Interview mit Ingo Schulze

Ingo Schulze im Gespräch mit Petra Gropp, Lektorin im S. Fischer Verlag.
Petra Gropp: Ihr Roman heißt ›Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst‹. Wer ist dieser Peter Holtz?
Ingo Schulze: Wenn sich das so einfach sagen ließe: Er ist ein Heiliger und ein Verräter, furchtbar naiv und trotzdem hellsichtig, ein guter Mensch, der für alle das Beste will, aber zugleich bedrohlich ist. Er ist ein Heimkind und glaubt zutiefst an den Kommunismus. Er nimmt ihn beim Wort, so wie er später das Christentum beim Wort nehmen wird und auch die Verheißungen des westlichen Kapitalismus. Er selbst wird darüber zur absurden Figur, aber ebenso wird es nach meiner Lesart auch die jeweils real existierende Gesellschaftsform, in der er sich bewegt. Bei einigen Lesungen merkte ich schon, dass man meistens über ihn lachen kann, aber mitunter möchte man ihn auch auf den Mond schießen.
Petra Gropp: Wie kamen Sie zu dieser Figur? Wie ist der Roman entstanden?
Ingo Schulze: Es ist ja nicht erst seit gestern so, dass sich vermeintliche Gewissheiten über Nacht erledigen. Wer wollte, konnte immer schon wissen, auf welch dünnem Eis wir uns als Gesellschaft und als Einzelne bewegen. Die Finanzkrise von 2008 – ein Beispiel unter vielen – hat das letztlich nur gut sichtbar werden lassen. In diesem Sinne ist »Peter Holtz« der Versuch, meine eigenen Selbstverständlichkeiten zu befragen, also das in Frage zu stellen, worüber ich gar nicht mehr nachdenke, weil es mir als gegeben erscheint. Ich musste einen Blickwinkel finden, von dem aus ich meine Welt wie ein Außerirdischer besuche. Und da ich keinen Mondbewohner erfinden wollte, nahm ich Zuflucht zu einem Simplicius, der bei mir Peter Holtz heißt.
Petra Gropp: Das Leben des Peter Holtz ist abenteuerlich, man könnte ihn als eine schelmische Figur beschreiben, Sie nennen ihn einen »Simplicius«. Anregungen zu diesem Roman kommen also auch aus der Tradition, beispielsweise dem »Simplicius Simplicissimus« von Grimmelshausen?
Ingo Schulze: An dem kommt ja keiner vorbei. Natürlich ist es die Tradition des Picaro-Romans. Aber auch die Helden Dostojewskijs, insbesondere Fürst Myschkin aus »Der Idiot«, oder die Figuren Andrej Platonows waren eine Anregung, nicht zuletzt auch einer wie Oskar Matzerath. Beim Schreiben verlieren sich diese Einflüsse aber schnell, weil die Figur unter anderen Verhältnissen lebt und ihren eigenen Weg finden muss.
Petra Gropp: Peter Holtz sucht nach seiner Aufgabe in den Kämpfen der Zeit. Er folgt seinen Gewissheiten, dem, was er für gut und richtig hält, und wundert sich, dass er immer wieder auf Unverständnis und Widerstand stößt. Wie stehen Sie zu ihm?
Ingo Schulze: Man könnte sagen, seine Selbstverständlichkeiten sind nicht die meinigen. Aber er ist mir nicht fremd. Er verunsichert mich in meinem eigenen Urteil. Plötzlich ist da einer, der reagiert ganz anders als alle, nur weil er glaubt, das Nächstliegende zu tun. Ihn durch die Welt zu schicken, kam mir mitunter vor, als würde ich der Revision eines Prozesses beiwohnen, in dem jedes Indiz noch einmal neu geprüft wird, in dem man so unvoreingenommen wie möglich sich noch mal alles ansieht.
Petra Gropp: Peter Holtz gerät in die Wirren der deutschen Geschichte. Ist »Peter Holtz« auch ein Roman über unser Land?
Ingo Schulze: Wir lernen Peter kennen am 6. Juli 1974, am Vorabend des Endspiels der Fußball WM. Er ist von der Sache des Sozialismus / Kommunismus überzeugt und erfindet, um seine Ziehschwester vor der Jungen Gemeinde zu retten, den Punk. Er ist stolz darauf, von jenen angesprochen zu werden, die seiner Meinung nach hinter den Kulissen für das Gelingen der Weltrevolution sorgen, fliegt dort aber schnell wieder raus, weil er stolz über seine Verpflichtung berichtet. Er wird evangelikal bekehrt und tritt später auch in die CDU ein, wird die rechte Hand des neuen CDU-Vorsitzenden. Er möchte gern einen anderen Parteinamen und schlägt »Christlich Kommunistische Demokraten« vor. Als Aufgabe der nationalen Einheit sieht er die Einbeziehung der BRD in den revolutionär demokratischen Prozess des Ostens. Peter blickt natürlich von außen auf den Westen. Das hat große Vorteile. Er trägt bestimmte Erwartungen und Vorurteile mit sich herum, die er nun abgleichen muss. Für jemanden, der aus Syrien oder dem Kongo nach Berlin kommt, ist womöglich vieles verständlicher als für Peter. Schließlich wird er doch zum Kapitalismus bekehrt; er interpretiert ihn aber auf ganz eigene Weise, wenn auch sehr erfolgreich. Peter wundert sich über fast alles und führt dadurch die alten wie die neuen Selbstverständlichkeiten ad absurdum.
Petra Gropp: Peter Holtz wird märchenhaft reich – und will das Geld wieder loswerden. Wie kommt er bloß auf diese Idee?
Ingo Schulze: Ja, ihm glückt geschäftlich beinah alles, obwohl ihn Geld eigentlich nicht interessiert. Er ist ja Maurer und kümmert sich im Osten um alte Mietshäuser, die von ihren Eigentümern aufgrund der geringen Mieten nicht erhalten werden können. Fast alle raten ihm ab, er solle sich nicht solche Verpflichtungen ans Bein binden, die ihn sowieso nur unglücklich machen können. Als sich die Zeiten ändern, wacht er als mehrfacher Immobilienmillionär auf. Schon als Kind hatte er ja die Frage gestellt, wieso es in einer Gesellschaft überhaupt Geld geben muss. Dieser wahnwitzige Erfolg – am Ende sind ihm sechzig Millionen zugeflossen – bringt ihn also auf die Idee, gegen das Geld zu Felde zu ziehen, denn er will ja nicht sein Vermögen vermehren, sondern die Welt zum Guten ändern.
Petra Gropp: Das Geld spielt vom ersten bis zum letzten Kapitel eine große Rolle. Peter fragt sich, wie das Geld und der Kampf für eine bessere Gesellschaft, für ein besseres Leben zusammenhängen.
Ingo Schulze: Das Geld ist ein roter Faden, der sich durchs Buch zieht. Denn obwohl ja die Gedanken ans Geld mehr oder weniger zum Leben eines Jeden gehören, gibt es letztlich wenig Wissen über das Geld, über sein Herkommen, seine Geschichte und seine Natur. Peter Holtz ist gegenüber dem Geld sehr misstrauisch. In seiner Vorstellung von einer funktionierenden Gesellschaft braucht es kein Geld, weil doch mehr als genug für alle da ist. Als er dann wirklich sehr reich ist, weiß er eigentlich nicht mehr, was er mit dem Geld machen soll. Mit Wohltätigkeit hat er schlechte Erfahrungen gemacht, die entwürdigt; etwas zu unternehmen, um andere zu verdrängen und niederzukonkurrieren, will er keinesfalls; Geld durch Geld zu vermehren, findet er sinnlos und gefährlich. Er erkennt in dem, was er überflüssiges Geld nennt, die Gefahr, die für das reale Leben davon ausgeht. Wie immer ist er auch darin konsequent ...
Petra Gropp: Der Roman trägt den Untertitel: ›Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst‹. Findet Peter Holtz tatsächlich das Glück?
Ingo Schulze: Natürlich streben wir danach, glücklich zu sein. Es gibt nur ganz unterschiedliche Vorstellungen von Glück. Für Peter besteht das eigene Glück darin, für das Glück aller zu kämpfen. Dieser Glücksvorstellung ordnet er alles unter. In seiner Terminologie heißt das: seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Und das gelingt ihm nach eigener Aussage auf jeden Fall am Schluss des Buches.
Petra Gropp: Was hat Ihnen beim Schreiben die größte Freude gemacht?
Ingo Schulze: Ich habe diesen Peter vor mir her laufen lassen und war immer neugierig, wie er sich in den Situationen, denen ich ihn aussetzte, verhalten wird. Der Fortgang der Handlung suchte sich dann bald eine ihm entsprechende Bewegungsform. Ich bin natürlich der Schreiber gewesen, aber wenn es gutging, war ich zum Teil auch schon der Leser, der immer wissen wollte, wie es nun weitergeht.

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