Interview mit Michael Gantenberg

Michael Gantenberg (geboren 1961) war WDR-Radiomoderator, Gastgeber des Satiremagazins »Extra 3« und schrieb u.a. für DIE ZEIT und die FAZ. Für die RTL-Komödie »Ritas Welt« erhielt er den Grimme-Preis und den Deutschen Fernsehpreis. Er entwickelte »Alles Atze« und »Nikola« und arbeitete als TV-Autor für den »Großen Deutschtest« (mit Hape Kerkeling). Michael Gantenberg lebt mit seiner Familie in der Nähe des Sauerlandes. ›Neuerscheinung‹ ist sein erster Roman.
Scherz Verlag: Herr Gantenberg, wann kamen Sie auf die Idee, ausgerechnet über einen Lokalredakteur und die Schwester von Jesus zu schreiben?
Michael Gantenberg: Der Lokaljournalismus ist mir sehr vertraut, die Schwester von Jesus aus nahe liegenden Gründen überhaupt nicht. Daraus entstand der Wunsch, Vertrautes mit Unbekanntem zu verbinden. Ich habe dann angefangen, diesen Roman zu schreiben und mit jeder Seite mehr über das Thema erfahren. Das hat sich irgendwann so verselbstständigt, dass ich selber wissen wollte, wie das ausgeht ... Am Ende wusste ich es dann.
Scherz Verlag: Der Ort Muenden, in dem Ihr Held Paul Elmar lebt, liebt und arbeitet, ist fiktiv und mit der Wirklichkeit nicht zu verwechseln, oder?
Michael Gantenberg: Muenden in Westfalen ist überall, in Dortmund, Soest, Bielefeld, Meschede und Hannover und sogar in Hillentrup. Rein geografisch wird man Muenden [ohne ü] allerdings vergeblich auf der Landkarte suchen. Aber wie das so ist mit dem Fiktiven, das Leben kann man nicht erfinden, es ist ja schon da ... auch und gerade in Muenden. Ich selber habe sehr lange in Großstädten gelebt und fahre noch heute oft hin, eigentlich immer nur, um Geld zu verdienen oder auszugeben. Richtig leben aber möchte ich jetzt nur noch ganz weit draußen. In einem überschaubaren Kosmos, mit viel Natur und mit Menschen, die ich wirklich kenne. Ich bin hier mittlerweile so verwurzelt, dass man mehrere Kettensägen bräuchte, um mich zu entfernen. Und mir ist auch klar geworden, dass ich nur hier dauerhaft schreiben kann.
Eine Alternative wäre noch eine Insel oder wenigstens irgendwas an der Küste. Es hat etwas Beruhigendes, wenn man den großen Blick riskieren und entspannt genießen kann, ohne vor eine Häuserwand zu prallen. Ich muss gucken können, um zu schreiben. In diesem Fall gilt:
Standortvorteil Provinz.
Scherz Verlag: Sie schreiben seit Jahren Drehbücher fürs Fernsehen. Hatten Sie für einen Debütroman zu viele Ideen oder zu wenig Zeit?
Michael Gantenberg: Ich wollte unbedingt etwas machen, ohne mich am nächsten Tag zwingend nach der Einschaltquote erkundigen zu müssen. Und die Zeit für diesen Roman habe ich mir einfach mal genommen. In den letzten Jahren habe ich kaum etwas mehr genossen als diese Arbeit an meinem Buch. Selbstbestimmt, eigenverantwortlich und zu jeder Sekunde der alleinige Entscheidungsträger. Beim Fernsehen ist das völlig anders. Das Einzige, was ein Drehbuchautor dauerhaft alleine entscheiden darf, ist die Seitennummerierung seines Skripts. Die Arbeit mit meinem Lektor war dann das nächste Highlight. Man ist es ja als Fernsehfuzzi schon gar nicht mehr gewohnt, dass jemand sich richtig Zeit für deine Arbeit nimmt und ihr dann auch noch mit Respekt begegnet. Mir war ziemlich schnell klar, dass sich das unbedingt wiederholen muss. Und wenn nichts Gravierendes passiert, wird das auch geschehen.
Scherz Verlag: Wie steht’s bei Ihnen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie?
Michael Gantenberg: Mein Idealzustand ist die perfekte Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Leider hindern mich Daueraufträge, Lastschriftverfahren, Hunger, Durst und der unbedingte Wunsch, regelmäßig, leidenschaftlich und gerne Steuern zu zahlen, diesen Idealzustand dauerhaft zu realisieren.
Scherz Verlag: Gab es denn einen Plan B bei der Berufswahl?
Michael Gantenberg: Oh ja, den gab es. Eigentlich wollte ich Medizin studieren. Ein paar Jahre als Nachtwache in einem Krankenhaus haben mich dann aber für alle Zeiten davon befreit, diesen Wunsch
ernsthaft zu verfolgen. Eine kleine Abweichung meines Abi-Durchschnitts spielte aber auch eine Rolle. Ich danke den Lehrern am Goethe-Gymnasium in Bochum noch heute für mein Scheitern am Numerus Clausus.
Scherz Verlag: Sind Sie eigentlich so ein Typ wie Paul Elmar Litten?
Michael Gantenberg: Wenn ich Paul Elmar Litten bin, dann ist jeder zweite Krimiautor ein Mörder. Gut, wenn ich etwas länger nachdenke, entdecke ich schon einen Hauch von Paul Elmar in mir. Wir schreiben beide, und wir leben beide davon, das reicht aber auch schon für ein öffentliches Geständnis. Ansonsten – ich war nie in meinem Leben Leistungsschwimmer, und ich war noch nie irgendwo fest angestellt, und ich lebe nicht in Muenden ... das gibt es auch gar nicht.
Scherz Verlag: Aber im TV-Bereich haben Sie eher ein Faible für Frauengeschichten?!
Michael Gantenberg: Passiv oder aktiv? Ja, es stimmt, im Fernsehen hatte ich als Drehbuchautor schon den einen oder anderen Erfolg mit reinen Frauengeschichten. Ich habe mit zwei weiteren Kollegen Fernsehformate wie »Ritas Welt« oder »Nikola« geschrieben, sehr starke Frauencharaktere, aber das hat sich so ergeben, vielleicht auch, weil niemand meine starken Männer haben wollte. Schon schön, dass jetzt mal ein Paul Elmar an die Front darf. Obwohl – irgendwie geht es ja dann doch auch wieder um eine Frau ...
Scherz Verlag: Um was wird es in Ihrem nächsten Roman auf keinen Fall gehen?
Michael Gantenberg: Wahrscheinlich weder um die Vermessung noch die Tore der Welt, auch nicht um Feuchtgebiete, Diäten, Vampire, Tanzveranstaltungen, um mich, dich und all die anderen
Themen, die ich entweder völlig uninteressant finde, oder aber bei denen ich davon ausgehen muss, dass andere Autoren sie viel besser umsetzen können als ich.
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