Interview mit Cecelia Ahern

Cecelia Ahern, geboren 1981, ist in Dublin zu Hause. Direkt nach dem Uni-Abschluss in Journalistik und Medienkunde begann sie mit dem Roman, der sie berühmt machte: ›P.S. Ich liebe Dich‹, der mit Hilary Swank verfilmt wurde. Danach folgten Jahr für Jahr weitere Romane, die von Millionen Fans in aller Welt ins Herz geschlossen wurden. Die nächste Hollywood-Verfilmung steht kurz bevor. Neben ihren Romanen schreibt Cecelia Ahern auch Theaterstücke und Drehbücher und konzipierte die TV-Serie ›Samantha Who?‹ mit Christina Applegate (Pro7). Die Autorin hat gerade eine kleine Tochter bekommen.
db-mobil: Cecelia Ahern, In Ihrem Roman ›Ich schreib dir morgen wieder‹ spielt ein geheimnisvolles Tagebuch eine Hauptrolle. Ist Tagebuchschreiben in unseren E-Mail- und Internet-Zeit nicht etwas sehr Altmodisches?
Cecelia Ahern: Eins der wichtigen Themen in ›Ich schreib dir morgen wieder‹ ist die Rückkehr zu den einfachen, wesentlichen Dingen. Als Autorin ist Schreiben – auch der physische Akt des Schreibens selbst – natürlich meine große Leidenschaft; ich finde es sehr, sehr erfüllend und beglückend. Ich glaube, Schreiben kann therapeutisch wirken. Für Tamara, die Hauptfigur in ›Ich schreib dir morgen wieder‹, die sich selbst erst einmal genau kennenlernen muss, ist das Tagebuch wie ein Spiegel, in den sie schauen kann, um zu entdecken, wer sie eigentlich ist.
Ich denke oft, Schreiben enthüllt sehr viel von einer Person. Und während Facebook und andere soziale Netzwerke das Äußerliche zeigen – was wir am Wochenende machen, was wir mögen oder nicht –, kann das Schreiben mit Papier und Stift die Seele enthüllen. Es macht Spaß, sich über Internetnetzwerke auszutauschen und in Kontakt zu bleiben, aber das ist natürlich nicht sehr tiefgehend, hat nicht so viel Seele. Tagebuchschreiben finde ich nicht altmodisch, sondern zeitlos – es wird nie aus der Mode kommen, während sich die neusten elektronischen Geräte und Möglichkeiten gegenseitig überholen. Die Technologie verändert sich unablässig, aber ich bin sicher, dass Bücher und das Schreiben bleiben.
Tamara selbst ist cool und modern und findet erst einmal, Tagebuchschreiben sei etwas für uncoole Außenseiter. Aber sie bemerkt schnell, dass sie durch das Tagebuch mehr über ihr Leben lernt als jemals zuvor. Ich habe ihr im Roman all ihre materiellen Besitztümer weggenommen, damit sie ihren wirklichen Kern sehen kann – und sich nicht länger über das definiert, was sie hat, sondern darüber, wer sie ist.
db-mobil: Was hatten Sie zuerst im Kopf – die Idee des Zukunfts-Tagebuchs oder den Schauplatz des alten Kilsaney-Schlosses?
Cecelia Ahern: Die Idee des “sich selbst schreibenden Tagebuchs” hatte ich schon vor einigen Jahren. Aber ich wusste zunächst nicht, wie ich seine Geschichte erzählen sollte, ich hatte noch nicht die richtigen Figuren oder die richtige Szenerie dafür im Kopf. Dann irgendwann ertönte Tamaras Stimme in meinem Kopf, dieses verwöhnte, aber energische Mädchen, in das ich mich sofort verliebt habe. Aber ich wusste immer noch nicht, wo ihre Geschichte spielen soll. Bis ich dieses Gebiet im irischen County Meath gefunden habe, wo das Killeen Castle und das Dunsaney Castle stehen. Ich mochte die Gegend sofort und wusste: Das ist der Schauplatz für Tamaras Geschichte! Ich wollte nicht über die Historie eines dieser beiden realen Schlösser dort schreiben, aber ich habe ein ähnliches erfunden, das Schloss von Kilsaney.
db-mobil: Glauben Sie, dass wir mit unserm Handeln die Zukunft beeinflussen können?
Cecelia Ahern: Ja, ich bin überzeugt davon, dass wir die Verantwortung für unser Handeln übernehmen müssen. Wenn es um Fragen von Schicksal und Vorbestimmung geht, bin ich aber hin- und hergerissen, da bin ich mir nicht so sicher. Manchmal treffen Umstände zusammen, so dass Dinge geschehen, die geschehen sollten. Und manchmal müssen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Als Tamara in ›Ich schreib dir morgen wieder‹ das Tagebuch entdeckt, das ihr vom nächsten Tag erzählt, hat sie auf einmal die Möglichkeit, ihr eigenes Morgen entweder so zu leben, wie es geschrieben steht – oder es zu verändern. Ich lasse im Roman also beiden Möglichkeiten Raum – die Zukunft ist vorbestimmt, aber wir können eingreifen.
Ich bin überzeugt davon, dass wir, wenn wir einfach dasitzen und abwarten, woanders herauskommen, als wenn wir aktiv losgehen und uns ins Leben stürzen. Wir haben die Kraft, unser Leben in die Hand zu nehmen, und wenn uns klar wird, was wir wirklich wollen, dann kann das Universum für uns mitarbeiten.
db-mobil: Viele Leser sagen, ›Ich schreib dir morgen wieder‹ sei Ihr bisher spannendstes Buch. War das Ihre Absicht?
Cecelia Ahern: Ein Rätsel, ein Geheimnis ist tatsächlich die Grundlage dieses Romans, und das unterscheidet ihn vielleicht auch ein bisschen von meinen anderen Büchern. Ich wusste von Anfang an, wie Tamaras Geschichte ausgehen sollte, aber nicht, wie sie dahinkommen wird – und so habe ich mich darauf konzentriert, Tamara auf ihre Reise zu schicken. Ich hatte beim Schreiben von manchen Passagen selbst eine Gänsehaut. Das gab mir das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein – so ähnlich, wie ich bei ›P.S. Ich liebe Dich‹, was ja eine traurige Geschichte ist, beim Schreiben manchmal weinen musste und hoffte, dass es den Lesern später auch so geht.
In ›Ich schreib dir morgen wieder‹ gab es immer wieder Wendungen, die mich beim Schreiben selbst überrascht haben. Ich lese sehr gern Krimis und Thriller und mag das Gefühl, das hinter der nächsten Ecke irgendetwas lauert. Aber mein neuer Roman ist natürlich kein Krimi, sondern ein Buch mit allem, was mich als Autorin ausmacht –ich gehe eben einfach immer sehr vom Herzen aus an meine Geschichten. Und ein Humor sollen sie auch haben.
db-mobil: Man würde sich nicht wundern, wenn in ›Ich schreib dir morgen wieder‹ ein paar “echte” Geister aufgetaucht wären …
Cecelia Ahern: Ich habe ja tatsächlich einige Romane geschrieben mit einem Hauch Magie oder Szenen in jenseitigen Welten, da scheint das natürlich nicht völlig abwegig. Aber gerade bei diesen Geschichten ist es mir dann besonders wichtig, die Balance zu wahren. Das Außergewöhnliche verbindet sich mit dem Alltäglichen, darum geht es mir, und dann finde ich es auch selbst glaubwürdig. Deshalb ist es in ›Ich schreib dir morgen wieder‹ auch so wichtig, dass etwas so Ungewöhnliches, Magisches wie ein Zukunfts-Tagebuch der Hauptfigur gerade bei den ganz realen und greifbaren Fragen und Vorkommnissen in ihrem Leben hilft.
db-mobil: Sie haben als Autorin eine enorme Entwicklung durchgemacht von Ihrem Debüt ›P.S. Ich liebe Dich‹ bis hin zu Ihrem neuesten Roman, ›Ich schreib dir morgen wieder‹ - oder nicht?
Cecelia Ahern: Ja, ich glaube schon, aber ich bin natürlich befangen! Wenn man diese beiden Romane ansieht, unterscheiden sie sich natürlich, ›P.S. Ich liebe Dich‹ ist eine Liebesgeschichte, in ›Ich schreib dir morgen wieder‹ geht es um ein Geheimnis.
Aber viele Dinge haben sich dennoch überhaupt nicht verändert: Mein Ton, meine Art zu erzählen, ist gleich geblieben – und auch das, was ich mit meinen Geschichten ausdrücken möchte. Ich denke und hoffe natürlich sehr, dass ich mich als Autorin entwickelt habe, dass ich immer tiefer in meine Figuren und Themen einsteige. Aber egal, was ich schreibe, im Herzen meiner Geschichten und an ihrem Ausgangspunkt steht eigentlich immer eine Figur, die etwas sehr Schwieriges erlebt hat und gezwungen ist innezuhalten und genau hinzusehen – und sich dann auf eine Reise zu machen, um sich selbst zu erkennen.
Es ist wunderbar für mich, dass ich mich in meinen Romanen mit ganz unterschiedlichen Themen auseinandersetzen kann. Und dass ich die Dinge aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten kann. Ein großes Dankeschön an meine Leser, dass sie mich das tun lassen und mich bei jedem neuen Buch so unterstützt haben!
db-mobil: Sie sind gerade Mutter Ihres ersten Kindes, einer kleinen Tochter, geworden. Hat sich dadurch Ihr Blick auf die Welt verändert oder die Art, wie Sie Ihre Ideen finden?
Cecelia Ahern: Die Art der Ideen und Themen, die mich interessieren und über die ich gern schreiben möchte, hat sich eigentlich durch das Mama-Sein nicht verändert. Aber auf jeden Fall die Zeiten, zu denen ich schreibe! Früher habe ich die ganze Nacht durchgeschrieben und dann lange geschlafen. Aber jetzt bin ich schon bei Tagesanbruch auf den Beinen und falle noch vor Mitternacht völlig erschöpft wieder ins Bett. So habe ich aber herausgefunden, dass der Morgen eigentlich eine sehr schöne, friedliche Tageszeit ist – auch zum Schreiben. Wer hätte das geahnt!

Das Interview ist im Juni-Heft 2010 von db-mobil, der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn, erschienen.
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