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Die Frau des Zeitreisenden
Roman

Hardcover
Preis € (D) 19,90 | € (A) 20,50 | SFR 30,50
ISBN: 978-3-10-052403-4
lieferbar





Roman,
544 Seiten, gebunden
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-052403-4

Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit
lieferbar
Preisänderungen & Lieferfähigkeit vorbehalten.

Inhalt Pressestimmen
Samstag, 26. Oktober 1991 (Henry ist 28, Clare 20)

Clare: In der Bibliothek ist es kühl, es riecht nach Teppichreiniger, auch wenn ich nur Marmor sehe. Ich trage mich ins Besucherbuch ein: Clare Abshire, 11.15 Uhr, 26.10.91, Sondersammlung. Ich war noch nie in der Newberry Library, und bin, nachdem ich nun den dunklen, ominösen Eingang passiert habe, ganz aufgeregt. Irgendwie fühle ich mich wie am ersten Weihnachtstag vor der Bescherung, die Bibliothek ist eine riesige Schachtel voll wunderschöner Bücher. Der schwach beleuchtete Aufzug fährt fast geräuschlos. Im zweiten Stock steige ich aus, fülle den Antrag für einen Leserausweis aus und gehe anschließend nach oben zur Sondersammlung. Meine Stiefelabsätze knallen auf dem Holzboden. In dem ruhigen, gut besuchten Raum stehen massive, schwere Tische, an denen Menschen sitzen, vor denen sich Bücher stapeln. Das morgendliche Herbstlicht von Chicago fällt durch die hohen Fenster. Ich gehe zum Informationstisch und hole mir einen Packen Bücherbestellzettel. Ich schreibe eine Diplomarbeit in Kunstgeschichte. Mein Thema ist die Chaucer-Ausgabe der Kelmscott-Press. Ich schlage das Buch nach und fülle einen Bestellzettel aus. Aber ich möchte auch etwas über die Buchkunst bei Kelmscott-Press lesen. Der Katalog verwirrt mich. Ich gehe zur Information zurück und bitte um Hilfe. Während ich der Frau erkläre, was ich suche, blickt sie über meine Schulter hinweg zu jemandem, der hinter mir vorbeigeht. „Vielleicht kann Ihnen Mr DeTamble weiterhelfen“, sagt sie. Ich drehe mich um, darauf gefasst, das Ganze erneut erklären zu müssen, und sehe mich Henry gegenüber.
Mir verschlägt es die Sprache. Da ist Henry, ruhig, in Kleidern, jünger als ich ihn jemals gesehen habe. Henry arbeitet in der Newberry Library, er steht leibhaftig vor mir, in der Gegenwart. Hier und jetzt. Ich bin außer mir vor Glück. Henry sieht mich geduldig an, leicht verunsichert, aber höflich.
„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“, fragt er.
„Henry!“ Ich muss mich zurückhalten, um ihm nicht um den Hals zu fallen. Aber offensichtlich hat er mich noch nie in seinem Leben gesehen.
„Kennen wir uns? Tut mir Leid, ich...“ Henry sieht sich um, befürchtet, wir könnten von Lesern oder Kollegen bemerkt werden, durchforstet sein Gedächtnis und begreift, dass eine zukünftige Ausgabe seines Ichs diesem strahlend glücklichen Mädchen, das da vor ihm steht, schon einmal begegnet ist. Als ich ihn das letzte Mal sah, hat er mir auf der Wiese die Zehen gelutscht.
Ich versuche, es ihm zu erklären: „Ich bin Clare Abshire. Ich kannte dich schon als kleines Mädchen...“ Es ist mir peinlich, in einen Mann verliebt zu sein, der vor mir steht und nicht die leiseste Erinnerung an mich hat. Für ihn liegt alles in der Zukunft. Am liebsten würde ich lachen, so komisch finde ich die Situation. Die vielen Jahre, seit ich Henry kenne, gehen mir durch den Kopf, er dagegen sieht mich verdutzt und ängstlich an. Henry, der die alte Anglerhose meines Vaters anhat und mich geduldig das Einmaleins, französische Verben, alle Hauptstädte der Bundesstaaten abhört; Henry, der über ein seltsames Abendessen lacht, das ich ihm als Siebenjährige zur Wiese gebracht habe; Henry im Frack, der sich an meinem achtzehnten Geburtstag mit zitternden Händen die Manschettenknöpfe öffnet. Er ist hier! In diesem Augenblick! „Wollen wir uns zum Kaffee verabreden oder Essen gehen?“ Er muss einfach ja sagen, dieser Mann, der mich in der Vergangenheit und in der Zukunft liebt, muss mich auch jetzt lieben und es fühlen, das zarte Echo anderer Zeiten. Zu meiner großen Erleichterung sagt er tatsächlich ja. Wir verabreden uns für heute Abend in einem thailändischen Restaurant nicht weit von hier, alles unter dem staunenden Blick der Frau hinter dem Tisch, und ich gehe, vergessen sind Kelmscott und Chaucer, ich schwebe die Marmortreppe hinab, durch die Eingangshalle und hinaus in die Oktobersonne Chicagos, renne himmelhochjauchzend durch den Park und verscheuche kleine Hunde und Eichhörnchen.

Henry: Ein normaler Tag im Oktober, sonnig und frisch. Ich arbeite in einem kleinen fenster-losen und feuchtigkeitsregulierten Raum im dritten Stock der Newberry und katalogisiere eine Sammlung marmorierter Papiere, die vor kurzem gestiftet wurde. Die Papiere sind wunderschön, das Katalogisieren aber stumpfsinnig und ich langweile mich, schwimme in Selbstmitleid. Außerdem fühle ich mich alt, wie es nur einem achtundzwanzigjährigen Mann möglich ist, der die halbe Nacht zu teuren Wodka getrunken und erfolglos versucht hat, sich die Gunst von Ingrid Carmichel zurückzuerobern. Den ganzen Abend haben wir gestritten, aber im Moment weiß ich nicht mal worüber. Mir brummt der Schädel, ich brauche einen Kaffee. Also lasse ich die marmorierten Papiere in einem Zustand des kontrollierten Chaos zurück, marschiere durch das Büro vorbei am Informationstisch im Lesesaal, wo Isabelles Stimme zu mir sagt: „Vielleicht kann Ihnen Mr DeTamble weiterhelfen“, womit sie meint „Henry, altes Wiesel, wohin schleichst du schon wieder?“ Da dreht sich diese erstaunlich schöne große schlanke Frau mit dem bernsteinfarbenen Haaren um und sieht mich an wie ihren leibhaftigen Erlöser. Ich spüre ein flaues Gefühl im Magen. Offenbar kennt sie mich, ich dagegen kenne sie nicht. Weiß der Himmel, was ich diesem strahlenden Wesen gesagt, getan oder versprochen habe, deshalb frage ich gezwungenermaßen in meinem besten Bibliothekarston: „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“ Als Antwort haucht sie mir ein äußerst beschwörendes „Henry!“ zu, das mich überzeugt, dass wir irgendwann später eine unglaublich schöne Zeit erleben werden. Umso schlimmer, dass ich rein gar nichts über sie weiß, nicht einmal ihren Namen. „Kennen wir uns?“, frage ich sie, worauf mir Isabelle einen Blick zuwirft, der besagt Du Idiot. Aber die Frau erwidert: „Ich bin Clare Abshire. Ich kannte dich schon als kleines Mädchen“, und fordert mich auf, abends mit ihr essen zu gehen. Völlig verdattert stimme ich zu. Sie strahlt mich an, obwohl ich unrasiert, verkatert und nicht gerade in Bestform bin. Wir verabreden uns gleich für heute Abend im Beau Thai, und Clare, die mich für später sicher hat, schwebt aus dem Lesesaal. Hinterher, als ich wie benommen im Fahrstuhl stehe und begreife, dass mir ein gewaltiger Brocken aus meiner Zukunft, der absolute Volltreffer, hier in der Gegenwart zugeflogen ist, fange ich zu lachen an. Ich durchquere die Eingangshalle, sause die Treppe zur Straße hinunter und sehe Clare, die hüpfend und juchzend über den Washington Square rennt; mir kommen fast die Tränen, und ich weiß nicht warum.

Später am Abend:

Henry: Um sechs hetze ich von der Arbeit nach Hause und versuche mich in Schale zu werfen. Mein Zuhause ist zur Zeit eine winzige, aber irrsinnig teure Ein-Zimmer-Wohnung an der North Dearborn; ständig stoße ich mit irgendwelchen Körperteilen gegen lästige Wände, Theken und Möbel. Erstens: Siebzehn Schlösser an der Wohnungstür aufsperren, ins Wohnzimmer stürzen, das gleichzeitig mein Schlafzimmer ist, und ausziehen. Zweitens: duschen und rasieren. Drittens: Ein verzweifelter Blick in den Kleiderschrank mit der düsteren Erkenntnis, dass nichts richtig sauber ist. Ich entdecke ein weißes Hemd, das noch in der Reinigungstüte steckt. Ich entscheide mich für den schwarzen Anzug, Budapester und hellblaue Krawatte. Viertens: Angezogen, finde ich, dass ich aussehe wie ein FBI-Agent. Fünftens: Ich sehe mich um und stelle fest, die Wohnung ist ein Chaos. Ich beschließe, Clare heute Abend möglichst nicht mit zu mir zu nehmen, auch wenn sich die Möglichkeit ergeben sollte. Sechstens: Vor dem bodenlangen Spiegel im Badezimmer werde ich einen hageren, sehr aufgeregten einsfünfundachtzig großen zehnjährigen Egon-Schiele-Zwilling in sauberem Hemd und Anzug eines Bestattungsunternehmers gewahr. Ich überlege, in welcher Aufmachung Clare mich wohl gesehen hat, denn ich kann ja nicht in eigenen Kleidern aus meiner Zukunft in ihre Vergangenheit gekommen sein. Hatte sie nicht gesagt, sie sei noch ein kleines Mädchen gewesen? Eine Fülle nicht zu beantwortender Fragen schießt mir durch den Kopf. Ich halte inne und atme tief durch. Gut. Dann stecke ich Brieftasche und Schlüssel ein, und schon bin ich unterwegs: Ich sperre die siebenunddreißig Schlösser ab, fahre in dem wackeligen kleinen Aufzug nach unten, kaufe im Laden in der Eingangshalle Blumen für Clare, lege die zwei Blocks zum Restaurant in Rekordzeit zurück und komme trotzdem zu spät. Clare wartet bereits in einer Sitznische, und mein Anblick scheint sie zu erleichtern. Sie winkt mir zu, als sehe sie einen Festzug.
„Hallo“, sage ich. Clare trägt ein weinrotes Samtkleid mit Perlenkette. Sie sieht aus wie ein von John Graham gemalter Botticelli: große graue Augen, lange Nase, winziger fein geschnittener Mund wie bei einer Geisha. Ihre langen roten Haare fallen ihr über die Schultern bis zur Rückenmitte. Clare ist so blass, dass sie im Kerzenlicht an eine Wachsfigur erinnert. Ich halte ihr die Rosen hin. „Für dich.“
„Vielen Dank“, sagt Clare, unglaublich begeistert. Sie sieht mich an und merkt, dass mich ihre Reaktion verwirrt. „Du hast mir noch nie Blumen geschenkt.“
Ich rutsche auf den Sitz ihr gegenüber, völlig fasziniert. Diese Frau kennt mich wirklich; sie ist nicht irgendeine flüchtige Bekanntschaft auf meinen künftigen Exilstationen. Die Bedienung kommt und reicht uns die Speisekarten.
„Erzähl schon.“
„Was denn?“
„Alles. Ich meine, verstehst du, warum ich dich nicht kenne? Es tut mir schrecklich Leid...“
„Ach was, nicht nötig. Im Ernst, ich weiß doch, woran es liegt.“ Clare senkt die Stimme. „Für dich ist nämlich noch nichts davon passiert, aber ich, also, ich kenne dich schon ziemlich lange.“
„Wie lange?“
„Ungefähr vierzehn Jahre. Mit sechs hab ich dich zum ersten Mal gesehen.“
„Himmel. Hast du mich sehr oft gesehen? Oder nur ein paar Mal?“
„Bei unserer letzten Begegnung hast du gesagt, wenn wir uns wiedersehen, soll ich das hier mitbringen“, Clare zeigt mir ein hellblaues Kindertagebuch, „also bitte“, – sie reicht es mir – „du kannst es haben“. Ich schlage es an der Stelle auf, wo ein Stück Zeitungspapier steckt. Die Seite, auf der oben rechts zwei kleine Cocker-Spaniel lauern, ist mit einer Liste von Daten gefüllt. Sie beginnt mit dem 23. September 1977 und endet sechzehn kleine, blaue, mit Hündchen bedruckte Seiten weiter am 24. Mai 1989. Ich zähle nach. Es sind hundertzweiundfünfzig Daten, sehr sorgfältig mit Kugelschreiber in der schnörkeligen Schönschrift einer Siebenjährigen geschrieben.
„Stammt die Liste von dir? Sind alle Daten genau?“
„Du hast sie mir doch selbst diktiert. Vor einigen Jahren hast du mir erzählt, du würdest die Daten alle auswendig kennen. Daher weiß ich nicht so ganz, wann die Liste ihren Anfang nahm; irgendwie kommt mir das Ganze wie ein Möbiusband vor. Aber die Daten stimmen. Durch sie wusste ich, wann ich zur Wiese kommen muss, um dich zu treffen.“ Die Bedienung erscheint wieder, und wir bestellen: Tom Kha Kai für mich, Gang Mussaman für Clare. Ein Kellner bringt Tee, und ich gieße jedem von uns eine Tasse ein.
„Was ist die Wiese?“ Ich platze fast vor Neugier. Mir ist noch nie jemand aus meiner Zukunft begegnet, geschweige denn eine zarte Schönheit à la Botticelli, die mich schon hundertzweiundfünfzig Mal gesehen hat.
„Die Wiese gehört zum Haus meiner Eltern in Michigan. Auf einer Seite wird sie von Wald begrenzt, auf der anderen vom Haus. Ungefähr in der Mitte befindet sich eine Lichtung, etwa drei Meter im Durchmesser, in der ein großer Stein liegt, und wenn man auf der Lichtung ist, kann man vom Haus aus nicht gesehen werden, weil das Gelände erst ansteigt und zur Lichtung hin abfällt. Früher habe ich dort gespielt, weil ich gern allein war und immer dachte, keiner wüsste, dass ich dort bin. Eines Tages, ich war in der ersten Klasse, kam ich von der Schule zurück, ging zur Lichtung und da warst du.“
„Splitternackt und wahrscheinlich kotzend.“
„Um ehrlich zu sein, du warst sehr geistesgegenwärtig. Du kanntest meinen Namen, das weiß ich noch, und du bist ziemlich spektakulär verschwunden, auch das weiß ich noch. Im Nachhinein ist mir klar, dass du schon vorher dort warst. Zum ersten Mal vermutlich 1981, da war ich zehn. Du hast ständig „O Gott“ gesagt und mich angestarrt. Außerdem warst du völlig außer dir, weil du nackt warst, dabei fand ich es zu der Zeit schon irgendwie selbstverständlich, dass so ein alter nackter Kerl wie durch Zauberei aus der Zukunft erscheint und um Kleidung bittet.“ Clare lächelt. „Und um Essen.“
„Was ist daran so komisch?“
„Im Laufe der Jahre hab ich dir ein paar reichlich abgedrehte Mahlzeiten serviert. Sandwiches mit Erdnussbutter und Anchovis. Leberpastete mit Roter Bete auf Cracker. Ich nehme an, einerseits wollte ich herausfinden, ob es Dinge gibt, die du verschmähst, andererseits wollte ich dich mit meiner kulinarischen Hexenkunst beeindrucken.“
„Wie alt war ich?“
„Ich glaube, Anfang vierzig, da warst du am ältesten. Ich bin mir nicht sicher, wann du am jüngsten warst, vielleicht um die dreißig? Wie alt bist du jetzt?“
„Achtundzwanzig.“
„Im Augenblick wirkst du sehr jung. In den letzten Jahren warst du meistens Anfang vierzig und hattest allem Anschein nach ein ziemlich hartes Leben. Schwer zu sagen. Wenn man klein ist, kommen einem alle Erwachsenen groß und alt vor.“
„Was haben wir denn auf der Wiese gemacht? Immerhin kommt ja einiges an Zeit zusammen.“
Clare lächelt. „Wir haben vieles gemacht. Es hat gewechselt, hing von meinem Alter ab, und vom Wetter. Du hast mir oft bei den Hausaufgaben geholfen. Wir haben gespielt. Aber die meiste Zeit haben wir einfach über Sachen geredet. Als ich noch sehr jung war, hielt ich dich für einen Engel und hab dich ständig über Gott ausgefragt. Als Teenager wollte ich dich dazu bringen, mit mir zu schlafen, aber du bist immer standhaft geblieben, was meine Entschlossenheit natürlich nur verstärkt hat. Ich glaube, irgendwie hast du befürchtet, du könntest mich sexuell verbiegen. In mancher Hinsicht warst du sehr elterlich.“
„Oh. Wahrscheinlich sollte mich das freuen, auch wenn ich im Augenblick keinen gesteigerten Wert darauf lege, dass man mich für elterlich hält.“ Unsere Blicke begegnen sich. Wir beide müssen lächeln und sind Verschworene. „Was war im Winter? Die Winter in Michigan sind hart.“
„Meistens hab ich dich in den Keller geschmuggelt; unser Haus hat einen riesigen Keller mit mehreren Räumen, in einem davon werden Sachen gelagert, auf der anderen Seite der Wand ist die Heizung. Wir nennen es den Leseraum, weil dort alle unbenutzten alten Bücher und Zeitschriften aufgehoben werden. Einmal warst du unten, als es einen Schneesturm gab, und keiner konnte in die Schule oder zur Arbeit gehen, und es hat mich fast wahnsinnig gemacht, dir Essen zu organisieren, denn es war nicht mehr viel im Haus. Etta wollte gerade einkaufen gehen, als der Sturm einsetzte. Du hast also festgesessen, musstest drei Tage lang alte Reeder’s Digest lesen und dich von Ölsardinen und Ramen-Nudeln ernähren.“
„Klingt salzig. Ich freu mich schon drauf.“ Unser Essen kommt. „Hast du jemals kochen gelernt?“
„Nein, ich würde nicht behaupten, dass ich kochen kann. Nell und Etta wurden schon unruhig, wenn ich in der Küche mehr machen wollte als eine Cola aus dem Kühlschrank holen, und seit ich nach Chicago gezogen bin, gibt es niemanden, den ich bekochen könnte, folglich fehlte mir die Motivation, um meine Kochkünste zu verfeinern. Meistens bin ich zu sehr mit der Schule und allem beschäftigt, dann esse ich einfach dort.“ Clare nimmt einen Bissen von ihrem Curry. „Schmeckt wirklich gut.“
„Wer sind Nell und Etta?“
„Nell ist unsere Köchin.“ Clare lächelt. „Nell ist die schwarze Antwort auf die französische Küche, stell dir Aretha Franklin mit einer Crêpe-Pfanne in der Hand vor. Etta ist unsere Haushälterin und vielseitig begabtes bestes Stück. Eigentlich ist sie fast so was wie unsere Mom; im Ernst, meine Mutter ist ... na ja, Etta ist einfach immer da, sie ist eine strenge Deutsche, aber sehr beruhigend, während meine Mutter irgendwie ständig in höheren Regionen schwebt, verstehst du?“
Ich nicke, den Mund voll Suppe.
„Ach, und dann ist da noch Peter“, fügt Clare hinzu. „Unser Gärtner.“
„Wow. Eine Familie mit Dienstpersonal. Nicht gerade meine Liga. Hab ich mal jemanden aus deiner Familie kennengelernt?“
„Ja, meine Grandma Meagram, kurz vor ihrem Tod. Sie war die einzige, der ich von dir erzählt hatte. Damals war sie schon fast blind. Sie wusste, dass wir heiraten werden und wollte dich kennen lernen.“
Ich unterbreche mein Essen und sehe Clare an. Sie erwidert meinen Blick ruhig, engelhaft, absolut entspannt. „Wir werden heiraten?“
„Das nehme ich doch an“, erwidert sie. „Du hast mir jahrelang erzählt, du seist mit mir verheiratet, ganz gleich, aus welcher Zeit du kommst.“
Zu viel. Das ist zu viel. Ich schließe die Augen und zwinge mich, an nichts zu denken. Das Letzte, was ich möchte, ist die Herrschaft über das Hier und Jetzt zu verlieren.
„Henry? Henry, ist alles in Ordnung?“ Ich spüre, wie Clare zu mir auf den Sitz rutscht. Als ich die Augen öffne, nimmt sie meine Hände fest in die ihren. Ich betrachte ihre Hände und stelle fest, es sind die rauen, aufgesprungenen Hände einer Arbeiterin.
„Henry, tut mir Leid, aber ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Plötzlich ist alles so umgedreht. Mein ganzes Leben lang warst du derjenige, der immer alles wusste, und ich hab irgendwie nicht daran gedacht, dass ich heute Abend vielleicht nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen sollte.“ Sie lächelt. „Eine deiner letzten Bemerkungen, bevor du gegangen bist, war: „Hab Erbarmen, Clare.“ Du hast es mit deiner Vortragsstimme gesagt, aber wenn ich’s mir jetzt recht überlege, hast du vermutlich mich zitiert.“ Sie hält immer noch meine Hände und sieht mich erwartungsvoll an, voller Liebe. Ich fühle mich zutiefst geehrt.
„Clare?“
„Ja?“
„Könnten wir noch mal zurückgehen? Könnten wir so tun, als sei dies eine normale erste Verabredung zwischen zwei normalen Menschen?“
„Meinetwegen.“ Clare steht auf und geht an ihre Tischseite zurück. Sie setzt sich gerade hin und versucht, nicht zu lächeln.
„Genau. Also, Clare, erzähl mir ein bisschen von dir. Hobbies? Haustiere? Besondere sexuelle Vorlieben?“
„Musst du selber rausfinden.“
„Klar. Mal sehen ... wo gehst du zur Schule? Was studierst du?“
„Ich bin an der School of the Art Institute, bisher habe ich Bildhauerei studiert, und jetzt fange ich gerade mit Papierherstellung an.“
„Interessant. Und wie sieht dein Werk aus?“
Zum ersten Mal scheint Clare sich unwohl zu fühlen. „Irgendwie ... groß, und es geht um ... Vögel.“ Sie blickt auf den Tisch, dann nippt sie an ihrem Tee.
„Vögel?“
„Na ja, eigentlich geht es um Sehnsucht.“ Sie sieht mich immer noch nicht an, also wechsle ich das Thema.
„Erzähl mir mehr von deiner Familie.“
„Gut.“ Clare wird wieder locker, sie lächelt. „Also, meine Familie lebt in Michigan, in der Nähe einer kleinen Stadt am See namens South Haven. Unser Haus liegt außerhalb der Stadtgrenze, um genau zu sein. Ursprünglich gehörte es den Eltern meiner Mutter, Grandpa und Grandma Meagram. Er starb schon vor meiner Geburt, und sie hat bis zu ihrem Tod bei uns gelebt. Ich war siebzehn. Mein Grandpa war Anwalt, und mein Dad ist auch Anwalt. Mein Dad lernte Mom kennen, als er anfing bei meinem Grandpa zu arbeiten.“
„Dann hat er die Tochter des Chefs geheiratet.“
„Richtig. Um ehrlich zu sein, manchmal frage ich mich, ob er nicht eigentlich das Haus des Chefs geheiratet hat. Meine Mom war ein Einzelkind, und das Haus ist ein wahres Schmuckstück, es kommt in vielen Büchern über das Arts & Crafts Movement vor.“
„Hat es einen Namen? Von wem wurde es erbaut?“
„Es heißt Meadowlark House und wurde 1896 von Peter Wyns erbaut.“
„Mann. Ich kenne es von Bildern. Ist es nicht für einen der Hendersons gebaut worden?“
„Ja. Es war ein Hochzeitsgeschenk für Mary Henderson und Dieter Bascombe. Zwei Jahre, nachdem sie eingezogen waren, haben sie sich scheiden lassen und das Haus verkauft.“
„Vornehmer Schuppen.“
„Ich stamme aus einer vornehmen Familie. Worauf sie übrigens auch Wert legt.“
„Geschwister?“
„Mark ist zweiundzwanzig und beendet in Harvard gerade seine Vorbereitungskurse fürs Jurastudium. Alicia ist siebzehn und mit der Highschool fast fertig. Sie spielt Cello.“ Ich höre eine Vorliebe für die Schwester heraus und vagen Groll auf den Bruder. „Von deinem Bruder scheinst du keine besonders hohe Meinung zu haben.“
„Mark ist genau wie Dad. Beide wollen sie immer gewinnen und reden so lange auf dich ein, bis du aufgibst.“
„Ich beneide jeden, der Geschwister hat, auch wenn er sie nicht besonders gern mag.“
„Dann bist du Einzelkind?“
„Ja. Ich dachte, du weißt alles über mich?“
„Eigentlich weiß ich alles und gar nichts. Ich weiß, wie du nackt aussiehst, aber bis heute Nachmittag kannte ich nicht deinen Nachnamen. Ich wusste, du lebst in Chicago, aber ich weiß nichts über deine Familie, außer dass deine Mutter bei einem Autounfall ums Leben kam, als du sechs warst. Ich weiß, dass du dich in Kunst gut auskennst und fließend Französisch und Deutsch sprichst. Aber ich hatte keine Ahnung, dass du Bibliothekar bist. Du hast es mir unmöglich gemacht, dich in der Gegenwart zu treffen; du hast gesagt, es passiert, wenn es passieren soll, und da sitzen wir.“
„Da sitzen wir“, bestätige ich. „Jedenfalls komme ich nicht aus einer vornehmen Familie, meine Eltern sind Musiker: Mein Vater ist Richard DeTamble, meine Mutter war Annette Lyn Robinson.“
„Ach, die Sängerin!“
„Genau. Und er ist Geiger. Er spielt im Chicago Symphony Orchestra. Aber er hatte nie den Erfolg wie sie. Wirklich schade, denn mein Vater ist ein begnadeter Geiger. Nach Moms Tod ist er nur noch auf der Stelle getreten.“ Die Rechnung kommt. Keiner von uns hat viel gegessen, aber was mich betrifft, interessiert mich Essen im Augenblick überhaupt nicht. Als Clare zu ihrer Handtasche greift, sehe ich sie an und schüttle den Kopf. Ich zahle, und wir verlassen das Restaurant, stehen in der Clark Street. Es ist ein schöner Herbstabend. Clare trägt ein raffiniertes blaues Strickteil mit einem Pelzbesatz; ich habe vergessen, mir einen Mantel mitzunehmen und friere.
„Wo wohnst du?“, fragt Clare.
Oh. „Ungefähr zwei Blocks von hier, aber meine Wohnung ist winzig und gerade nicht vorzeigbar. Und du?“
„In Roscoe Village, Hoyne Avenue. Aber ich habe eine Mitbewohnerin.“
„Wenn du mit zu mir kommst, musst du die Augen schließen und bis tausend zählen. Deine Mitbewohnerin ist nicht zufällig sehr apathisch und taub?“
„Schön wär’s. Ich bringe nie jemanden mit. Charisse würde sich auf dich stürzen und dir Bambussplitter unter die Fingernägel stecken, bis sie alles von dir weiß.“
„Ich sehne mich danach, von jemand namens Charisse gefoltert zu werden, aber ich merke, dass du meine Vorliebe nicht teilst. Nehmen wir meinen Salon.“ Wir gehen die Clark Street entlang in Richtung Norden. Unterwegs hole ich bei Clark Street Liquors eine Flasche Wein. Clare ist verblüfft.
„Ich dachte, du darfst nicht trinken.“
„Ach ja?“
„Dr. Kendrick hat es streng verboten.“
„Wer ist das?“ Wir gehen langsam, weil Clare unpraktische Schuhe trägt.
„Dein Arzt. Er ist eine Koryphäe, was Chrono-Schädigung angeht.“
„Das musst du erklären.“
„Ich weiß nicht viel. Dr. David Kendrick ist ein Molekulargenetiker, der herausge-funden hat – oder besser, herausfinden wird – wie es zu dieser Schädigung kommt. Es ist ein genetisches Problem, das findet er im Jahr 2006 heraus.“ Sie seufzt. „Es ist einfach noch viel zu früh. Du hast mir mal gesagt, in ungefähr zehn Jahren wird es viel mehr chrono-geschädigte Menschen geben.“
„Ich kenne niemanden mit dieser – Schädigung.“
„Selbst wenn du jetzt sofort zu Dr. Kendrick gehen würdest, könnte er dir wahrscheinlich nicht helfen. Und wenn er es könnte, hätten wir uns nie getroffen.“
„Daran wollen wir lieber nicht denken.“ Wir sind in meiner Eingangshalle. Clare geht mir in den winzigen Fahrstuhl voran. Ich schließe die Tür und drücke auf elf. Sie riecht nach altem Stoff, Seife, Schweiß und Pelz. Ich sauge tief ihren Duft ein. Auf meiner Etage, wo der Aufzug scheppernd zum Stehen kommt, steigen wir aus und gehen den schmalen Korridor entlang. Ich stecke meine Handvoll Schlüssel in alle hundertsieben Schlösser und öffne die Tür einen Spalt.


Über den Autor

Foto: Christopher Schneberger
  
Audrey Niffenegger lebt als Schriftstellerin und bildende Künstlerin in Chicago. Ihr erster Roman ›Die Frau des Zeitreisenden‹ steht seit Erscheinen 2004 auf den Bestsellerlisten und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Niffenegger liebt ›Alice im Wunderland‹ und Rilke, sammelt Schmetterlinge, Bücher und Comics.
Mehr über den Autor

Audrey Niffenegger
Preis € (D) 10,00
ISBN 978-3-596-50983-6
  

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