Interview mit

Sala Garncarz Kirschner lebt heute in New York. Am Vorabend einer schweren Herzoperation im Jahr 1991 vertraute sie ihrer Tochter Ann Kirschner die Geschichte ihrer Jugend an:
Zuerst dachte sie, dass es nur paar Wochen dauern würde. Doch aus sechs Wochen wurden fünf Jahre Zwangsarbeit für die Organisation Schmelt. Sala war 1940 sechzehn Jahre alt, als sie ihre polnische Heimatstadt verlassen musste, um die von den Nationalsozialisten befohlene
Zwangsarbeit abzuleisten. Fünf Jahre lang überlebte die junge Jüdin unter schwersten Bedingungen sieben verschiedene Lager, um dann für lange Zeit darüber zu schweigen. Anhand der rund 350 Briefe, die sich Sala in der Kriegszeit - unter der Zensur - mit ihrer Familie und Freunden schrieb und die sie wie einen Schatz hütete, erzählt Ann Kirschner die Geschichte der grausamen Odyssee ihrer Mutter durch das besetzte Europa - von Salas Leben in den Lagern, den kleinen Fluchten, von Freundschaft und ihrem unbedingten Willen zu überleben. (Foto: Joyce Ravid)
Verlag: Warum hielt ihre Mutter die Briefe für so viele Jahre geheim?
Anne Kirschner: Sie fürchtete die Wirkung der Briefe auf ihre drei Kinder – dass wir über ihre traurige Vergangenheit entsetzt sein könnten. „Ich wollte, dass ihr, du und deine Brüder, „normal“ seid, ganz gewöhnliche Kinder,“ erzählte sie mir. Natürlich brauchte sie selbst auch eine gewisse Distanz. Sie wusste, dass die Briefe schmerzhafte Fragen aufwerfen würden. Also versteckte sie sie bis zu dem Tag im Jahre 1991, als sie sich entschied, sie mir zu geben.
Verlag: Wo stellten Sie Ihre Nachforschungen an?
Anne Kirschner: Meine Nachforschungen begannen mit den Briefen, die ich so oft las, dass ich manche schon auswendig rezitieren konnte. Um den Kontext der Briefe zu verstehen, traf ich Dutzende Überlebende und Historiker in den Vereinigten Staaten, Deutschland, Polen, Tschechien und Israel. Die meisten meiner Interviews wurden aufgenommen und dann übertragen. Ich arbeitete in Bibliotheken der ganzen Welt, nutzte Archive genauso wie Sekundärliteratur.
Verlag: Was denken Sie ermöglichte es Sala zu überleben?
Anne Kirschner: „Glück“ ist die knappe Antwort, die Ihnen jeder Überlebende geben wird. Man konnte schlau oder arglos sein – es gab keine geheime Formel, die das Überleben garantierte. Das heißt, Sala hatte gewisse Vorteile. Zur Zeit der Deportation war sie 16 – jung und stark, unbelastet durch Kinder und mit dem Einfallsreichtum, der Energie und der Entschlossenheit einer Jugendlichen. (Interessanterweise habe ich gelesen, dass 1924 geborene Juden, wie meine Mutter, eine höhere Lebensrate hatten, als viele andere Geburtsjahrgänge.) Sala war außerdem aufgeschlossen und attraktiv und schloss schnell Freundschaften. Die Begegnung mit Ala Gertner half ihr enorm, denn Ala wurde ihre Ersatz-Schwester und half ihr, die erste schmerzliche Trennung von ihrer Familie zu ertragen. Die wenigen schönen Monate mit der Familie Pachta ermöglichten es ihr, ihre Stärke wiederzugewinnen. Ihre engen Freundinnen – ihre Lager-„Schwestern“ – beschützten sie. Ihre wertvollen Briefe stützten ihre Hoffnung. Aber am Ende war nur eines von Bedeutung: Glück.
Verlag: Was denkt Ihre Mutter über das Buch?
Anne Kirschner: Natürlich ist es für meine Mutter sehr schwierig mit Erinnerungen konfrontiert zu werden, die so schmerzlich waren, dass sie sie 50 Jahre lang verdrängt hat. Als die Briefe schließlich zum ersten Mal in einer Ausstellung in der New York Public Library der Öffentlichkeit gezeigt wurden, entwickelte sich meine Mutter von einer der stillsten Überlebenden zu einer zurückhaltenden Berühmtheit. Durch die große Aufmerksamkeit, sagt sie, fühlte sie sich „nackt und vor der ganzen Welt entblößt“. Plötzlich lasen Fremde über ihre Lager-Romanze mit einem stattlichen, tschechischen Geschäftsmann namens Harry, eine Intimität, die sie nur ihren Freundinnen anvertraute. Und, protestierte sie, muss denn irgendjemand wissen, dass ich 1924 geboren wurde?

Auf der anderen Seite erzählte sie mir, dass es wunderbar sei, ihre Familie und Freunde durch deren Worte wieder lebendig werden zu lassen, besonders jene – wie Ala Gertner – die keine Nachkommen hinterließen, die bestätigen, dass sie jemals existiert haben. Als meine Mutter begriff, dass die Briefe auch für Menschen außerhalb ihrer Familie wichtig waren, wurde sie eine engagierte Mitwirkende und eine sowohl gewandte als auch umsichtige Lektorin.
Verlag: Was denken Sie über die Entscheidung Ihrer Mutter, Ihnen die Briefe zu geben?
Anne Kirschner: Der Gedanke daran, wie sie als Kriegsbraut so kurz nach der Befreiung in New York angekommen ist und dann nichts über ihre Briefe sagte, nichts über ihr Leben während des Krieges, für die nächsten 50 Jahre, ist für mich immer noch unglaublich.

Ich spüre durchaus die Einsamkeit dieser Entscheidung – und diesen unbedingten Optimismus. Anders als die meisten Überlebenden heiratete sie keinen anderen Überlebenden. Wie schwierig muss es gewesen sein, sich selbst aus dem Kreis der Flüchtlinge auszuschließen, sich selbst neu zu definieren, alles um sich herum zu verändern, inklusive der eigenen Sprache. Sie zählte auf ihre Fähigkeit sich anzupassen und sich selbst neu zu erfinden.

Meine Mutter hätte einfach nur ein weiteres Opfer in der Geschichte sein können. Aber sie war imstande drei Entscheidungen zu treffen, die ihr Leben bestimmten: sie ging freiwillig anstelle ihrer Schwester ins Lager. Sie nahm die unvergleichliche Ala Gertner als ihre Mentorin an. Und sie entschied sich die wertvollen Briefe aufzuheben, sie zu beschützten in dem Glauben, sie könnten ihr ihre Individualität und Humanität inmitten von Erniedrigung und Tod des Lagers erhalten. Als die Briefe nach dem Krieg zwischen ihr und einem neuen Leben zu stehen schienen, brachte sie sie zum Schweigen. Um sie schließlich noch einmal preis zu geben – und damit mein Leben zu verändern.
Verlag: Hat sich die Beziehung zu ihrer Mutter verändert?
Anne Kirschner: Die Geschichte meiner Mutter zu erzählen war für uns beide eine Reise der Selbstentdeckung. Wenige Töchter lernen ihre Mutter als wagemutigen Teenager kennen, der in der feindseligsten aller Welten lebt, von den Eltern und einer eng verbundenen Gemeinde getrennt ist – und sogar seine Sprache verliert. Sie hat mich inspiriert. Das Buch eröffnete mir auch neue Wege, meine Liebe auszudrücken
Verlag: Wie konnten die Menschen in den Lagern Briefe empfangen?
Anne Kirschner: Es ist sehr wenig über das komplexe Netzwerk der Nationalsozialistischen Arbeitslager geschrieben worden, in denen die Bedingungen besser waren als in den Vernichtungslagern. Sala war in insgesamt sieben verschiedenen Arbeitslagern, die Teil der sogenannten Organisation Schmelt waren. Sie waren hauptsächlich Bauprojekten oder Fabriken angeschlossen. Bis spät in das Jahr 1943 war es den Gefangenen der Schmelt-Lager gestattet, Briefe und Päckchen zu erhalten. Sie wurden sogar über das reguläre Postsystem des Dritten Reiches verschickt. „Doch dann sollten wir die Briefe zurückgeben,“ erklärte Sala. „Man wurde geschlagen, wenn man mit irgendetwas Persönlichem erwischt wurde.“ Sie riskierte ihr Leben um die Briefe zu bewahren – versteckte sie vor den Wachen während der Appelle, übergab sie Freunden und vergrub sie sogar.
Verlag: Warum gibt es plötzlich mehr Bücher und Diskussionen über den Holocaust, von denen, zumindest einige, von den Kindern und sogar den Enkelkindern der Überlebenden geschrieben wurden?
Anne Kirschner: Dies scheint ein bedeutender Zeitpunkt zu sein: unsere Eltern sind in den 80ern (mögen sie 120 werden!); wir, die zweite Generation, sind im mittleren Alter; und unsere Kinder werden zu selbstständigen Erwachsenen. Wenn wir das Glück haben, gesund, produktiv und reflektierend zu sein, empfinden wir dies als eine wichtige Zeit der Neubeurteilung unserer Prioritäten – zumindest tue ich das.
Verlag: Ich nehme an, dies ist Ihr erstes Buch. Wie wurden Sie Schriftstellerin?
Anne Kirschner: Für „Sala’s Geheimnis“ half mir mein Studium (Literatur und Geschichte). Nach Beendigung meines Ph.D. in Princeton unterrichtete ich dann ein paar Jahre lang und geriet danach überraschend in die Welt der Medien und der Technologie. Meine abwechslungsreiche Karriere führte mich von Fernseh- und Technologieunternehmen zur National Football League (aber das ist eine lange Geschichte!). Während dieser Jahre schrieb ich als freie Schriftstellerin Artikel über verschiedenste Themen, aber als meine Mutter mir die Briefe gab, hoffte ich ein Buch zu schreiben, das meine historischen Entdeckungen mit der persönlichen Geschichte der Briefe verbindet.
Verlag: Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?
Anne Kirschner: Ich habe seit dem 4. Juli 1991 an den Briefen meiner Mutter gearbeitet, seit dem Tag, an dem sie mir eine Schachtel mit Briefen brachte. Bis zu diesem Moment wusste ich kaum etwas über ihr Leben während des Krieges und absolut nichts über die Sammlung von mehr als 350 Briefen, die sie gerettet hatte.

Als ich die Briefe bekam, wusste ich sofort, dass sie mein Leben verändern würden. Das Projekt dehnte sich aus. Ich wurde vom Archivar (die Übersetzung der Briefe organisieren) zum Historiker (Interviews mit meiner Mutter und anderen Überlebenden führen) und Forscher (in die Geschichte dieser Zeit eintauchen, um den weiteren Kontext zu verstehen). 1994 reiste ich mit meiner Mutter, meinem Vater und meinen beiden Brüdern zurück nach Europa. Wir gingen Sala’s Wege während des Krieges noch einmal zurück und besuchten alle sieben Lager. Es war eine außergewöhnliche Reise.
Verlag: Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Anne Kirschner: Als die Briefe 2006 erstmals in der New York Public Library gezeigt wurden, kamen über 25.000 Menschen um sie zu sehen. Wir wurden von Leuten kontaktiert, die über die Briefe schreiben, sie filmen und sie für kreative und wissenschaftliche Arbeiten nutzen wollten.

Das war wunderbar – ich merkte, dass ich in der einzigartigen Position war, Beteiligte und Beobachterin, Biografin und Historikerin, Tochter und Autorin zugleich zu sein. Was als persönliche Suche begonnen hatte, wurde zur Zeitgeschichte. Für mich war der Moment gekommen, die Geschichte selbst zu erzählen.

Weitere Informationen

Zum Autor

0 Artikel  0 €