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Naomi Klein Andrew Stern
Bagdad brennt, Calgary boomt
Von Naomi Klein, 31. Mai 2007

Die Invasion des Iran hat einen Öl-Boom ausgelöst, der sich als der größte aller Zeiten erweisen könnte. Alle Anzeichen stimmen: Multinationale Unternehmen können nach Lust und Laune einheimische Firmen schlucken und Profite in unbegrenzter Höhe ausführen, sie erfreuen sich bequemer »Steuerbefreiungen« und müssen lächerliche 1 Prozent Tantiemen an die Regierung zahlen.
Ich rede nicht vom Boom im Irak, den das geplante neue Ölgesetz anfacht – zu dem wird es später kommen. Ich meine einen Boom, der bereits in vollem Gang ist; er findet so weit vom Blutbad in Bagdad entfernt wie nur möglich statt: in der Wildnis des nördlichen Alberta. Seit mittlerweile vier Jahren bilden die kanadische Provinz und der Irak die beiden Enden einer unsichtbaren Wippe: Wenn Bagdad brennt, was die gesamte Region destabilisiert und die Ölpreise in die Höhe schießen lässt, boomt Calgary.
Wie konnte das Chaos im Irak das lostreten, was die Finacial Times kürzlich als »größten nordamerikanischen Ressourcen-Boom seit dem Goldrausch von Klondike« bezeichnete? Schon immer wusste man in Alberta, dass es im Norden der Provinz Unmengen Bitumen gibt – eine schwarze, teerähnliche Masse, die mit Sand, Lehm, Wasser und Erdöl vermischt ist. Nahezu 2,5 Billionen Barrel von dem Zeug lagern dort, die größten Kohlenwasserstoffvorräte der Welt.
Man kann den Glibber von Alberta zu Geld machen, aber das ist ziemlich aufwendig. Riesige Tagebaugruben sind eine Möglichkeit: Erst wird der Wald abgeholzt und die oberste Erdschicht entfernt. Danach baggern riesige Maschinen den schwarzen Schlamm aus und verladen ihn auf die größten Kipplaster der Welt (so hoch wie zweistöckige Häuser, ein einziger Reifen kostet 100 000 US-Dollar). In gigantischen Bottichen wird der Teer dann mit Wasser und Lösungsmitteln vermengt und zentrifugiert, bis sich das Öl abscheidet. Die Unmengen Rückstände werden in Becken verbracht, die größer als die natürlichen Seen der Region sind. Eine andere Methode besteht darin, das Öl gleich vor Ort abzutrennen: Durch große, mit Rohren ausgekleidete Bohrlöcher wird heißer Wasserdampf tief in die Erde gepresst, der den Teer ausschmilzt, so dass er durch ein anderes Loch abgepumpt werden und mehrere weitere Raffinierungsschritte durchlaufen kann, die meist mit Erdgas betrieben werden.
Beide Verfahren sind teuer. Pro Barrel fallen allein an unmittelbaren Kosten 18 bis 23 Dollar an. Bis vor kurzem war das ökonomisch unsinnig. Mitte der achtziger Jahres wurden für ein Barrel Öl 20 Dollar bezahlt, bis 1998/99 war dieser Preis auf 12 Dollar gefallen. Die großen internationalen Akteure hatten nicht vor, mehr für die Förderung zu zahlen als sie für das Öl bekommen würden. Daher wurde bei der Ermittlung der weltweiten Ölreserven der Teersand gar nicht erst eingerechnet. Abgesehen von einigen wenigen, hoch subventionierten kanadischen Gesellschaften waren alle überzeugt, dass der Teer dort bleiben würde, wo er war.
Dann kam die US-amerikanische Invasion im Irak. Im März 2003 hatte der Ölpreis 35 Dollar pro Barrel erreicht, was die Aussicht eröffnete, mit Teersand (oder Ölsand, wie die Industrie ihn bezeichnet) Profit zu machen. In diesem Jahr »entdeckte« die United States Energy Information Administration das Öl im Teersand. Sie verkündete, dass Alberta – dem zuvor nur 5 Milliarden Barrel Öl zugeschrieben worden waren – über mindestens 174 Milliarden »ökonomisch ausbeutbare« Barrel verfügt. Im darauffolgenden Jahr hatte Kanada Saudi Arabien als führenden Erdölexporteur in die Vereinigten Staaten überholt.
All das bedeutet nicht, dass der irakische Ölboom verschoben wurde. Er wurde verlagert. Außer BP sind alle großen Firmen nach Alberta geeilt: ExxonMobil, Chevron und Total; allein letztere plant Investitionen von 9 bis 14 Milliarden Dollar. Im April dieses Jahres bezahlte Shell 8 Milliarden, um seine kanadische Tochtergesellschaft ganz zu übernehmen. Die Stadt Fort McMurray im Zentrum des Booms kann die Zehntausenden von neuen Arbeitern nicht unterbringen, und eine Gesellschaft hat einen eigenen Flugplatz gebaut, um die benötigten Leute einfliegen zu lassen.
75 Prozent des Öls aus dem Teersand fließen direkt in die Vereinigten Staaten – weshalb Brian Hall, Energieberater der in Colorado ansässigen IHS, den Teersand als »Amerikas Energie-Sicherheitsdecke« bezeichnet. In gewisser Hinsicht ist es ein Witz: Zumindest teilweise sollte der US-amerikanische Einmarsch in den Irak den Zugang zum dortigen Öl sicherstellen. Nun hat man – partiell dank des wirtschaftlichen Rückschlags infolge jener katastrophalen Entscheidung – die gesuchte »Sicherheit« just beim eigenen Nachbarn gefunden.
Es ist in Mode gekommen zu prophezeien, dass hohe Ölpreise eine Reaktion des freien Marktes auf den Klimawandel auslösen würden, »eine Explosion innovativer Alternativen«, wie der New-York-Times-Kolumnist Thomas Friedman kürzlich schrieb. Alberta straft dies Lügen. Die hohen Preise haben in der Tat zu einem extravaganten Forschungsaufwand geführt, aber der zielt allein darauf ab, wie man das schmutzigste Öl aus den am schwersten zugänglichen Stellen herausholen kann. Shell beispielsweise arbeitet an einem »neuartigen thermischen Gewinnungsprozess«, bei dem man riesige Elektroöfen in die Lagerstätten versenkt und die Erde buchstäblich zum Kochen bringt.
Und das bedeutet der Teersand von Alberta für uns: Jene Industrie, die sowieso schon am meisten zum Klimawandel beiträgt, dreht die Heizung wie verrückt weiter auf. Das Raffinieren von Bitumen setzt drei- bis viermal soviel Treibhausgase frei wie die Ölgewinnung aus herkömmlichen Quellen. Damit trägt der Teersand den größten Teil zu den steigendenden kanadischen Treibhausgasemissionen bei. Trotzdem plant die Industrie eine Verdreifachung der Produktion bis 2020, und ein Ende ist nicht in Sicht. Wenn die Preise hoch bleiben, wird es bald profitabel, weitere 141 Milliarden Barrel aus Teersand zu gewinnen, was bedeutet, dass Alberta dann die größten ausbeutbaren Ölreserven der Welt besitzt.
Die Ausbeutung des Sands vernichtet Bäume und Tiere. Das Pembina Institute, führend in Fragen der Umweltfolgen in diesem Bereich, warnt, Borealwälder »von der Größe des US-Bundesstaats Florida« drohe die Abholzung. Zudem hat sich nun herausgestellt, dass der Fluss in Gefahr ist, der den riesige Wasserbedarf der Ölgewinnung größtenteils deckt. Klimatologen zufolge sind – wie passend – sinkende Wasserpegel eine Folge der Klimaerwärmung.
Wenn ich den kollektiven Wahnsinn in Alberta betrachte – ein Szenarium, das selbst die Financial Times als »irregeleiteten Albtraum« beschreibt –, wird mir klar, dass Kanada mehr als nur den verlagerten Ölboom des Irak abbekommen hat. Wir haben auch die Massenvernichtungswaffen, die dort nicht zu finden waren. Sie lagern dort draußen bei Fort McMurray in dem anthrazitschwarzen Schlamm unter der Erdkruste. Und mittels Lastwagen, Rohren, Dampf und Gas werden diese Waffen gezündet.


Dieser Artikel erschien ursprünglich in The Nation.


Bibliografie:
Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-596-17407-2
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