Alice Munro, Foto: Derek Shapton

Zum 80. Geburtstag von Alice Munro

Am 10. Juli feiert eine unserer bedeutendsten Autorinnen ihren 80. Geburtstag. Die Rede ist von Alice Munro, die, so wird jedes Jahr aufs Neue gemutmaßt, zu den Dauerkandidaten für den Literatur-Nobelpreis zählt. Einer ihrer größten Verehrer, Jonathan Franzen, hat einmal in einem Interview mit der Zeit angedeutet, was der Grund dafür sein könnte, dass Alice Munro jetzt schon so lange von Stockholm übergangen wird. Franzen argwöhnte, dass es Autoren gebe, die, weil sie vordergründig unpolitisch seien, „unbemerkt unter dem Radar bleiben, obwohl sie ihren Kollegen schriftstellerisch um Lichtjahre voraus sind. (…) Ich denke vor allem an die Kanadierin Alice Munro, mit der es auf diesem Planeten allenfalls eine Handvoll Schriftsteller aufnehmen können. Ich meine, sie hat im Bereich der Kurzgeschichte Tschechow übertroffen, und der war nicht gerade ein Anfänger.“ (Jonathan Franzen, „Warum die Globalisierung eine Gefahr für den Roman ist“, Die Zeit, März 2009) Das sind große Worte, allerdings werden gerade die Tschechow-Leser Franzen Recht geben, sobald sie sich einmal eingehend mit Alice Munro beschäftigt haben. Alice Munro teilt Tschechows große Stärken. Auch sie benötigt nur wenige Worte, um vor den Augen ihrer Leser umfassende Erfahrungsräume und Seelenlandschaften erstehen zu lassen, auch ihr Schreiben ist getragen von einer großen Sympathie für ihre Figuren, auch sie enthält sich jeglicher Wertung und auch ihre Texte enthalten keine vordergründigen Botschaften oder gar Meinungen und sind auf eine sehr eigentümliche Weise sowohl zeitlos und zugleich gesättigt mit Zeit. Es ist vielleicht einer der größten Irrtümer vieler Autoren, dass die Grundfragen des Lebens unmittelbar benannt werden müssen, um als Fragen sichtbar zu werden, die Frage nach dem Sinn des Lebens zum Beispiel, danach, was Gut und Böse bedeuten, ob unser Leben dem Schicksal unterworfen ist oder ob wir Eingriffsmöglichkeiten haben, die Frage, in welcher Gestalt Liebe (oder auch Leid) in unser Leben eintritt und welche Wege sie gehen kann. Alice Munro beschreibt diese Fragen nicht, sie schreibt auch nicht über sie, sondern sie schreibt sie. Wie kaum einem ihrer Schriftstellerkollegen – und Franzens Rede von der „Handvoll“ kann man durchaus ernst nehmen – gelingt es ihr, diese Fragen Text werden zu lassen und zu personifizieren, in ihren Figuren mit Leben zu füllen und dadurch auch bei uns eine Achtsamkeit zu erzeugen, die einzigartig ist.

Wir sind sehr glücklich, dass die Bücher von Alice Munro bei Fischer erscheinen, zuletzt der Erzählband ›Zu viel Glück‹.
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