Was soll das eigentlich sein – »afrikanisch«?

Das Bild von Afrika ist im Wandel: Unsere zwei Autoren Taiye Selasi, Kosmopolitin mit afrikanischen Wurzeln, sowie Rainer Merkel, der als NGO-Mitarbeiter in Afrika arbeitete, beschreiben die veränderte Selbstwahrnehmung in Afrika. Welche Folgen das für die Literatur hat, fasst Hans Jürgen Balmes zusammen, unser Programmleiter für internationale Literatur.

Taiye Selasi, Autorin von ›Die Dinge geschehen nicht einfach so‹

Taiye Selasi hat mit ›Die Dinge geschehen nicht einfach so‹ einen neuartigen Familienroman geschrieben über eine globale Generation zwischen Amerika und Afrika. Doch es ist kein klassischer Afrikaroman und der historische Hintergrund wird nicht problematisiert. Viel mehr versucht sie im engen Kontakt mit der westlichen Kultur zu definieren, was ›afrikanisch‹ eigentlich bedeutet. Ihr Vater kommt aus Ghana, sie ist in London geboren, hat in Amerika gelebt, in Oxford studiert und lebt jetzt in New York und Rom. Sie bezeichnet sich selbst als ›Afropolitan‹, Weltafrikanerin.

»Mir war schmerzhaft bewusst, dass ich keine einfache oder zufriedenstellende Antwort auf die Frage ›Woher kommst du?‹ hatte. Das ist eine ganz simple Frage, die jeder stellt, aber den Großteil meines Lebens konnte ich sie nicht beantworten, zumindest nicht mit wenigen Worten. Es ging immer so: Ich bin in London geboren, aber in den Staaten aufgewachsen, deshalb habe ich diesen leichten amerikanischen Akzent. Aber meine Mama ist nigerianisch und ein bisschen schottisch, mein Vater kommt aus Ghana. Spätestens dann sagt der andere: ›So genau wollte ich‘s gar nicht wissen.‹ Und ich muss zugeben, dass ich keine kürzere Antwort darauf habe. Deshalb nahm ich mir vor, eine Antwort zu entwickeln und schrieb diesen Essay [›Bye Bye Barbar‹ (2005)] über die afropolitische Identität. Ich beschrieb damit meine Erfahrung, die meiner Zwillingsschwester, meiner Cousins. Und dann geschah etwas Magisches. Der Text wurde von Menschen in so weit voneinander entfernten Orten wie Südafrika, Zimbabwe und Berlin gelesen, und viele Menschen sprachen mich darauf an. Sie sagten mir, für sie bedeute es eine neue Art über Identität zu sprechen, über Bevölkerungsveränderungen, Staatsangehörigkeit und Kultur, die es vorher nicht gegeben hatte. Ich denke – und hoffe –, dass der Begriff »Afropolitan« bedeutet, dass wir die Diskussion über afrikanische Identitäten erweitern müssen, um die Vorstellungen vom afrikanischen Kontinent und den Identitäten, die dieser Ort hervorbringt.«

In ihrem Essay ›Bye Bye Babar‹ bringt Taiye Selasi die schwierige Identitätssuche der afrikanischen Jugend auf den Punkt:
»Offensichtlich ist, wie sehr ein moderner junger Afrikaner seine Identität aus völlig verschiedenen Quellen erfinden muss. Mit brauner Haut, aber ohne ein fundamentales Gefühl, ›schwarz‹ zu sein, und zugleich von den afrikanischen Verwandten dafür gehänselt, sich ›weiß zu verhalten‹ – der junge Afropolit kann sich leicht zwischen den Welten verirren. [...] Dann ist da noch dieser tiefe Graben der Kultur, der bestenfalls unzureichend definiert ist. Man muss sich entscheiden, was ›afrikanische Kultur‹ ausmacht, abgesehen von Pfeffersuppe und Respekt gegenüber den Eltern. Dieses Projekt kann äußerst schwierig sein – ob man in einem afrikanischen Land lebt oder nicht.«
 
Ihrer Meinung nach zeichnet Afropolitans vor allem die Bereitschaft aus, Afrika komplexer wahrzunehmen – das heißt, sich mit den Teilen Afrikas, die ihnen am meisten bedeuten, auseinanderzusetzen, sie zu kritisieren und zu zelebrieren. »Vielleicht kennzeichnet das afropolitische Bewusstsein vor allem die Ablehnung allzu starker Vereinfachungen; das Bemühen zu verstehen, was in Afrika falsch läuft, und zugleich der Wille zu würdigen, was wunderbar und einzigartig ist. Anstatt Verallgemeinerungen über Afrika als geographische Einheit anzustellen, versuchen wir die kulturelle Komplexität zu verstehen, das intellektuelle und spirituelle Erbe anzunehmen und die Kulturen unserer Eltern zu bewahren.«

Die Globalisierung spielt eine wichtige Rolle bei der Verbreitung dieses differenzierten Selbstbildes. »Auch wenn wir gerade die neuesten Ausprägungen des Globalisierungsphänomens sehen, ist das dennoch keine neue Entwicklung in der Geschichte der Menschheit oder der Nationalstaaten. Allerdings hat die Technologie die Kontakte wesentlich beschleunigt. In einem Teil der Welt wird ein Video gedreht, in einem anderen Teil wird es gesehen und darauf reagiert. Ich denke da an den Arabischen Frühling, wo die Technologie im besten Sinne transformativ gewirkt hat. Ich denke daran, wie ein junger Mensch in New York einen jungen Menschen in Kairo oder Syrien sieht und feststellt: ›Moment mal, diese Person ist ganz genau so wie ich. Sie zieht sich an wie ich, nutzt Facebook wie ich. Warum sollte sie in einer Diktatur leben? Das ist absurd!‹ Diese unmittelbaren und sehr persönlichen Verschiebungen in der Perspektive und der Ideologie machen die große Chance aus. Und je enger und unmittelbarer der Kontakt zwischen uns wird, so hoffe ich, desto mehr werden wir alle das Verbindende zwischen uns erkennen.«

Rainer Merkel, Autor von ›Bo‹

Rainer Merkel lernte Afrika, konkret Liberia in Westafrika, als NGO-Mitarbeiter kennen und verarbeitete seine Eindrücke in seinem aktuellen Buch ›Bo‹. »Ich habe versucht, meinen Blick in meinem Roman zu ändern. Der Blick, den ich während meiner Tätigkeit für Cap Anamur hatte, war der eher autistische Blick der NGO-Welt, der eigentlich blind ist für Liberia. Dass ich ›Bo‹ aus kindlicher Perspektive erzähle, war eigentlich ein Zufall. Aber im Nachhinein habe ich gemerkt, dass gerade das mir geholfen hat, meinen Blick zu öffnen. In gewisser Weise verschärft der kindliche Blick erst mal bestimmte negative Effekte. Es ist ein Blick des Naiven, Unschuldigen, ein Blick, der vorgeformt, schon eingefärbt und voller Klischees ist. Das war das Grundkonzept, Liberia nicht auf seine Bürgerkriegszeit zu reduzieren, nicht zu dämonisieren und den Mitleidsblick abzuschalten. Bo ist ein Konstrukt, das mir geholfen hat, ein anderes Liberia zu sehen, ein Liberia, das vielleicht gar nicht so existiert, das aber eigenständiger, schillernder und dann auch wieder normaler ist als das Liberia, das ich als NGO-Mitarbeiter gesehen habe.« So wurde aus ›Bo‹ ein Roadmovie inmitten liberianischer Realität – die nicht so weit entfernt ist, wie man denkt.

Der Ansicht von Taiye Selasi, dass die Diskussion über eine afrikanische Identität erweitert werden muss um die Vorstellungen vom afrikanischen Kontinent und den Identitäten, die dieser Ort hervorbringt, stimmt er zu: »Ich glaube, dass der Blick auf Afrika immer dazu tendiert, zu global und unscharf zu sein. Bei meinen Reisen in die Nachbarländer habe ich gemerkt, wie spezifisch die liberianische Identität ist und wie sehr sich das Land von anderen afrikanischen Ländern unterscheidet. Die Unterschiede zwischen Ghana und Liberia sind vielleicht größer als zwischen Deutschland und Frankreich. Andererseits ist es auf der politischen Ebene umso wichtiger, dass institutionelle Zusammenschlüsse, die Afrika insgesamt mächtiger machen, noch gestärkt werden. Also geht es auch um den ›Plural‹, darum, dass Afrika komplexer, in seinen Identitäten vielgestaltiger, reichhaltiger, aber auch offener und beweglicher ist, als man so gemeinhin denkt.«
 
Während für ihn ein Wandel in der Selbstdefinition erkennbar ist, sieht er immer noch großen Nachholbedarf, was die Außenwahrnehmung von Afrika betrifft: »Vielleicht werden die Afrikaner bzw. die Liberianer selbstbewusster, in einer Weise, dass gerade die Jüngeren enorm geschickt darin sind, westliche Einflüsse in ihr Selbstbild zu integrieren, ohne sich dabei von sich selbst zu weit zu entfernen. Vielleicht könnte man sagen, dass sie strategischer und bewusster an einer eigenen Identität arbeiten, die für den Außenstehenden dann vielleicht widersprüchlich erscheint, gebrochen und paradox, aber dann entsteht daraus auch eine große Kraft. Die Außenwahrnehmung, habe ich das Gefühl, ist immer noch bei so einem latent kolonialen Blick stehengeblieben. Es ist ein dumpfer und beschränkter Blick, der etwas Klaustrophobisches hat. Afrika wird abwechselnd verdüstert, katastrophisiert und erhöht bzw. in spiritueller Weise erotisiert. Das zieht sich auch durch die Literatur. Meiner Ansicht nach klafft eine große Lücke zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung, noch viel stärker als man sie als Europäer beispielsweise in den USA erlebt, wo die Differenzierungsleistung auch eher stark eingeschränkt ist.«

Hans Jürgen Balmes, Programmleiter für internationale Literatur beim S. Fischer Verlag

Nach den zwei Perspektiven auf den Wandel in Afrika bleibt die Frage, ob sich diese Strömungen verallgemeinern und auch auf die afrikanische Literatur beziehen lassen. Hans Jürgen Balmes hat für uns seine Einschätzung der aktuellen literarischen Situation zusammengefasst.
 
»Die Vorzeichen haben sich gewandelt und die Literatur Afrikas wird in einem neuen Licht lesbar. Den älteren Autoren wie dem kürzlich verstorbenen Chinua Achebe ging es um ihre Identität, die sie gegen die Kolonialisten finden, definieren, behaupten mussten. Die neuere afrikanische Literatur steht nicht mehr ausschließlich unter dem Diktum der kolonialen Kultur, an die etwa die Dichter der Négritude noch in ihrer Abgrenzungsbestrebung gefesselt waren.
Zudem war die erste Beschäftigung mit der Literatur aus Afrika, die weniger ethnologisch inspiriert war, sehr stark politisch akzentuiert. Natürlich wussten Verleger wie Peter Hammer ganz genau, was für großartige Literatur sie da in den Händen hielten, aber das Publikum war in den 1970er Jahren so politisiert, dass man die Bücher oft ein wenig wie Dokumente aus der Dritten Welt behandelte. Und so landeten sie in einer Fair-Trade-Ecke. Wiederzuentdecken wäre ein Autor wie Chinua Achebe demgemäß nicht, weil er etwa unbekannt wäre – das Gegenteil ist der Fall –, sondern damit die Qualität seiner Literatur nun in ihrem eigenen ästhetischen Recht besser gewürdigt werden kann.
 
Auf die erste Generation der Unabhängigkeitskämpfer folgt nun eine zweite, die auf dieser Tradition aufbaut und gleichzeitig angetrieben wird von dem Bewusstsein, in einer neu verwobenen Welt zu schreiben. Die jungen Autoren haben die gleichen Aufgabe, ihre Identität zu definieren, aber ihr Kontext ist ein anderer: Auf die entkolonialisierte Welt folgte die globalisierte. Und die Autoren erzählen uns davon, erzählen uns von dem Abschied von der alten Welt und den Versuchen, als Immigranten in der globalisierten Welt anzukommen und sie selbst zu bleiben. In diesem hybriden Raum ragt die Literatur der vormals Dritten Welt in die der Ersten hinein. Sie tut dies nicht als Anklage, sondern berührt in allen Bereichen des Lebens und der Kunst eine geteilte Welt. Die Augenhöhe wird hergestellt, wenn der Diskurs aufgenommen wird, wenn die Opposition überwunden wird und die Literatur Schwarzafrikas ganz selbstverständlich die gleiche ästhetische Qualität für sich reklamieren kann, welche die europäische Literatur allzu oft als ihr ausschließliches Merkmal sieht.«

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