Interview mit Carolina De Robertis

›Die unsichtbaren Stimmen‹ umfasst ein ganzes Jahrhundert südamerikanischer Geschichte und beschreibt das Schicksal dreier Frauen einer Familie. Im Interview erzählt Autorin Carolina De Robertis, deren Eltern aus Uruguay stammen, von der Entstehung ihres Debütromans.
Krüger Verlag: Wie sind Sie auf die Idee gekommen ›Die unsichtbaren Stimmen‹ zu schreiben?
Carolina De Robtertis: Ich habe als Geschichtensammlerin angefangen. Als ich zwölf war, hat mein Vater mir sämtliche Geschichten erzählt, die er über unsere Familie kannte, bis zurück zu den Ur-Urgroßeltern in Italien. Er hatte die Hoffnung, dass ich eines Tages ein Buch daraus mache. Ich habe mir die Geschichten angehört und sie in mir herumgetragen, bis sie irgendwann aus mir heraussprudelten. Eigentlich habe nicht ich die Idee zu dem Buch gehabt, sondern das Buch hat mich ausgesucht.
Krüger Verlag: Ihr Roman beginnt mit der Geschichte von Pajarita – einer starken Frau, die die Familie zusammenhält. Basiert diese Figur auf einem Mitglied Ihrer Familie?
Carolina De Robtertis: Ich habe verschiedene Elemente aus den Stammbäumen meiner Mutter und meines Vaters genommen und miteinander verwoben, um mit den Firiellis eine neue Familie zu schaffen. Pajarita ist meiner Urgroßmutter mütterlicherseits nachempfunden, die im ländlichen Uruguay aufgewachsen ist. Mit siebzehn wurde sie von einem italienischen Einwanderer weggeholt und in die Stadt mitgenommen. Für diesen Mann, der mit einem Jahrmarkt durch die Gegend tingelte, war sie die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Die beiden bekamen sechs Kinder, und sie blieb ihrem Mann immer treu, auch wenn er oft tage- oder monatelang verschwand, um »Abenteuer« zu erleben, wie es in der Familientradition genannt wurde.
Krüger Verlag: Auch Pajaritas Tochter Eva ist eine besondere Frau ...
Carolina De Robtertis: Eva ist von meiner Großmutter väterlicherseits inspiriert, die aus Argentinien stammte. Sie war Dichterin und hat zwei Sammlungen mit Gedichten veröffentlicht. Weil sie außerdem extrem hypochondrisch war, litt sie immer wieder an unerklärlichen Lähmungserscheinungen. Als sie meinen Großvater kennenlernte, war sie in einem Krankenhaus in Buenos Aires. Sie saß gelähmt
im Rollstuhl, und er war ihr Arzt. Meiner Großmutter hat er Placebos verabreicht, woraufhin sie sich aus ihrem Rollstuhl erhob und wieder laufen konnte. Er heiratete sie – und nicht die wesentlich respektablere Frau, die seine Familie für ihn ins Auge gefasst hatte.
Von Perón wurde das Paar ins Exil geschickt, allerdings aus anderen Gründen als im Buch, und sie gingen nach Uruguay.
Krüger Verlag: Evas Tochter Salomé ist die Frau mit dem radikalsten Charakter in diesem Buch. Sie wird zur Rebellin. Können Sie sich mit Salomé identifizieren?
Carolina De Robtertis: Ja, tatsächlich, in der Geschichte der Salomé kann ich mich am ehesten wiederfinden, auch wenn ich nicht ihr Leben gelebt habe. In ihrem Wunsch, ein authentisches Leben zu führen, betritt Salomé verbotenes Terrain. Die Figur basiert auf einer Schulfreundin
meiner Mutter, die sich schon als junges Mädchen den Tupamaros anschloss. Sie saß 14 Jahre im Gefängnis und brachte dort ein Kind zur Welt. Ich weiß noch, wie 1985 die Diktatur endete und meine Mutter erfuhr, dass ihre Freundin freigelassen wurde. Das war alles sehr bewegend für uns.
Krüger Verlag: »Die unsichtbaren Stimmen« sind so lebendig in Ihren Schilderungen – man kann fast sehen, riechen und hören, wo man sich gerade befindet. Wie haben Sie das geschafft?
Carolina De Robtertis: Ich habe nur verschwommene Erinnerungen an meine erste Reise nach Uruguay. Damals war ich vier Jahre alt. Bei der nächsten Reise war ich sechzehn; meine Eltern schickten mich allein los, und diese Erfahrung hat mein Leben völlig umgekrempelt. Ich kam nach Hause, erfüllt von Bildern, Klängen, Gerüchen, Dingen und Beziehungen. Das hat meinen Blick auf die Welt und meinen Umgang mit ihr von Grund auf verändert – und auch meinen Ort in der Welt. Die Sehnsucht, dorthin zurückzukehren, hat mich seither nie mehr losgelassen. Als ich erwachsen war und der Drang, »Die unsichtbaren Stimmen« zu schreiben, immer stärker wurde, fuhr ich wieder nach Uruguay. Bei jeder Reise vertiefte sich der Kontakt zu meinen Verwandten dort, und ich machte die Art
von Forschungsarbeit, für die man alle seine Sinne braucht: Ich atmete die Gerüche der Straßen ein, ich beobachtete Menschen, ich hörte die Lieder, die gesungen wurden.
Krüger Verlag: Gab es Autoren oder Bücher, die Sie bei Ihrem Schreiben beeinflusst haben?
Carolina De Robtertis: Mit 13 Jahren entdeckte ich Gabriel García Márquez, Milan Kundera und andere Schriftsteller, die mir ein völlig neues Universum eröffneten – es war wie eine Explosion. Von ihnen habe ich gelernt, was eine Geschichte sein kann. In dieser Phase suchte ich immer
einen Roman, der mir einen Zugang zu Uruguay ermöglichen würde, zu diesem Land, in dem meine Wurzeln waren. Mit Mitte zwanzig war ich schließlich besessen von der Idee, dieses Buch selbst zu schreiben: Plötzlich sah ich eine Möglichkeit, den Weg
zurück zum verlorenen Erbe meiner Vorfahren zu finden.
Krüger Verlag: Sie haben über ein Land geschrieben, das durch die Unruhen des 20. Jahrhunderts stark erschüttert wurde. Mussten Sie dafür sehr viel recherchieren?
Carolina De Robtertis: Ja. Ich war in vielen verschiedenen Bibliotheken, habe unzählige Bücher gelesen und Menschen gefragt, die mehr wissen als ich. Toni Morrison, deren historische Romane für mich eine wichtigste Inspirationsquelle sind, hat einmal gesagt: »Ich versuche nur, etwas anzusehen, ohne zu blinzeln. Ich versuche, genau hinzuschauen, um herauszufinden, wie es war oder wie es hätte sein können und inwiefern es etwas damit zu tun hat, wie wir heute leben.« Für mich war es ganz entscheidend, der Geschichte Uruguays ins Auge zu sehen, ohne zu blinzeln.
Krüger Verlag: Woran arbeiten Sie zurzeit?
Carolina De Robtertis: Ich arbeite an meinem zweiten Roman, der im Argentinien der Gegenwart spielt. Es ist die Geschichte einer jungen Frau, die ein schreckliches Geheimnis über ihre eigene Kindheit entdeckt. Die Suche nach ihrer Identität führt sie zurück in die 70er-Jahre zu den Fällen der »Desaparecidos«, der Verschwundenen, der vielen Menschen, die während der Militärdiktatur verschollen sind und von denen man bis heute nicht weiß, was aus ihnen geworden ist.

Weitere Informationen

Zum Autor

0 Artikel  0 €