Interview mit Marlene Streeruwitz

Die vielen Millionen auf der Bank in Luxemburg reichen nicht. Der Held dieses abgründigen, in rasanten Bildern erzählten Romans macht sich auf, zu den Allerreichsten der Welt zu gehören. Dazu beendet er das bisherige Leben, aus dem sein Reichtum hervorgegangen ist. Er verlässt Wien und seine Frau, die Kinder und sogar seine Therapeutin. Eine Schönheitsoperation eröffnet sein neues Leben. So verändert begibt er sich zur Erholung nach Venedig und trifft auf den Lyriker Gianni, der ihm mit seiner Kunst die endgültige Verfügbarkeit der Welt offenbart. Er benötigt nur noch die private Basis, sich uneingeschränkt dem Begehren nach Geld und Macht hinzugeben. Eine neue Frau wird gesucht. In der noblen Heiratsvermittlung der Frau Zapolska in Zürich findet sich eine passende Kandidatin und schon beginnen die Anwälte, die Verträge zu entwerfen. Die Form der Zeugung wird zum juristischen Problem. Sollen die Kinder künstlich oder natürlich entstehen? Francesca besteht auf künstlicher Befruchtung. Aber dann stellt sich überhaupt die Frage, was Francesca für eine Rolle spielt und ob sie nicht eine Agentin aus seiner Vergangenheit ist. Plant sie ein Komplott gegen ihn? Greift sie nach seinem Reichtum? Geht es um sein Leben?

Drei Wochen nach der Wahl von Nicolas Sarkozy zum französischen Präsidenten im Mai 2007 begann Marlene Streeruwitz diesen neuen Typus des mächtigen Mannes zu erforschen. Die Form des Romans, das Verschränken und Beschreiben von Motivketten, das detailgenaue Nachzeichnen eines Gedankenflusses, sind das poetische Instrument, mit dem die Autorin einer Persönlichkeit auf den Grund geht, für die Macht und Geld nicht mehr Mittel oder Standessymbole sind, sondern sexuelle, seelische und ästhetische Komponenten des Selbst.
Verlag: Frau Streeruwitz, zum ersten Mal spielt in Ihrem Werk ein Mann die Hauptrolle. Gehen Sie neue Wege?
Marlene Streeruwitz: Ach. Das ist ja nur eine andere Brennweite, die in „Kreuzungen.“ gewählt ist und die sich auf allen Textebenen auswirkt. Mein Projekt ist doch die Frage, wie der Schmerz in die Leben gerät. Da ist es nur konsequent, sich der Macht zuzuwenden und zu erforschen, wie Macht gemacht wird und was sie selber zu leiden hat. Figuren wie Max in „Kreuzungen.“ sind in allen meinen Romanen bereits aufgetreten. Diesmal ist das Zentrum der Macht der Ort des Romans und nicht die Peripherie wie bisher. Das ist ein konsequenter Weg der Erforschung. Helene in „Verführungen.“ war wohl die Figur, die sich an die äußerste Peripherie gedrängt finden musste. Margarethe in „Nachwelt.“ geht in der Geschichte der Exilanten den Spuren der Macht in Form des Dritten Reichs nach. Madeline Aschers Leben in „Partygirl.“ ist von dieser Macht gezeichnet. Jessica in „Jessica,30.“ nimmt den Kampf gegen die Korruption der politischen Macht und ihre Auswirkungen im Privaten auf. Selma in „Entfernung.“ war selbst im Zentrum und muss nach dem Verlust der Macht mit der Einsamkeit und der Erkenntnis der Gestürzten fertig werden. In „Kreuzungen.“ wird der Frage nachgegangen, wie materielle Macht gelebt wird. Unter den derzeitigen Bedingungen ist eine Männerfigur da die logische Lösung.
Verlag: Die Hauptfigur ist Unternehmer und Investor, ein schwerreicher Mann. Sie zeigen ihn aber ausschließlich von seiner privaten Seite. Warum?
Marlene Streeruwitz: In meinen Romanen gibt es nicht Haupt- und Nebenfiguren. Das, was Sie als Hauptfigur bezeichnen, ist durch die auf diese Figur bezogene Erzählweise die einzige Figur. Diese Figur ist ein Wahrnehmungszentrum, durch das die Welt geschildert wird. Der Leser und die Leserin nehmen über diese Figur an deren Welterfahrung teil. Das, was gemeinhin als Nebenfiguren bezeichnet wird, sind über diese Wahrnehmung beschriebene andere Figuren, die in keiner Weise einer auktorialen Hierarchie unterliegen. Der Auftritt anderer Personen erklärt sich aus der einen geschilderten Figur und deren Konfiguration. Das heißt, dass die Figur des Romans die Funktion einer sekundären Erzählerposition übernimmt und über die primäre Erzählerposition in einen doppelten Abstand zur Autorin gerät. Darin aber wieder liegt die Möglichkeit, beim Lesen zwischen diesen beiden Instanzen einen jeweils eigenen Standpunkt einzubringen, der über die Beurteilung der geschilderten Figur entscheiden kann. Das ist emanzipatorische Ästhetik. Der Inhalt wird so dem Leser und der Leserin zur Disposition übergeben. Das ist eine Auslieferung, weil das Material dem Verständnis ausgesetzt wird. Als Material einer Erforschung der Macht kann nur das Private dienen. Nur noch Fallgeschichten sind in der Lage, den in der Zweidimensionalität der Medien verlorenen Erzählfaden nachzustellen. Da es in der Erzählung nach wie vor darum gehen muss, wie gelebt und wie gestorben wird, weil das die Wahrheit ist, kann eine Wahrheitssuche nur diesen „Dingen des Lebens“ nachgehen.
Kreuzungen.
S. FISCHER
gebunden
Verlag: Eine zentrale Frauengestalt ist die Analytikerin des Helden. Welche Rolle spielt die Psychoanalyse?
Marlene Streeruwitz: Die Psychoanalyse tritt hier als eine der Kulturtechniken auf, die, weiß man sich ihrer zu bedienen, bei der Selbsterfindung hilfreich sind. Wenn eine Optimierung des Selbst Voraussetzung für die Eroberung von Macht und Mitteln ist, dann muss die Psychoanalyse eingesetzt werden. Da ist diese Figur nicht anders zu sehen als jeder Sportler, der sich von sich selbst entlasten muss und Begründungen für sein Versagen finden will, damit er in der Selbstoptimierung Behinderungen durch ein falsches Selbst abbauen kann. Wie zu jeder Zeit bleibt die politische Frage zu stellen, wofür Kulturtechniken angewendet werden. Das aber ist eine Frage, die der Leser und die Leserin sich oder der Welt stellen muss.
Verlag: Was bedeuten Ihnen die Schauplätze, die Sie gewählt haben: Wien, Venedig, Zürich und London?
Marlene Streeruwitz: Der Held geht aus der Verliererstadt Wien weg. Zwei Weltkriege, eine Besatzung, drei Ideologien, immer hat man hier verloren. Er will dahin, wo die Macht sich ballt. Das ist London. Bevor er endgültig dorthin zieht, verfällt er noch ein Mal dem nostalgischen Zauber Venedigs, der für uns alle mit privaten Erinnerungen gefüllt ist. Zürich ist die Erinnerung an Neutralität und den Luxus daraus. Aber wie das ja auch in der Wirklichkeit ist, stellt sich das als fauler Zauber heraus, und er flüchtet von da in die Welt, die er versteht und die er will. Das globalisierte, nur von Geld bestimmte London.
Verlag: Der Romantitel »Kreuzungen.« lässt viele Assoziationen zu: Straßenkreuzung, Auskreuzen, Kreuzigung, Mischwesen. Der Text selbst legt die Bedeutung des Titels nicht eindeutig fest. Ist Ihnen diese Offenheit wichtig?
Marlene Streeruwitz: Ich würde noch ergänzen: Kreuzweg, Wegkreuzung und Kreuzung als biologische Technik, vollkommen neue Wesen herzustellen. Nun ist diese Person schon eine Selbsterfindung und hat in vielen und mühseligen Prozessen sich selbst in Kreuzungsverfahren und Zeugungsakten von Kulturtechniken hergestellt. Bei der Frage der Zeugung seiner nächsten Töchter ist offen, in welcher Kreuzungstechnik diese Zeugung vor sich gehen soll. Und dann gibt es die Geschichte von Kafka „Eine Kreuzung“.

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