Interview mit Lize Spit

Jasmin Düring: Lize, dein Debütroman Und es schmilzt wurde ein Riesenerfolg in Belgien. Wie hast du die Zeit nach der Veröffentlichung erlebt?
Lize Spit: Schon gleich nach Erscheinen des Buchs gab es viel Trara darum. In der ersten Woche kam man mit dem Nachdrucken nicht nach, und diese Nichtverfügbarkeit hat das Tamtam nur noch verstärkt. Von Woche zu Woche dachte ich: Jetzt wird sich die Aufmerksamkeit seitens der Presse wohl legen, aber das Gegenteil war der Fall. Das hat mich in erster Linie beunruhigt, weil Schreiben für mich gerade bedeutet, Vorstellungen in Sprache zu fassen und so zu kontrollieren, und plötzlich war das Ganze nicht mehr zu überblicken. Und es schmilzt war ein dicker Schneeball, der den Berg hinunterrollte und dabei immer dicker wurde. Erst jetzt, eineinhalb Jahre später, kommt er zum Stillstand, und ich kann die Sache wieder überblicken. Erst jetzt empfinde ich Freude und Dankbarkeit, weil mir erst jetzt klar ist, wofür ich dankbar sein muss. Was mit meinem Buch passiert ist, kommt sehr selten vor, und ich hätte es mir nicht einmal in meinen kühnsten Träumen vorzustellen gewagt. Es gibt so viele Menschen, die Und es schmilzt gelesen haben, dass ich überall in Flandern darauf angesprochen werde. Dann denke ich: Eva bleibt nicht allein zurück.
Jasmin Düring: In Und es schmilzt folgen wir der jungen Eva, der nichts erspart bleibt. Auch deinen Lesern bleibt nichts erspart. Wieso hast du dich für eine so schonungslose Erzählweise entschieden?
Lize Spit: Einer der Kernsätze in dem Buch lautet: Um nennenswert zu werden, muss man etwas Nennenswertes über einen anderen erzählen. Mit dem Buch wollte ich zeigen, wie eine Situation außer Kontrolle geraten kann, selbst in einer kleinen Gemeinschaft, wenn die Menschen, die einander kennen, wegschauen. Der Leser wird mitschuldig an den Untaten der Romanfiguren, da er nicht eingreifen kann. Ich habe mich entschieden, auch beim Schreiben nicht wegzuschauen. Ich wollte sicher sein, dass der Leser alles so vor sich sieht, wie ich es gemeint habe. Daher die vielen plastischen Details. Ich möchte, dass die Leser Teil des Dorfes werden. Sie müssen dasselbe tun, was die Leute im Dorf tun: wegschauen. Dann führe ich die Leser an einen Punkt, wo sie nicht mehr wegschauen können. Ich fände es heuchlerisch, den Lesern das zu ersparen oder es zu verharmlosen. Solche Dinge passieren im Leben. Und beim Lesen geht es für mich auch um Konfrontation.
Die Leichtigkeit des Romans liegt in seinem Humor. In der Art, wie Szenen beschrieben werden, die eigentlich schlimm sind, einen aber trotzdem zum Lachen bringen. Das Lachen soll dem Leser Erleichterung bringen. Und in dem Verhältnis zwischen Eva und Tesje liegt ganz viel Hoffnung.
Jasmin Düring: Wenn es eine Botschaft gäbe, die deine Leser aus dem Roman ziehen sollen, wie würde sie lauten?
Lize Spit: Ich will sicher niemanden belehren. Aber mir ist wichtig, dass die Menschen miteinander sprechen anstatt übereinander.
Jasmin Düring: Ist das Erwachsenwerden immer ein schmerzhafter Prozess?
Lize Spit: Ja, weil es ein Abschied von der Kindheit ist. Im Niederländischen gibt es dafür ein schönes Wort: onttovering, Entzauberung. Der Verlust der Naivität und Phantasie macht die Welt ein ganzes Stück kleiner. Dabei spielt die Pubertät eine große Rolle: Sie ist eine Art Trauerzeit, allerdings wird einem erst später bewusst, worum man trauert. Zum Beispiel um die Freiheit von Schamgefühl in Bezug auf den eigenen Körper. Und um den Glauben an die Unantastbarkeit seiner Eltern.
Jasmin Düring: Deine Hauptfigur Eva hat zwei männliche Freunde. Als die drei jung sind, sind sie unzertrennlich. Dann entfremden sie sich zunehmend, bis die beiden Jungen schließlich Evas schlimmste Feinde sind. Was ist der Grund für das Auseinanderdriften der drei?
Lize Spit: Eva ist auf eigenartige Weise auf ihren Körper fixiert, wie die meisten Teenager. Emotional haben ihre Eltern keinen Blick für sie, aber ihr Vater merkt doch, dass sie Brüste bekommt, was die Distanz zu ihrem eigenen Körper nur noch vergrößert. Mit ihren weiblichen Formen wächst auch der Komplex, nicht zu den Jungs gehören zu können. Weil sie so voller Komplexe steckt, macht sie den Jungs erst richtig bewusst, dass sie eigentlich nicht dazugehört. Wenn man in einem kleinen Dorf aufwächst, hat man keine andere Wahl, als sich mit den eigenen Altersgenossen abzugeben. Sobald man älter wird und die Welt um einen herum sich erweitert, werden diese selbstverständlichen Freundschaften einer Belastungsprobe ausgesetzt, weil man sich in immer stärkerem Maße seine Freunde selbst aussuchen kann. Der Sommer 2002, in dem Und es schmilzt spielt, ist zugleich die Bühne für die letzten Zuckungen ihrer Freundschaft.
Jasmin Düring: Wärst du gern mit Eva befreundet?
Lize Spit: Die junge Eva könnte sicherlich eine Freundin sein, sie ist empathisch und verlässlich. Ich würde ihren Humor und ihre Empfindlichkeit verstehen, weil es natürlich auch die meinen sind. Mit der dreißigjährigen Eva könnte ich nicht befreundet sein, sie ist nicht mehr zu retten, sondern durch die Traumata, die sie mit sich herumschleppt, völlig implodiert.
Jasmin Düring: Deine Hauptfiguren sind als Teenager sehr grausam. Sind Erwachsene weniger bösartig oder lernen sie bloß, ihre dunkle Seite zu unterdrücken?
Lize Spit: Kinder sind für gewöhnlich herzloser als Erwachsene, vor allem weil sie die Folgen ihrer Taten noch nicht abschätzen können. Wir gelten als erwachsen und sind schuldfähig, sobald wir in der Lage sind, unsere dunkle Seite zu unterdrücken. Bei Eva gerät die Situation so außer Kontrolle, weil bestimmte Umstände diese dunkle Seite unter Druck setzen. So muss Pim mit dem Verlust seines Bruders fertigwerden, sein Kummer nimmt ihm sämtliche Hemmungen.
Jasmin Düring: Ist Eva eine Heldin oder eine Anti-Heldin?
Lize Spit: Keines von beiden. Was sie tut, tut sie in der Hoffnung, den anderen treffen zu können. Ihr Verhalten ist also keineswegs heldenhaft.


Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Und es schmilzt
S. FISCHER
gebunden

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