Jürgen Hosemann: Am Ende der Welt steht vermutlich kein Schild. Woher weiß man, dass man da ist?
Roger Willemsen: Am Kap der guten Hoffnung in Südafrika war das Ende der Welt immerhin mit einem Gatter versehen. Davor stand ein Schild mit der Gebührenordnung, den Eintrittspreisen. Als ich kam, hatte dies Ende der Welt gerade geschlossen, und es wurde auch nicht wieder geöffnet. Von einem Seitenweg aus konnte ich allerdings erkennen, dass es sich um einen öden Hügel handelte, bedeckt mit Andenken. Nicht gerade eine glamouröse Art zu enden, doch andererseits wird so selbst eine wüste Erdkuppe zur Sehenswürdigkeit.
Jürgen Hosemann: Kann man gewissermaßen versehentlich vor dem Ende der Welt stehen, oder muss man schon vorher wissen, wo man ein Ende finden könnte?
Roger Willemsen: Es gibt die offensichtlichen Enden: Patagonien, Kap Horn, den Nordpol. Es gibt daneben die plausiblen: Von Timbuktu aus etwa blickt man auf die Todeszone der Sahara, vom isländischen Isafjördur auf den Eiskontinent Grönland, in Tonga betritt man den von uns aus weitest entfernten Ort, im senegalesischen Gorée befand sich das Ende der Welt für zahllose Sklaven, die von hier aus nach Amerika verschifft wurden, und in Orvieto steht man im Dom auf der Spitze des Berges vor dem gewaltigsten jüngsten Gericht der Renaissance. Ich bin aber auch in einem Bordellflur in Bombay, an einem Flussufer in Afghanistan, an einem Krankenbett in Minsk oder im Krieg im Kongo plötzlich von dem Gefühl erwischt worden, hier gerade ein Weltende zu betreten. Das kann auch schauderhaft sein.
Jürgen Hosemann: Vielleicht sind also die nicht offensichtlichen Enden noch interessanter ... Was sind denn die subjektiven Kriterien für ein Ende der Welt, Ihre eigenen?
Roger Willemsen: Da ist nichts als Ahnung, Stimmung, ein Ausgesetzt-Sein, man fühlt sich erfasst. So viel Macht muss man einer Landschaft schon einräumen. Manchmal glaubt man, auf der Rückseite dieser Landschaft angekommen zu sein. Manchmal weiß man sogar erst im Rückblick, dass man sich im Extremen befunden und von dort abgestoßen hat.
Jürgen Hosemann: Zum Beispiel?
Roger Willemsen: Als ich im „Goldenen Dreieck“, also zwischen Thailand, Laos und Myanmar in der Heimat des Schlafmohns bei einem Bergvolk Opium rauchte, wusste ich nicht, dass ich mit dieser Erfahrung ans Ende meines Lateins geraten und schließlich regelrecht auf das Kreatürliche reduziert sein würde, die Erfahrung aber war bleibend, und ich zehre immer noch davon zu wissen, was so ein Kopf alles kann.