Aktuelles Heft - Neue Rundschau 1/2016 Zur Übersicht

 

Inhalt

Alexander Kluge
14 Geschichten zum Stichwort »Gegenwart«

Liat Elkayam
Lailat al-Qadr

Mascha Jacobs / Kevin Vennemann
1946

Heike Geißler
Der Bär

Senthuran Varatharajah
und wir werden uns das halbierte auge zerstören am geduldigen grund der bilder

Olaf Nicolai
»Non consumiamo …«

Mark Terkessidis
Von unterwegs

Dagmara Kraus
deutschyjno moja

Milo Rau / Rolf Bossart
Was ist zynischer Humanismus?

Georg Seeßlen
Fremd ist der Fremde nur in der Heimat

Oliver Grajewski
BILDER

Monika Rinck
Die Morschen

Tanja Maljartschuk
Die Göttin Russland

Adam Thirlwell
Skizze meiner gegenwärtigen Isolation

Karin Krauthausen & Stephan Kammer
Gegenwart, gegenwart


MOBY-DICK

Friedrich Balke
Kapitel 81: The Peqoud Meets the Virgin

Cornelius Borck
Kapitel 100: Leg and Arm

Ethel Matala de Mazza
Kapitel 115: The Pequod meets the Bachelor


LYRIKRADAR

Robert Hass
Aus den Notizbüchern


CARTE BLANCHE

Georges-Arthur Goldschmidt
Vom Exil

Oksana Sabuschko
Das ukrainische Palimpsest

Michael Kolja Kölling
Mein Samstagmorgen an einem Montag im Dezember

Jörg Magenau
Das Wunderbare sichtbar machen

Gerhard Roth
Der Wortzauberer Jean Paul und verwandte Geister

Jörg Bong
Der Realist, der unter Aufbietung aller Vernunft ins Schwärmen gerät


Kathrin Röggla
Ankleben verboten!

Editoral

»Ja, wo leben wir denn eigentlich?« Das war eine der Fragen an meine Kollegen und Kolleginnen für diese Ausgabe, nein, vielmehr: »Wann leben wir denn eigentlich?« Denn das ist unsicher. Im JETZT, lautet eine der vagen Antworten, der kleinste gemeinsame Nenner, einem dem »Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit« gänzlich unverwandten Ort. In einer Erregungsgesellschaft, dem Ort gezielter und ungezielter Mediennarration, in den »fictitious times«, bekannt aus einer provokativen Hollywoodrede, in einem JETZT, das immer im Spielen über die mediale Bande besteht, in symbolischer Politik, die mit der realen nur noch indirekt verbunden ist. Ihre Effekte haben wir jedenfalls auszubaden. In einem Simultan der Finanz-, Rohstoff-, Bluechip- und Arbeitsmärkte, wie es heute gerne formuliert wird, einem Simultan der digitalen Welten. Das ist schnell gesagt, aber wie sehen die Verwerfungen aus, die Brüche, die Tektoniken dieser angeblich so zeitgleichen Gesellschaft? Wie kann man ihnen literarisch nachgehen? Kann man sich noch aus der Zeit gerissen fühlen, oder ist es nicht gerade die Markierung der Verwerfung, die uns noch unsere Gegenwärtigkeit erfahrbar machen kann? Besteht nicht Erfahrung, also für die literarische Umsetzung interessante Erfahrung, in jenem Stolpern über die Zeitenläufte? Und: Kommt uns da nicht immer ein Futur zwei in die Quere, das uns lahmlegt?

Als Schriftstellerin sitzt man heute schneller, als man schauen kann, auf Panels. Wir Autoren gelten als Generalistinnen und Generalisten, wir scheinen im öffentlichen Diskurs etwas von den gesellschaftlichen Widersprüchen zu verstehen, manchmal werden wir befragt wie Priester, die einen zu entlassen haben in irgendeinen Sonntag, den es noch gar nicht gibt, aber den auszudenken sich auch niemand konkret vornimmt. Manchmal fungieren wir auch als kritische Gegenstimme zu übermächtigen Rhetoriken, die man gar nicht von außen mehr besuchen kann, vermeintliche Fachsprachen wie die der Ökonomie. Es sei alles ganz einfach, so hörte ich beispielsweise vor ein paar Wochen auf einem der Panels einen Ökonomen sagen, die Komplexität werde ohnehin nur beschworen als Verdunkelungsgeschehen, man suggeriere eine undurchschaubare Welt – voilà, und schon hat man die Machtverhältnisse zementiert. Die Ökonomie gilt als Fachsprache, die heute jeder sprechen muss, aber gleichzeitig keiner verstehen darf. Sich diese Sprache literarisch vorzunehmen, bedeutet allerdings auch gegen die Widerstände anzukämpfen, die aus jener Verdunkelungsrhetorik resultieren. Alles, was etwas komplexer anmutet, steht schon unter Verdacht der Vernebelung. Die nächste literarische Herausforderung ist die Aktualität – die vermeintliche Bewegung auf der vermeintlichen Höhe der Zeit, ein recht abgenutzter Fetisch unserer Mediengesellschaft, der erstaunlicherweise gleich dem Authentischen auf den publizistischen Märkten immer noch jede Menge wert ist. Diese Form von Aktualitätssuggestion bringt ihre eigenen Blindheiten mit, die zu durchkreuzen, nein, auszuhebeln ich auch mit dieser Ausgabe vorhatte. Denn Schriftstellerinnen und Schriftsteller können mit diesen Formen des Authentischen spielen, mit den Effekten des Aktuellen, um ihre Arbeitsweise sichtbar zu machen.

»Ja, wo leben wir eigentlich?« Mein Einladungsbrief ist nur etwas über ein halbes Jahr alt, doch er erscheint mir aus einer anderen Zeit zu stammen. Das Aktuelle hat nämlich erstaunliche Konkurrenz bekommen von dem Unvermeidlichen, das es seit neuestem wieder verstärkt gibt. Das, worum man einfach nicht herumkommt. Ging es vor kurzem in öffentlichen Veranstaltungen vor immer ratloseren Gesichtern im Publikum um Finanzkrise, um Arbeitsgesellschaft, um das Katastrophenthema, um Postdemokratie – vergleichsweise eher abstrakter, nein paradoxerweise etwas weiter weggerückt wirkende Themen, so stehen heute Terrorismus, Asyl, Flucht, Migration als Fragestellungen an, aber ganz konkret, als befänden wir uns insgesamt auf einer Reise in die Konkretion, in die ganz drastischen Auswirkung auch unserer Politiken. Auch ich war vor einem halben Jahr, als ich meine Schreibeinladung formulierte, noch nicht WIRKLICH dabei, mir das auszumalen, was im Moment in Europa geschieht. Ich habe damals von meinen Recherchen im Rhein-Main-Gebiet erzählt, rund um den Flughafenausbau und die Bürgerinitiativen, ich habe über Postdemokratie geschrieben und das Kongobeispiel gebracht, das ich durch Milo Raus Arbeit besser kennenlernen konnte. Eine Art Arbeit am Double, der Reinszenierung. Ungleichzeitigkeit, das hat mich zudem interessiert. Ich habe in jenem Brief von den Kartographien der Gegenwart gesprochen, doch den Begriff »Flucht« nicht angeführt. Das Flüchtlingsthema schien noch ein Stück weiter weg, trotz Informationsgesellschaft, trotz steigender Zahlen und süddeutschen Zugbegegnungen der dritten Art. Gerade eben, wo ich dieses Editorial formuliere, kämpfen wir uns mit einer konkreten Ineffizienz der Behörden und mit missverständlichen und missverstandenen Willkommenskulturen ab, mit der rechtsradikalen Reaktion auf vielen Ebenen. Es ist gleichzeitig so, als bekämen Quantitäten heute andauernd etwas Konkretes und etwas Hysterisches, als hauste dieses Duo in der Mitte jeglicher Handlungsbemühungen. Aber wie wird das im Frühjahr aussehen, d. h. JETZT, wo Sie das Heft in der Hand halten? JETZT, diese Zeit, in der, wie es allerorts heißt, der Wiedereintritt in die Geschichte stattfindet, wie man sie vor 25 Jahren zu verabschieden geglaubt hatte?

Doch was heißt es eigentlich, wenn die Wahrnehmung und der Umgang mit den Fluchtbewegungen für uns Schriftsteller und Schriftstellerinnen unvermeidlich geworden ist? Was ist dann nicht alles mit unvermeidlich geworden? Der Krieg in Syrien? Die Situation in der Ukraine, die in Israel und Palästina, im Irak, in Afghanistan, in Saudi-Arabien, und was wir damit zu tun haben? Alles Themen, die diskurstechnisch hochvermint sind, wie man an der Hochrüstung der Rhetorik wahrnehmen kann. Rhetoriken, die es schon in die internen und nun doch öffentlich geführten Debatten der Theaterhäuser geschafft haben, wie das Beispiel des Streits von Alvis Hermanis mit dem Thalia Theater im Dezember letzten Jahres gezeigt hat und seine Behauptung, man müsse angesichts des Terrorismus Position (in diesem Fall gegen die Arbeit mit Flüchtlingen, weil unter ihnen Terroristen seien) beziehen. Parteilichkeit wird plötzlich abverlangt, die es künstlerisch nicht geben kann. Man kann es eigentlich nur falsch angehen, und man müsste es zudem schnell angehen, das macht unsere Arbeit auch so wichtig, denn, so heißt es doch, wir hätten Langsamkeit sozusagen auf Vorrat.

Ich habe Kolleginnen und Kollegen gefragt. Ich wollte wissen, wie der Tigersprung in die Gegenwart (dieser umgedrehte Benjamin, in dem wir leben) literarisch zu verstehen sein könnte. Der Riss durch die Zeit. Die Gegenwartsverlorenheit, die mich im höchsten Maße irritiert, die manchmal wie eine Ansammlung von Ungleichzeitigkeiten aussieht, manchmal wie eine eigene Gegenwarts- und Situationsverlorenheit, manchmal wie eine perfide organisierte Sache.

Es ist ja durchaus vorstellbar, dass die Möglichkeiten der Literatur bei der Orientierung helfen könnten, denn sie stellt vor allem Konstellationen her, sie offeriert Kontexte, Bezüge, und sie ist in einer Art Fremdsprache geschrieben, wie der französische Philosoph Gilles Deleuze gesagt hat, einer Fremdsprache, »die weder eine andere Sprache noch ein wieder entdeckter Dialekt ist, sondern ein Anders-Werden der Sprache«. (Deleuze, Kritik, S.16) In einer Welt voller Fremdsprachigkeit könnte sie unser Verhältnis zueinander immer wieder neu bestimmen. Dazu kommt ihre Fähigkeit, in dieser Fremdsprachigkeit auch die Vielsprachigkeit unserer Sprachen sichtbar zu machen, was ihr eine unschätzbare Bedeutung im sinnlichen Aufklärungsgeschehen unserer Zeit verleiht.

Ich habe ungeduldige Antworten erhalten, zu Recht. Missverständnisse waren vorprogrammiert, und es ist nicht verwunderlich, dass sich darunter ein Ukrainetext finden würde, ein Syrientext, ein Israeltext – aber das wäre nur eine sehr eingeschränkte Betrachtungsweise, der eine andere dringend hinzuzufügen wäre. Logisch, dass es in diesen Zeiten Bildunterschriften braucht, die sich auswachsen, dass formale Kreuzungen entstehen müssen, hybride Formen, die die Problemstellungen von mehreren Seiten gleichzeitig angehen. Und so war es mir wichtig, die unterschiedlichsten Formen des literarischen, essayistischen, künstlerischen und auch theoretischen Sprechens zu Wort zu kommen zu lassen, die alle auch auf dem literarischen Feld anzusiedeln sind. Es gibt meines Erachtens keine Trennschärfe zwischen den Künsten. Natürlich ist klar, was Textarbeit ist, aber was um die Textarbeit rumsteht und diese bedingt, sieht manchmal mehr nach bildender Kunst, Performativem, Architektur, Musik, Digitalem, nach Theorie aus. Auch finde ich es nicht verwunderlich, dass das, was derzeit wieder als die neue Realismusdebatte bezeichnet wird, sich auf die meisten Texte beziehen lässt, und freue mich insofern über die theoretische Thematisierung des Zusammenhangs von Realismus und Gegenwartsbegriff am Ende der Ausgabe.

Einige Vorhaben habe ich nicht mehr geschafft, um die es mir hier leidtut. Zum Beispiel das begonnene Gespräch mit der Schriftstellerin und Essayistin Silvia Bovenschen fortzuführen. Oder mit dem Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck. Ja, statt eines Vorworts wollte ich Gespräche führen und muss mich jetzt selbst beim Wort nehmen und die Gespräche andernorts weiterführen. »Ich lebe im Hier und Jetzt« ist auch diesbezüglich eine kühne Behauptung. Aber immerhin kann ich mich jetzt bei meinen Kollegen und Kolleginnen bedanken für ihre äußerst spannenden Arbeiten. Voilà!

Kathrin Röggla
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