Interview mit Anne Weber
Constanze Neuman: Im Frühjahr erschien Ihr sechstes Buch, „Luft und Liebe“, und wieder haben Sie es auf Deutsch und Französisch geschrieben – welche Sprache ist zuerst da? Oder sind beide wirklich gleichberechtigt?
Anne Weber: Gleichberechtigt sind sie nicht: Das Deutsche ist und bleibt meine Muttersprache, und in dieser schreibe ich nun auch zuerst, bevor ich eine französische Fassung des fertigen Manuskripts erstelle. Meine ersten drei Bücher habe ich zuerst auf Französisch verfasst, und dann erst ins Deutsche übertragen; im Nachhinein erkläre ich es mir so, dass ich diesen Umweg über eine fremde Sprache brauchte, um mich an die Literatur heranzutrauen. Jedem Schreibenden muss es gelingen, eine Distanz zwischen sich, seine Person und seine Erfahrungen einerseits und die Sprache andererseits zu bringen. In eine fremde Sprache überzuwechseln ist ein sehr radikaler Weg, Distanz zu schaffen, da gibt es natürlich auch andere Mittel. Es war aber der Weg, den ich damals (übrigens gar nicht sehr bewusst) gewählt habe. Natürlich war mir das nur möglich, weil ich schon länger in Frankreich lebte und das Französische meine zweite Sprache geworden war.
Constanze Neuman: Könnte man sagen, Sie brauchen die Distanz der Fremdsprache nun nicht mehr, um zu schreiben, um sich Ihren Sujets zu nähern? Wie schaffen Sie jetzt diese Distanz? Sie schreiben, Sie mussten sich an die Literatur erst „herantrauen“. Entwickelt man von Buch zu Buch eine wachsende Vertrautheit, gar eine Routine? Oder empfinden Sie jedes neue Buch als Wagnis?
Anne Weber: Ja, vielleicht könnte man sagen, dass ich die Distanz der Fremdsprache jetzt nicht mehr brauche. Dass ich weiterhin zwei Fassungen meiner Bücher schreibe, hängt mehr damit zusammen, dass ich — vielleicht zu Unrecht — glaube, für diese Aufgabe geeigneter zu sein als jeder Übersetzer.
Eine angelernte Sprache betrachtet man immer ein bisschen von außen, sie ist nicht wie die Muttersprache Teil der eigenen Person. Ich denke, dass ich ein bisschen etwas von diesem Abstand, den ich notwendigerweise zum Französischen habe, mittlerweile auch auf mein Verhältnis zur deutschen Sprache übertragen habe. Das "Herantrauen" betrifft dabei weniger ein Sujet als die Tätigkeit des Schreibens als solche. Wer je in seiner Jugend ein großartiges Buch mit Staunen und Ergriffenheit gelesen hat, kann nicht einfach drauflos schreiben, als könnte er das aus dem Stehgreif auch. Das Deutsche war für mich wahrscheinlich deshalb besonders einschüchternd, weil ich meine ersten Leseerfahrungen in dieser Sprache gemacht habe.
Zur Routine ist das Schreiben bisher noch nicht geworden bei mir, zumal ich das Gefühl habe, dass jedes meiner Bücher sich sehr von den vorherigen unterscheidet. Allenfalls habe ich ein bisschen Selbstvertrauen und dadurch eine gewisse Freiheit hinzugewonnen. Aber es ist tatsächlich jedesmal ein Wagnis, und vielleicht bei "Luft und Liebe" ganz besonders.
Eine angelernte Sprache betrachtet man immer ein bisschen von außen, sie ist nicht wie die Muttersprache Teil der eigenen Person. Ich denke, dass ich ein bisschen etwas von diesem Abstand, den ich notwendigerweise zum Französischen habe, mittlerweile auch auf mein Verhältnis zur deutschen Sprache übertragen habe. Das "Herantrauen" betrifft dabei weniger ein Sujet als die Tätigkeit des Schreibens als solche. Wer je in seiner Jugend ein großartiges Buch mit Staunen und Ergriffenheit gelesen hat, kann nicht einfach drauflos schreiben, als könnte er das aus dem Stehgreif auch. Das Deutsche war für mich wahrscheinlich deshalb besonders einschüchternd, weil ich meine ersten Leseerfahrungen in dieser Sprache gemacht habe.
Zur Routine ist das Schreiben bisher noch nicht geworden bei mir, zumal ich das Gefühl habe, dass jedes meiner Bücher sich sehr von den vorherigen unterscheidet. Allenfalls habe ich ein bisschen Selbstvertrauen und dadurch eine gewisse Freiheit hinzugewonnen. Aber es ist tatsächlich jedesmal ein Wagnis, und vielleicht bei "Luft und Liebe" ganz besonders.
Constanze Neuman: Sie haben Deutschland sehr konsequent den Rücken gekehrt, trotzdem sind Sie Teil der deutschen Literaturlandschaft. Wie kann man sich dieses Leben vorstellen? Und was bedeuten Frankreich und Paris für Sie? Wie ist es, wenn Sie auf Lesereise durch Deutschland fahren?
Anne Weber: "Den Rücken gekehrt" hört sich ein bisschen so an, als hätte man mir dort Böses angetan und als sei ich beleidigt. Das wäre falsch. Ich lebe einfach schon seit 26 Jahren woanders und schaue deshalb notwendigerweise aus der Ferne nach Deutschland. Ich kehre Deutschland nicht den Rücken zu, habe aber auch nicht dauernd den Blick dorthin gerichtet. Sagen wir, ich stehe ein bisschen abseits und schaue immer mal wieder rüber.
Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, sei es für Lesungen oder um meine Familie zu besuchen, ist mir nach wie vor alles vertraut, und trotzdem fühle ich mich ein bisschen fremd. In Frankreich ist es im Grunde genauso, oder vielmehr umgekehrt: Ich fühle mich zwar immer noch fremd, also nicht als Einheimische, aber zugleich ist mir alles sehr vertraut. Dieses leichte Fremdheitsgefühl, das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, ist dem Schreiben (meinem wenigstens) förderlich.
Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, sei es für Lesungen oder um meine Familie zu besuchen, ist mir nach wie vor alles vertraut, und trotzdem fühle ich mich ein bisschen fremd. In Frankreich ist es im Grunde genauso, oder vielmehr umgekehrt: Ich fühle mich zwar immer noch fremd, also nicht als Einheimische, aber zugleich ist mir alles sehr vertraut. Dieses leichte Fremdheitsgefühl, das Gefühl, nicht ganz dazuzugehören, ist dem Schreiben (meinem wenigstens) förderlich.
Constanze Neuman: Ihre Bücher zeichnen sich unter anderem durch eine genaue Beobachtungsgabe, durch einen präzisen Blick aus. Könnte man diesen auf das zurückführen, was Sie „Fremdheitsgefühl“ nennen?
Anne Weber: Ich bin mir da keiner besonderen Gabe bewusst. Aber was mich vielleicht tatsächlich auszeichnet seit dem ersten Buch, ist das Gefühl, dass die Welt um mich herum, die von mir wahrgenommene Umgebung nichts Selbstverständliches, sondern etwas ganz und gar Erstaunliches und im Grunde Unfassbares ist. Natürlich kann man nicht jede Sekunde seiner Existenz in diesem Bewusstsein leben; man wäre für die Anforderungen des täglichen Lebens völlig untauglich. Aber immer wieder neu überkommt mich ein Staunen darüber, dass alles so ist, wie es ist, dass in den Städten die Menschen übereinander gestapelt leben, dass sie Tag und Nacht auf rollenden Gehäusen unterwegs sind, dass von oben immer wieder Wasser auf sie fällt und sie durchnässt, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ist das nicht alles sehr eigenartig?
Constanze Neuman: Vielleicht ist es ja dieser Blick für das Eigenartige, der ihre Bücher prägt. Zu diesem sehr genauen, manchmal auch entblößenden Blick kommt ein souveräner Umgang mit der Sprache, mit der Sie spielen können wie wenige. Bislang haben Sie aber in Ihren Büchern keine Geschichten erzählt, keinen Roman geschrieben – vielmehr sind in den vergangenen zehn Jahren Miniaturen wie „Ida erfindet das Schießpulver“ oder betrachtende Prosa wie „Erste Person“ oder „Besuch bei Zerberus“ entstanden. Wie kommt es jetzt zum Roman, wie kommt es zu dieser Premiere?
Anne Weber: Das ist eine Entwicklung, die man nimmt, ein Weg, den man geht, ohne am Anfang genau zu wissen, wo es hingeht. Schreiben war für mich nie das Ausdenken möglichst spannender, unterhaltender oder ergreifender Geschichten. Eher ein Hinhören. Und ein Hinsehen. Die Geschichte war die jedes einzelnen Satzes und dessen Übergehen in den nächsten. Der Verlauf dieser Prosa war nicht gelenkt von einer Handlung, von einem Ereignis, auf das man zuschreibt, sondern von den Sätzen selbst, sowohl von den Gedanken, die in ihnen enthalten waren, als auch von ihrem Rhythmus und Klang. Das ging so eine Weile, bis ich mich vor ein paar Jahren daran machte, die Geschichte eines ganzen Lebens zu erzählen (die Geschichte von Goethes Sohn August). Hierbei fand ich zum ersten Mal Gefallen daran, einen größeren Bogen zu spannen als den von Satz zu Satz. Ich hatte große Freude daran, in einigen wichtigen Momenten ein ganzes Leben, einen ganzen Menschen zu spiegeln, und vor allem hatte ich auch Freude daran — Freude und Schmerz —, mich in einen anderen Menschen hineinzudenken und -zufühlen. Dann kam das nächste Buch, und das ist eigentlich nur ein Schritt weiter in dieselbe Richtung. Vielleicht habe ich auch einfach meine leicht snobistische Abneigung gegen das Geschichtenerzählen langsam überwunden.
Constanze Neuman: Muss das ein Widerspruch sein? Kann nicht auch ein großer erzählerischer Bogen von Satz zu Satz getragen werden bzw. auf dem einzelnen Satz gründen?
Anne Weber: Das muss sicherlich kein Widerspruch sein. Natürlich muss und darf ein erzählendes Werk nicht den Satzrhythmus vernachlässigen. Aber es ist etwas anderes, eine Geschichte niederzuschreiben, ihrem Verlauf zu folgen (was nicht ausschließt, dass man auf Dinge wie den Satzrythmus achtet), und sich von dem Rhythmus der Sätze selbst oder von Assoziationen leiten zu lassen bei Schreiben. Lange Zeit über hatte ich wenig übrig für Handlungsabläufe, dafür war ich viel zu sehr mit der Sprache selbst beschäftigt. Vielleicht ist das in der letzten Zeit dabei, sich zu ändern.
Constanze Neuman: Ist die Liebe eine einzige Illusion? Im neuen Roman heißt es an einer Stelle:
„Ihr werdet in einer gemeinhin unter dem Namen Realität bekannten Provinz gelandet sein. Aber wie eigenständige Wesen, wie von euch abgelöste Gedankenblasen, werden eure Liebesträume, eure Traumvorstellung des anderen sich kaum je überlagernd fortexistieren und sich ein Jahr lang neben euch und eurem wirklichen Leben herbewegen.“
Liebt jeder für sich allein?
„Ihr werdet in einer gemeinhin unter dem Namen Realität bekannten Provinz gelandet sein. Aber wie eigenständige Wesen, wie von euch abgelöste Gedankenblasen, werden eure Liebesträume, eure Traumvorstellung des anderen sich kaum je überlagernd fortexistieren und sich ein Jahr lang neben euch und eurem wirklichen Leben herbewegen.“
Liebt jeder für sich allein?
Anne Weber: Was die Liebe ist, darüber habe ich keine allgemeingültige Theorie. Sie ist mir ein Rätsel, nicht kleiner, sagen wir, als die Quantenphysik. Aber wäre es interessant, eine Liebesgeschichte zu lesen von jemanden, für den die Liebe nicht etwas Rätselhaftes ist?
In der Geschichte, die das Buch erzählt, ist von einer Liebe die Rede, bei der jeder von einer völlig falschen Vorstellung des anderen ausgeht, von einer Wunschvorstellung, die in keiner Weise der Wirklichkeit entspricht. Ich glaube, dass es möglich ist, über einen längeren Zeitraum hinweg einfach in einer Parallelwelt, einer Traumwelt zu leben, ohne je zu merken, daß die Person, die man liebt, gar nicht die ist, in deren Armen man liegt, sondern eine Luftgestalt, ein imaginäres Wesen, das allein aus unserem Wunsch nach Liebe entstanden ist. Etwas Ähnliches geschieht in diesem Buch. Die weibliche Hauptfigur ist eine Art Don Quichotte der Liebe: Wie Don Quichotte vor einer derben Bauerstocher niederkniet und in ihr seine angebetete, vornehme Prinzessin Dulcinea sieht, so erlebt die Protagonistin des Buches ihren blassen, nichtssagenden Gegenüber als eine Art Märchenprinzen, als den Mann, auf den sie gewartet hat, und in ihrem übergroßen Wunsch nach Liebe sieht sie über sein eigentliches Wesen einfach hinweg.
In der Geschichte, die das Buch erzählt, ist von einer Liebe die Rede, bei der jeder von einer völlig falschen Vorstellung des anderen ausgeht, von einer Wunschvorstellung, die in keiner Weise der Wirklichkeit entspricht. Ich glaube, dass es möglich ist, über einen längeren Zeitraum hinweg einfach in einer Parallelwelt, einer Traumwelt zu leben, ohne je zu merken, daß die Person, die man liebt, gar nicht die ist, in deren Armen man liegt, sondern eine Luftgestalt, ein imaginäres Wesen, das allein aus unserem Wunsch nach Liebe entstanden ist. Etwas Ähnliches geschieht in diesem Buch. Die weibliche Hauptfigur ist eine Art Don Quichotte der Liebe: Wie Don Quichotte vor einer derben Bauerstocher niederkniet und in ihr seine angebetete, vornehme Prinzessin Dulcinea sieht, so erlebt die Protagonistin des Buches ihren blassen, nichtssagenden Gegenüber als eine Art Märchenprinzen, als den Mann, auf den sie gewartet hat, und in ihrem übergroßen Wunsch nach Liebe sieht sie über sein eigentliches Wesen einfach hinweg.
Constanze Neuman: Also verwechselt Ihre Protagonistin Liebe mit der Sehnsucht nach Liebe? Und – um in Ihrer Bildsprache zu bleiben – Sie muten Ihrem weiblichen Don Quichotte einiges zu: Auf schlimmsten Betrug reagiert sie mit einer großangelegten Racheaktion. Was hat Sie an einem solch wilden Plot gereizt?
Anne Weber:
Constanze Neuman: In „Luft und Liebe“ gibt es einen doppelten Boden, eine zweite Erzählebene: Die Protagonistin hat zu Anfang des Romans soeben ein missglücktes Manuskript über ihre enttäuschte Liebe in den Papierkorb geworfen – die Fiktion ist nicht gelungen. Sie versucht es nochmals – in der ersten Person. Also doch eine Rückkehr zu einem Thema, das Sie seit langem beschäftigt, das Schreiben als Form und Ausdruck der Identitätssuche?
Anne Weber: Beim Schreiben begibt man sich manchmal in eine falsche Richtung. Irgendwann steht man dann da mit einem fertigen Manuskript, oder mit einem Manuskriptanfang, und merkt, das war es noch nicht, ich muss noch einmal von vorne anfangen. So ging es mir mit "Luft und Liebe". Aber statt die erste Fassung einfach wegzuwerfen und zu vergessen, kam mir die Idee, sie als "missglücktes Manuskript" im Hintergrund noch durchscheinen zu lassen, und im eigentlichen Buch gewissermaßen als zweites Standbein oder Sprungbein zu benutzen.
Manches in der von mir erzählten Geschichte ist aus meiner eigenen Erfahrung gegriffen, die ich aufgeschrieben und in ein Manuskript — das spätere "missratene Manuskript" — gepackt habe. Durch den Neuanfang habe ich das Ganze von mir weggerückt. Der doppelte Boden, das Manuskript im Manuskript, waren eines der Mittel, einen Abstand zum selbst erlebten Anteil der Geschichte zu gewinnen.
Manches in der von mir erzählten Geschichte ist aus meiner eigenen Erfahrung gegriffen, die ich aufgeschrieben und in ein Manuskript — das spätere "missratene Manuskript" — gepackt habe. Durch den Neuanfang habe ich das Ganze von mir weggerückt. Der doppelte Boden, das Manuskript im Manuskript, waren eines der Mittel, einen Abstand zum selbst erlebten Anteil der Geschichte zu gewinnen.
Constanze Neuman: Wie schon erwähnt, erscheint der Roman im Januar 2010 auch in Frankreich, und zwar unter dem Titel „Tous mes voeux“ bei dem renommierten Verlag Actes Sud. Was hat es mit dem Titel auf sich?
Anne Weber: Der Titel spielt an auf die sehr konventionellen Neujahrskarten, die die männliche Hauptfigur üblicherweise verschickt. "Tous mes vœux" ist der französische Ausdruck für "Gutes neues Jahr"; wörtlich bedeutet es "Alle meine Wünsche". Ich fand es schön, dass sich hinter der Banalität dieser Floskel ein tieferer Sinn auftut. "Alle meine Wünsche" kann man auch lesen als eine Definition der Liebe. Es gibt, glaube ich, nichts, was alle unsere Wünsche, Träume, Sehnsüchte in sich vereint wie die Liebe.
Weitere Interviews
Gespräch mit Anne Weber über »August. Ein bürgerliches Puppentrauerspiel« - Interview vom 25.03.2011
