Foto: Walter Breitinger

Trauer um Margarete Mitscherlich

Der S. Fischer Verlag trauert um die Psychoanalytikerin, Medizinerin und Autorin Margarete Mitscherlich-Nielsen, die am 12. Juni 2012 in Frankfurt am Main, wenige Wochen vor ihrem 95. Geburtstag, gestorben ist. Jörg Bong, Programmgeschäftsführer des Frankfurter Verlagshauses, würdigte die Verstorbene: »Margarete Mitscherlich gehörte zu den bedeutendsten Autoren des S. Fischer Verlages; über Jahrzehnte war sie nicht bloß eine der international herausragenden Wissenschaftlerinnen der Psychoanalyse, sondern vor allem auch eine der wichtigsten kritischen, engagierten Intellektuellen der Bundesrepublik Deutschland. Unser Land und unsere Gesellschaft verdankt ihr viel.«

Die Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin wurde 1950 in Tübingen zum Dr. med. promoviert. 1947 traf sie Alexander Mitscherlich (1908–1982), den sie später heiratete. Mit ihm gemeinsam bemühte sie sich nach dem Krieg um die Wieder­belebung der Psychoanalyse in Deutschland. Sie war Mitbegründerin des Sigmund-Freud-Instituts, wo sie fortan vorrangig arbeitete, und fungierte viele Jahre als Herausgeberin der Zeitschrift »Psyche«. Gemeinsam mit ihrem Mann veröffentlichte Margarete Mitscherlich 1967 das bahn­brechende Buch »Die Unfähigkeit zu trauern«. Es folgten unter anderem die Bücher »Die friedfertige Frau«, »Die Mühsal der Emanzipation« und 2010 mit großem Erfolg »Die Radikalität des Alters«.

»Die große Dame der Aufklärung«
Michael Hierholzer, Frankfurter Allgemeine Zeitung,14.6.2012

»Das ist vielleicht das Schönste am Erbe von Margarete Mitscherlich: dass sie keine begrifflich überspannten Theorien zur psychoanalytischen Praxis und Schule hinterlassen hat. Denken, daran lassen ihre Äußerungen gerade auch zu den 68ern keinen Zweifel, muss man am Ende sowieso immer selber.«
Cord Reichelmann, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,17.6.2012

»Margarete Mitscherlich war dem feinen Understatement verpflichtet und ließ sich selbst in heftigsten Auseinandersetzungen nicht dazu hinreißen schrille Töne anzuschlagen. Überlegt, beharrlich und mit großer Klarheit ging sie ihren Weg, darin Vorbild für eine ganze Frauengeneration, die noch nicht einmal die Wahl hatte, sich zwischen Kochtopf und Karriere zu entscheiden. [...] Für Margarete Mitscherlich ist jetzt der Schlussvorhang gefallen. Wir haben allen Grund zu applaudieren.«
Dorion Weickmann, Die Zeit, 14.6.2012

»Alexander Mitscherlich hat von Psychoanalytikern immer gefordert, sie sollten öffentlich ˝mit Vernunft angreifen!— Besser kann man das Denken und Handeln von Margarete Mitscherlich nicht beschreiben. Für all das ist ihr zu ehren und zu danken. All das werden wir vermissen.«
Wolfgang Neuschner, Süddeutsche Zeitung, 14.6.2012
 


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