Foto: (c) Michael Trevillion

Ein Geburtstagsgruß an A. S. Byatt

In einem offenen Brief gratulliert die Übersetzerin Melanie Walz A. S. Byatt zum 75. Geburtstag (am 24.8.):

Liebe Antonia!

   Unter den deutschen Übersetzerinnen A. S. Byatts in der glücklichen Lage, fast ein Dutzend ihrer faszinierenden und von Wissen schier überquellenden Bücher übersetzt zu haben, möchte ich den Geburtstag dieser unvergleichlichen Autorin zum Anlass nehmen, ihr auf diesem halböffentlichen Weg meine aufrichtigsten und herzlichsten Glückwünsche auszusprechen.

   Als ein deutscher Verlag mir Anfang der neunziger Jahre die Übersetzung von A. S. Byatts Roman Besessen anbot, war das einerseits sehr schmeichelhaft und andererseits ein wenig einschüchternd, denn ich traute mir nicht recht zu, dieser Mischung aus Gelehrsamkeit, Phantasie und vollendeter Einfühlung in die viktorianische Zeit den entsprechenden deutschen Ausdruck zu verleihen. Ich versuchte deshalb, zwei angesehene deutsche Übersetzer als Stimmen für das viktorianische Dichterpaar zu gewinnen; dieses Vorhaben scheiterte, und ich musste aus der Not eine Tugend machen und alles selbst übersetzen.

   Im Nachhinein stellt sich diese Erfahrung wie ein „Ritt über den Bodensee“ dar und damit als ausgesprochen passende Initiation in das Übersetzen noch weitaus komplexerer und wissensgesättigterer Romane A. S. Byatts.

   Die Bandbreite der Interessen dieser Autorin ist atemberaubend und schier unbegrenzt; sie umfasst das Gebiet der Kunst ebenso wie das der Entomologie, die Genetik wie die Geschichte, die Sozialwissenschaften wie die Psychoanalyse, die Mathematik wie den Okkultismus. (Und ich fürchte, dass diese Aufzählung lückenhaft ist.) Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie die Autorin ihre vielfältigen Interessen verfolgt, Vorlesungen und Vorträge hält und daneben ein ausgefülltes Leben lebt, dann wird mir fast schwindelig. Vielleicht gehört sie zu dem seltenen Menschenschlag der sogenannten letzten Renaissancemenschen, die es tatsächlich vermögen, einem umfassenden Konzept der Kultur gerecht zu werden.

   Mit ihrem neuen Roman Das Buch der Kinder hat A. S. Byatt ihren Übersetzern in mindestens elf Sprachen eine anspruchsvolle, begeisternde und verblüffende Aufgabe bereitet. Das Buch der Kinder ist ein Roman, der vor Ideen und Einfällen funkelt, sprudelt, ja überquillt. Auf den ersten Augenschein erweckt er den Eindruck einer unglaublichen Fülle von Personen und Schauplätzen, doch die Verfasserin erweist sich als begnadete Puppenspielerin, die ihre Personen raffiniert und wie mühelos durch das Geschehen führt und der es gelingt, aus der Vielheit eine überzeugende künstlerische Einheit zu destillieren. Neben dem überwältigenden Einsatz von Wissen und künstlerischem Geschick beeindruckt A. S. Byatt vor allem mit ihrer Liebe zu den Wörtern, aus denen die Sprache besteht, mit dem Rhythmus, der ihre Sätze prägt, und mit ihrer schöpferischen Aneignung der englischen Sprache.

   Wie gesagt lebt A. S. Byatt neben den vielfältigen Leben ihres Berufs auch ein ausgefülltes Menschenleben, in dem alle Sinne zum Einsatz kommen - und sie verfügt über eine besondere Gabe, die Gabe der Freundschaft. Ich bin sehr glücklich und sehr stolz, dass ich im Lauf der Jahre des Austauschs über ihre Bücher zu ihrer Freundin werden durfte, und ich hoffe und wünsche mir, dass diese Freundschaft noch lange, lange Zeit fortbestehen wird.

Deine Melanie
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