Die Story hinter dem Foto: Ein Mittagessen mit Khaled Hosseini

Hans Jürgen Balmes, S. Fischer Programmleiter für internationale Literatur, erzählt die Geschichte hinter seinem Foto mit Khaled Hosseini. Begleiten Sie ihn zum Treffen mit dem Bestsellerautor nach San José!

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(Foto: Hans Jürgen Balmes (links) und Khaled Hosseini (rechts) in San José im Februar 2013.)

"In New York hatte es einen Blizzard gegeben. Schneewehen türmten sich in Manhattan und einen Tag lang waren alle Flüge gestrichen. So konnte die Reise zu Khaled Hosseini in Kalifornien erst einen Tag später beginnen, um in San José zu enden: in einem kleinen chinesischen Restaurant, vor dem er draußen in der Sonne seinen Besuch erwartete – mit einem frohen Lachen und einem offenen Blick. Schneesturm und dann gleich in die Sonne unter Bäumen – ja, so sei Afghanistan auch, das Land, aus dem er stammt, in dem all seine Bücher spielen, und an deren Menschen er Tag und Nacht denkt. Aber dort, auf der anderen Seite der Welt, seien die Temperaturstürze härter, und alles andere auch.

San José an der San Francisco Bay ist Khaled Hosseinis Heimat geworden. Als die Russen 1979 in Afghanistan einmarschierten, hatte seine Familie Glück: Der Vater war Diplomat und gerade in Paris, und so wuchs er in Frankreich und den USA auf, wo er Mediziner wurde. Lange Jahre war er im Exil unterwegs gewesen – hier in den USA wurde er Arzt, hat als Internist gearbeitet, geheiratet und zieht nun seine beiden Söhne groß, die er gleich, nach dem Essen, von der Schule abholen muss. Wie in seinen Romanen, steht auch in seinem Leben die Familie im Mittelpunkt – sie ist das Radar, mit dem er die Welt wahrnimmt. Als ob man mit der Familie mehr Augen, Ohren hat, viele Geschichten mehr sieht und hört. Die Familie ist ein Netz, das einen auffängt, umfängt und gleichzeitig trägt. Ein Netz, in dem jeder Knoten wichtig ist, aber keiner allein im Zentrum.

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Als junger Arzt spürte er, dass er die Geschichten der anderen, die das Land nicht verlassen konnten, erzählen musste. Das erste Buch ›Drachenläufer‹ erschien 2003, nachdem es von vielen Verlagen abgelehnt worden war, als man sich nach der Katastrophe vom 11. September und dem Eingreifen der Amerikaner in Afghanistan fragte, was für ein Land das eigentlich sei – so arm und so entlegen und seit hundert Jahren im Griff ausländischer Mächte. Der ›Drachenläufer‹ beantwortete diese Frage, und Millionen von Lesern wollten seine Antwort hören und verschlangen das Buch. Im Deutschen Bundestag wurde es besprochen, und die UNESCO machte Khaled Hosseini zu ihrem Sonderbotschafter für Flüchtlingsfragen .

Dieser Erfolg ist ihm heute ein wenig unheimlich. Er lächelt scheu. Aber er empfindet seinen Erfolg als Auftrag. Nach seinem zweiten Roman ›Tausend strahlende Sonnen‹ fuhr er zurück nach Kabul, um den Ort seiner Kindheit wiederzusehen. Wie hätte sein Leben ausgesehen, hätte er nicht ausreisen können? Mit welcher Armut müssen sich die Afghanen auseinandersetzen, da das Land ein ums andere Mal in Trümmer geschossen wird? Bei seiner ersten Reise nach Kabul lernte er im Hospital ein im Gesicht fürchterlich entstelltes Mädchen kennen. Dieses Erlebnis erschütterte ihn so sehr – die Scham und die unbedingte Notwendigkeit zu helfen -, dass die Erfahrung in seinem neuen Roman gespiegelt wiederkehrt.

Die Romanfigur Idris ist wie Hosseini ein aus Afghanistan stammender Amerikaner und kommt nach Kabul, um ein altes Haus wiederzufinden. Auch er ist Arzt, und auch er trifft ein entstelltes Mädchen, um das er sich während des Aufenthalts rührend kümmert. Aber nach Hause zurückgekehrt, überfordert von dem übervollen Spielzimmer seiner eigenen Kinder und der Bürokratie des Krankenhauses, für das er arbeitet, findet er keinen Weg, um wirklich zu helfen. Es bleibt ein leerer Vorsatz.

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„Ja, ich glaube, da steckt viel von mir in der Figur“, erläutert Hosseini und legt eine Hand offen auf den Tisch. Aber ihm gelang die Hilfe: Er gründete gemeinsam mit seiner Frau eine Stiftung, die Hospitäler ausstattet und den Schulbesuch von Mädchen in den Mittelpunkt der Anstrengungen stellt: „Denn nur die Frauen können Afghanistan retten.“

Doch jetzt muss er los zur Schule und zu seinen beiden Söhnen, die viele der Geschichten aus dem neuen Buch als Gutenachtgeschichten gehört hatten. Denn seine Romane stammen aus dem mündlichen Erzählen, immer mit dem Zuhörer im Blick, der gefesselt und gebannt werden soll. Viele Romane und Geschichten entstanden in diesem Moment und erst dann am Schreibtisch.

Wir stehen schon, da erzählt er noch, dass er hofft er, eines Tages gemeinsam mit seinen Kindern nach Afghanistan reisen zu können, aber das wird noch Jahre dauern. Von Besuch zu Besuch seien die Straßen unsicherer geworden und das Leben dort gefährlicher. Er klingt besorgt: „Wenn sich der Westen aus dem Land zurückzieht, wird Afghanistan in seiner Entwicklung um Jahrzehnte zurückgeworfen werden. Das darf nicht sein.“

Charmant und höflich bittet er eine Passantin, ein Bild von uns aufzunehmen, und mit einem freundlichen Nicken ist er unter den Bäumen verschwunden."


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