Bitte bloß keine Formeln

Wie sieht ein Lektor sein Buch? Welche Überlegungen spielen sich in ihm ab? Unser Lektor Alexander Roesler lässt Sie an seiner Einschätzung zu Cédric Villanis Buch ›Das lebendige Theorem‹ teilhaben.

Als Lektor muss man viel lesen, das steckt schon in der Berufsbezeichnung. Das führt unter anderem dazu, dass man sich nicht mehr so schnell beeindrucken lässt von einem Text. Doch manchmal kommt es anders. So ging es mir mit dem Buch von Cédric Villani.  
Bücher von Mathematikern, dachte ich bislang, versuchen auf möglichst verständliche Weise den Lesern etwas von ihrer Wissenschaft mitzuteilen – und das bedeutet, die unglaublich abstrakte Mathematik mehr oder weniger gelungen zu veranschaulichen und zu erklären. Man hat dann hinterher als Laie mit seiner Schulmathe zwar auch nicht wirklich verstanden, was die Poincarésche Vermutung besagt, aber im gelungensten Fall hat man eine Ahnung davon erhascht. Das ist ja schon viel bei einer so komplizierten Materie.
 
Eine Faustregel gibt es beim Verlegen von naturwissenschaftlichen Büchern: keine Formeln. Formeln schrecken ab, sie kosten Leser und zeigen die Wissenschaft so, wie sie ist, nackt, abstrakt, unanschaulich, kompliziert. Diesen Eindruck möchte man vermeiden, das Buch soll ja nicht wie ein Lehrbuch für das Grundstudium wirken. Also bitte bloß keine Formeln.
 
Und dann bekommt man ein Buch wie ›Das lebendige Theorem‹ auf den Schreibtisch, schlägt es auf und denkt: Nanu! Und dann: Gut, wollen wir trotzdem mal hineinlesen. Der Autor wird sich schon etwas dabei gedacht haben.
 
Das hat er. Mir ist noch kein Sachbuch begegnet, das so ungewöhnlich ist und so viel erzählt über das, was Mathematik ausmacht. Und das auf eine so schlaue und literarische Weise. Das fängt schon mit diesen Formeln an: Kein Mensch versteht sie, aber das muss man auch nicht. Sie sind Teil der Story und müssen zu sehen sein, denn daran arbeitet unser Held, sie beschäftigen ihn rund um die Uhr. Um sie geht es. Jede falsche Zahl hier kann das Ende sein, hier muss alles stimmen.
 
Überhaupt unser Held: Das Buch ist wie ein klassisches Epos erzählt: Ein Held stellt sich eine schier unlösbare Aufgabe. Wie kann man sich einen mathematischen Beweis vornehmen, wie kann man sich so unter Zeitdruck bringen (die Lösung muss innerhalb von zwei Jahren erbracht sein)? Also zieht unser Held aus, kämpft mit Widerständen, gerät auf Seitenpfade, verirrt sich, sucht Verbündete, es gelingt ihm fast – da weist das relevante mathematische Journal den Beweis zurück. Er muss nacharbeiten, auf neue Ideen kommen, die Zeit drängt, alles wird immer aussichtsloser. Wird er es schaffen?
 
Mit vielen literarischen Formen, mit Email-Auszügen, mit Kurzporträts bedeutender Mathematiker, mit Erzählungen und Dialogen gelingt es Cédric Villani, uns unmittelbar an seiner Suche teilhaben zu lassen. Was das Buch so unglaublich macht ist die Tatsache, dass wir direkt und quasi live einem Mathematiker beim Denken zuschauen können, und das ohne mathematische Kenntnisse. Dadurch, dass Villani einfach nur geschickt beschreibt, was er tut, lernen wir so viel über Mathematik wie in neun Schuljahren nicht. Und eigentlich geht es auch gar nicht nur um Mathematik: „Das lebendige Theorem“ ist ein Buch über Kreativität, über die Begeisterung für ein Fach, über die Macht des Denkens und die Lust an der Abstraktion. Kurz: ein ganz besonderes Buch.
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