Peter Stamm erzählt: Wie das Buch ›Nacht ist der Tag‹ entstand

Viele meiner Themen – oder eher Fragen – verfolgen mich jahrelang, bevor sie endlich zu einem Text werden. Am Anfang von ›Nacht ist der Tag‹ stand wohl die Frage, inwiefern wir als Personen mit unseren Körpern übereinstimmen. Wenn ich mir eine neue Frisur machen lasse, wenn ich stark zu- oder abnehme, wenn ich durch einen Unfall entstellt werde, bin ich dann noch immer dieselbe Person, die ich vorher war? Oder verändert sich meine Persönlichkeit mit meinem Körper?

Ein erstes Projekt mit diesem Thema begann ich in den frühen neunziger Jahren, aber nach langen vergeblichen Bemühungen gab ich es auf. 2005 nahm ich einen neuen Anlauf und begann den Roman über Gillian und Hubert zu schreiben. Fünf Jahre später interviewte mich Martin Ebel vom Tages-Anzeiger über gescheiterte Projekte. In seinem Artikel hiess es:

»Peter Stamm wollte die Geschichte einer Frau erzählen, deren Gesicht bei einem Autounfall grässlich verstümmelt worden ist und durch plastische Chirurgie nach und nach wiederhergestellt wird. Es sollte darum gehen, wie weit unser Selbstbild mit dem äusseren Anblick zusammenhängt. Um die Entsprechung von Gefühlen und ihrem sichtbaren Ausdruck, der Mimik. Um Aspekte der Identität also.
Der Anfang – Stamm hat alles aufgehoben – liest sich vielversprechend. Da ist eine Figur, sie heisst Alexandra, die erst nach und nach begreift, was ihr geschehen ist, die voller Entsetzen in den Spiegel schaut. Die sich verloren hat und wiederfinden will. Der Stamm-Sound ist da, und es ist doch etwas anderes, Besonderes. Auch der Autor findet diesen Anfang immer noch akzeptabel, sein Lektor teilt das Urteil. Warum also wurde nichts daraus?«

Nach zwei Jahren Arbeit hatte ich den Roman aufgegeben. Ich wusste nicht weiter und gleichzeitig hatte ich die Idee für ›Sieben Jahre‹, meinen letzten Roman.
Nachdem Martin Ebels Artikel erschienen war, meldete sich eine Frau bei mir, deren Gesicht durch einen Unfall in ihrer Kindheit stark entstellt worden war. Wir trafen uns zu langen Gesprächen, sie las meinen Text, erkannte darin manches aus ihrer eigenen Geschichte und ermunterte mich weiterzuschreiben. Also nahm ich das alte Projekt wieder hervor. Ich stellte das Material um, fand neue Orte, neue Handlungsstränge, neue Figuren, neue Themen. Ich interviewte eine plastische Chirurgin, den Organisator einer Technoparty, Professoren und Studenten einer Kunsthochschule, eine Schauspielerin und eine Fernsehmoderatorin. Manches vom alten Projekt schaffte es ins neue, eine Stelle stammt sogar aus dem gescheiterten Roman aus den neunziger Jahren.
Eine Antwort auf meine Ausgangsfrage habe ich nicht gefunden, aber vielleicht Bilder die meine Leserinnen und Leser zu eigenen Gedanken über das Thema anregen. --------------------------------------------------------------------------------------------------- Weitere Einblicke in Peter Stamms Schaffen finden Sie in dem aktuellen Trailer, hier direkt im Anschluß. Viel Spaß beim Anschauen!

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