verrücktesten Aufgaben, etwa sich zu überlegen, wo sich Julia bei einer Verfolgungsjagd verstecken müsste oder wie man in eine bestimmte Bank in Siena einbrechen könnte. Und dann gab es da dieses Internet-Chatforum, in dem es um den Palio geht – auf Italienisch. Meine Mutter entwarf perfekt formulierte Fragen, die ich postete. Als dann Antworten kamen, schrieb ich selbst zurück. Mein Italienisch ist allerdings ziemlich wackelig, so dass sich die Leute sehr gewundert haben müssen, warum ich manchmal so wortgewandt und manchmal so holperig klang.
db-mobil: Wie viel müssen Ihre Leser von Shakespeare wissen, wenn sie Ihren Roman lesen?
Anne Fortier: Ich bin sicher, dass man den Roman genießen kann, ohne eine Silbe von Shakespeare gelesen zu haben. Wobei »Romeo und Julia« ja so berühmt ist, dass fast jeder ein paar Motive kennt: die Fehde der beiden Familien, die Balkonszene, die heimliche Hochzeit, den blöden Plan mit dem Schlaftrunk und den doppelten Selbstmord. Mein Roman »Julia« spielt mit all diesen Motiven, und ich fände es schön, wenn Leser dadurch Lust bekämen, Shakespeare [wieder] zu lesen.
Das Interview ist im Mai-Heft 2010 von db-mobil, der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn, erschienen.
Das Interview ist im Mai-Heft 2010 von db-mobil, der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn, erschienen.
