Interview mit Norman Ollestad

In dem autobiografischen Roman »Süchtig nach dem Sturm« erzählt Norman Ollestad, wie ein Flugzeugabsturz sein Leben veränderte. Der Autor über die Herausforderung, Schicksalsschläge zu überwinden, und über die Balance zwischen Realität und Fiktion.
db-mobil: Herr Ollestad, Sie haben im Alter von elf Jahren einen tragischen Flugzeugabsturz erlebt, dabei haben Sie Ihren Vater verloren. Wie ist es möglich, ein solches Erlebnis seelisch zu überwinden und ein normales Leben zu führen?
Norman Ollestad: Wissen Sie, es ist doch so, dass Menschen auf der ganzen Welt Tag für Tag in grausamer Armut überleben, sie überleben Krieg, Hunger, Gewalt. Sie haben keine Hoffnung, es gibt für sie keine Zukunft. Was mir geschehen ist, ist nichts Außergewöhnliches, wenn man die Welt betrachtet. Das war es nur für mich. Menschen finden Wege, um durchzuhalten und nach vorn zu blicken, das Geschehene hinter sich zu lassen. Das Wichtigste ist doch, wie man es schafft, weiterzumachen. Man muss sich regelrecht durch die Trauer, den Schmerz und die Wut durchkämpfen, damit man sich das Leben nicht ganz verdirbt. Mir half das Surfen, das Skilaufen, dieses Süchtigsein nach dem Sturm, all das, was mein Vater mir beigebracht hat, um die Schönheit des Lebens wiederzufinden. Und so ist es mir langsam nach und nach gelungen, mich durch die Dunkelheit freizukämpfen.
db-mobil: Sie haben Ihre ganz persönliche Geschichte aufgeschrieben. Wann haben Sie sich dazu entschlossen und wie sind Sie vorgegangen?
Norman Ollestad: Ich bin genauso vorgegangen, wie bei jeder anderen Geschichte, die ich schreibe: Wo ist das Fleisch und wo ist der Knochen? Wo sind die spannenden Aspekte? Wie ist ein Gefühl oder eine Erfahrung mit der nächsten verbunden? Ich grabe und grabe, und unter einer dicken Schicht finde ich dann den roten Faden, dem ich folge.
db-mobil: »Süchtig nach dem Sturm« ist eine wahre Geschichte, aber das Buch ist doch auch sehr literarisch, wie ein Roman geschrieben. Wie ist es Ihnen gelungen, diese Balance zwischen Wahrheit und Fiktion zu finden und umzusetzen?
Norman Ollestad: Ich denke, das Leben enthält alle Elemente, die ein spannender Roman braucht. Ich bin auf die Suche gegangen nach eben diesen Teilen, diesen Elementen, die sich aus meinen persönlichen Erfahrungen und Gefühlen zusammensetzten, und habe eine Geschichte um das Ganze geknüpft. Meine Erfahrung und die hohe emotionale Intensität dieser Erfahrungen sind über Geschichten miteinander verbunden. Mich interessieren die Menschen und das Leben, und ich lerne gerne etwas über Menschen und ihr Leben durch Geschichten, nicht über irgendwelche Ratgeber oder erleuchtende Selbsthilfe. Also wollte ich auch meine Erfahrungen in einer Geschichte verpackt weitergeben, aus der jeder das ziehen kann, was er möchte, je nachdem, was er gerade braucht.
db-mobil: »Süchtig nach dem Sturm« ist ein zutiefst menschliches Buch. Großartig ist, wie es Ihnen gelingt, allem auch etwas Gutes abzugewinnen, jeder Situation, jedem Menschen, selbst so stark ambivalenten Charakteren wie Nick, dem Freund Ihrer Mutter, der Ihnen manchmal das
Leben schwer machte. Es ist eine Wärme, die sich wie ein Sonnenstrahl durch den ganzen Text zieht. Woher nehmen Sie diese Kraft?
Norman Ollestad: Ich glaube, niemand möchte wirklich ein Arschloch sein, selbst, wenn er sich gerade so verhält. Unter allen negativen Verhaltensweisen, unter allem Schlechten verbirgt sich doch – auch wenn das vielleicht etwas abgedroschen klingt – der Wunsch eines Menschen nach Liebe, nach Anerkennung,
nach Respekt. Sich dem Leben, den Menschen und der Geschichte in dieser Weise zu nähern, hielt ich einfach nur für die ehrlichste Herangehensweise.
db-mobil: Eine sehr persönliche Frage: Sie haben selber einen neunjährigen Sohn. Wie ist Ihre Beziehung zu ihm?
Norman Ollestad: Ich verbringe viel Zeit mit meinem Sohn. Wir surfen oder laufen viel Ski zusammen. Wir teilen unsere
Leidenschaften. Wir könnten genauso gut Cello spielen oder durch den Wald wandern. Es ist nicht wichtig, was man zusammen unternimmt, es ist nur wichtig, dass man die Begeisterung und auch vielleicht die Anstrengung, das Erfolgserlebnis bei gemeinsamen Erfahrungen teilt. Unser Zusammenspiel bei diesen Erlebnissen und Abenteuern hat eine stabile und reiche Beziehung geschaffen.
db-mobil: Ihr Buch ist ein Bestseller in den USA. Wie erklären Sie sich das? Was hat Ihr Buch, was andere nicht haben?
Norman Ollestad: Wenn ich das erklären könnte, wäre ich ja die wichtigste Person in der Verlagsbranche überhaupt! Die Wahrheit ist: Ich habe keine Ahnung. Ich wollte einfach eine gute Geschichte erzählen, alles andere liegt außerhalb meiner Kontrolle.
db-mobil: Sie kommen im März nach Deutschland, um Ihr Buch vorzustellen. Waren Sie schon einmal hier?
Norman Ollestad: Ich habe immer wieder etwas Zeit in München verbracht, wenn ich auf dem Weg nach St. Anton zum Skilaufen war. Ich mochte Hamburg auch wirklich gerne, eine interessante und schöne Stadt. Ich hoffe natürlich, dass »Süchtig nach dem Sturm« auch die deutschen Leser berührt und vielleicht auf seine Weise inspiriert. Wir werden sehen.

Das Interview ist im März-Heft 2010 von db-mobil, der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn, erschienen.

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