Interview mit Barry Eisler

Auftragsmord im Dienste der CIA?

Thrillerautor Barry Eisler hat selbst drei Jahre lang für die CIA gearbeitet. Sein Einsatzort: Japan. Dort wurde er zur Antiterrorbekämpfung ausgebildet: im Umgang mit Waffen und Sprengstoffen, in Verhörmethoden und Kampftechniken und in der japanischen Sprache. Sein eigenes Leben dient als Vorlage für die Figur des »Tokio Killers« John Rain.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: Wie wichtig sind für den John Rain die Prinzipien, die er sich selbst gesetzt hat – keine Aufträge gegen Frauen, gegen Kinder und gegen unbeteiligte Dritte anzunehmen?
Barry Eisler: Diese Prinzipien sind sehr wichtig für ihn. Selbst für einen Killer wie Rain gibt es gewisse moralische Grenzen. Es muss ihm möglich sein, in den Spiegel zu sehen und zu denken: Du bist kein gewissenloser Mörder! Auch wenn diese Prinzipien für uns nicht besonders viel zu bedeuten scheinen – für Rain tun sie das. Er ist nämlich weit davon entfernt, ein anarchischer Killer zu sein.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: John Rain hat ein starkes Verlangen nach einem »normalen« Leben – Liebe, Sicherheit, Geborgenheit. Wie kämpft er dagegen an?
Barry Eisler: Lange Zeit hat er versucht, dieses Gefühl, dieses Verlangen zu ignorieren. Es existierte für ihn praktisch nicht. Zumindest war es ihm nicht vollständig bewusst. Die japanische Jazzpianistin Midori Kalmora weckt zum ersten Mal in ihm das Bedürfnis nach mehr, nach einem normalen Leben. Nachdem ihm das bewusst geworden ist, wird es für ihn schwieriger, dagegen anzukämpfen.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: Denken Sie, ohne Menschen wie John Rain wäre die Welt eine andere?
Barry Eisler: Ja. Auch wenn es keine schöne Vorstellung ist, denke ich wirklich, dass in allen Demokratien Dinge im Verborgenen geschehen. Dinge, die wir nicht kennen, nicht kennen wollen und vielleicht auch nicht kennen sollen, damit wir weiterhin sicher unter der Decke der Demokratie schlafen können. Ich weiß nicht, ob Demokratie funktionieren würde ohne solche Menschen wie John Rain.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: Die Art und Weise, wie John Rain tötet, ist sehr persönlich, denn er muss seinen Opfern gegenübertreten, sie »Auge in Auge« töten, damit die Tode natürlich aussehen. Warum verwendet Rain diese Methoden, anstatt anders vorzugehen – zum Beispiel mit Gift?
Barry Eisler: Er tut, was getan werden muss, je nachdem, wie die Umstände es erfordern. Um einen Mord »natürlich« aussehen zu lassen, gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Bisher hat er noch niemanden vergiftet, aber er hat schon mal einen Herzinfarkt mit Hilfe einer Injektion von Kaliumchlorid verursacht. Das ist nicht wirklich ein Gift, weil es ganz natürlich im Körper vorkommt. Aber wenn man jemandem davon eine hohe Dosis injiziert, verursacht es einen Herzstillstand. Das Problem ist, um einen Mord natürlich aussehen zu lassen, muss man ganz nah an sein Opfer rankommen – egal, mit welchem Mittel man arbeitet. Und jemanden von so nah zu töten ist natürlich etwas ganz anderes als aus der Ferne. Das ist das, was es für ihn so schwer macht: diese persönliche Nähe zu seinen Opfern.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: John Rain ist immer auf der Flucht. Wie wichtig ist es für ihn, Leute zu haben, denen er vertrauen kann?
Barry Eisler: Es ist sehr wichtig für ihn, ein paar Leute zu haben, denen er vertrauen kann. Schließlich ist er auch nur ein Mensch. Aber bei dem Leben, das er führt, ist es natürlich sehr schwierig für ihn. Umso mehr, als er bereits einige Male betrogen worden ist. Und betrogen zu werden heißt für ihn nicht, dass er heimkommt und seine Frau mit einem anderen im Bett findet. Wenn er betrogen wird, heißt das, dass jemand versucht, ihn zu töten. Der Preis für zu viel Vertrauen ist für John höher als für den Rest von uns. Das macht es so schwierig für ihn.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: John ist halb Japaner, halb Amerikaner. Wieso haben Sie diese spezielle Kombination gewählt?
Barry Eisler: Als ich das erste Mal die Idee zu dieser Figur von John Rain hatte, lebte ich in Japan. Dort habe ich Menschen kennen gelernt, die in zwei Kulturen zu Hause sind. Ich selbst war ja nur ein Besucher, und es war in Ordnung, dass man mich als solcher behandelte. Aber ich fragte mich, wie es wohl wäre, sich in Japan als Fremder zu fühlen, obwohl es deine eigene Heimat ist. Angenommen, du hast Eltern unterschiedlicher Herkunft, wächst in Japan auf, sprichst fließend japanisch und verstehst die Kultur, da es ja dein Mutterland ist. Weil du aber etwas anders aussiehst, behandeln dich alle wie einen Außenseiter. Diese Vorstellung hat mich zu der Figur von John Rain inspiriert. Denn eigentlich ist er nicht halb Amerikaner, halb Japaner. Eigentlich ist er beides ganz. Und trotzdem wird er in beiden Kulturen als Fremder behandelt. Das hat ihn bitter und zynisch werden lassen.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: Sie haben selbst drei Jahre für die CIA gearbeitet. Wie realistisch ist ein Charakter wie John Rain?
Barry Eisler: Ich habe ihn so realistisch wie möglich gemacht. Nicht nur seine Waffen und Taktiken – das stimmt alles. Alle seine Vorsichtsmaßnahmen, zu sehen, ob ihn jemand verfolgt, das alles habe ich selbst in meinem Training bei der CIA gelernt. Er kontrolliert jeden Raum, den er betritt: Wo lauert Gefahr? Wo sind die Ein- und Ausgänge? Wo kommt man am schnellsten raus? All das beherrscht sein Denken – ständig, rund um die Uhr. Ich versuche mich wirklich in ihn hineinzuversetzen, zu zeigen, was ihn antreibt. Und ich kann versichern, dass alle seine Taktiken realistisch sind.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: Warum haben Sie aufgehört, für die CIA zu arbeiten?
Barry Eisler: Die CIA ist ein sehr großer bürokratischer Apparat. Wenn Sie sich meine Biographie anschauen, sehen Sie, dass ich zunächst für die amerikanische Regierung tätig war – eine der größten Organisationen überhaupt. Danach habe ich für eine Anwaltskanzlei mit sechshundert Mitarbeitern gearbeitet, und dann bei einem vierköpfigen jungen Unternehmen im Silicon Valley. Jetzt endlich arbeite ich nur für mich alleine, was mir bisher am besten gefällt und meiner Persönlichkeit am ehesten entspricht.
Martin Schöne für 3sat Kulturzeit: Was können Sie zu den Beziehungen der Geheimdienste untereinander sagen?
Barry Eisler: Das ist etwas, was durch den 11. September offensichtlich wurde: wie schlecht und unzureichend die Geheimdienste zusammenarbeiten. Das FBI ist für die Verbrechensbekämpfung im Inland zuständig, die CIA für das Ausland. Da die Anschläge vom 11. September von außen geplant wurden, aber innerhalb der USA stattgefunden haben, haben sowohl FBI als auch CIA ermittelt. Dabei haben sie jedoch nicht miteinander kommuniziert, die einzelnen Puzzleteile nicht ergänzt. Das ist sicherlich ein Problem der Geheimdienste überhaupt. Seit dem 11. September arbeitet die amerikanische Regierung hart daran, dieses Problem zu beheben. Allerdings ist noch kein konkretes Ergebnis zu erkennen – das müsste es aber, wenn die Terrorbekämpfung funktionieren soll. Nicht nur in den USA, sondern überall in der Welt.

Mr. Eisler, vielen Dank für dieses Gespräch.


Die Fragen stellte Martin Schöne für 3sat Kulturzeit.
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