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Liebe Leser*innen im Homeoffice, 

vor ein paar Tagen ging ein Brief viral, den F. Scott Fitzgerald geschrieben hat, als er in Südfrankreich festsaß und Angst vor der die Welt bedrohenden Spanischen Grippe hatte. Dieser Brief, so stellte sich kurz danach heraus, war eine Fälschung. Aber ein falscher Brief bleibt doch ein Brief, dachten wir. Er brachte uns auf die Idee, Verbündete, hier und in der Welt, zu bitten, ebenfalls einen Brief zu schreiben. 

In einem Brief geht es ums Erzählen. Wir sind zusammen, wenn wir erzählen. Wir interessieren uns füreinander, wenn wir uns zuhören. Und das ist es, was uns im Moment zusammenhält. In Italien gehen die Menschen abends auf den Balkon und singen gemeinsam. Sie fühlen sich so weniger allein. 

Wir haben Autor*innen, Buchhändler*innen, Lektor*innen, Übersetzer*innen, Agent*innen, Kolleg*innen und Freunde also, gebeten, sich jemanden zu suchen, dem sie schreiben wollen. Es durfte jemand aus dem Bekanntenkreis sein, aber auch jemand, den sie nicht kannten oder erfunden hatten: die Eltern, zu denen man nicht reisen kann, die Kassiererin im Supermarkt, bei der man täglich einkauft, der Freund, den man vermisst, eine Krankenschwester, die in der Nachbarschaft wohnt, oder der antike Philosoph, dem man eine Antwort auf alle Fragen zutraut. Wir baten sie zu erzählen, wie es ihnen geht und worüber sie nachdenken, was sie tun oder nicht tun können, wovor sie Angst haben und worauf sie sich freuen. Der Brief sollte beliebig lang oder kurz sein, und man soll gerne auch mehrfach schreiben. Möglich ist es natürlich auch, nicht nur den Adressaten zu erfinden, sondern auch den Absender, also sich selbst als fiktive Figur zu erfinden.

Warum wir das tun? Weil wir das mit der Gemeinschaft ernst meinen und nicht gut singen können (jedenfalls hier im Verlag, worauf wir nach der kleinen Beschwerde von Sharon Dodua Otoo hinweisen möchten).

Immer Dienstag und Freitag werden wir in den nächsten Wochen hier Briefe online stellen.
Viel Spaß beim Lesen auf hundertvierzehn.de 


Ihre Hundertvierzehn-Redaktion  

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