Interview mit

Philip Hawley Jr. wurde in Portland, Oregon, geboren und wuchs in Südkalifornien auf. Als eines von acht Kindern flüchtete er sich häufig hinter die elterliche Garage, um dort seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Lesen. Alistair MacLean, Frederick Forsyth oder Robert Ludlum gehörten schon früh zu seinen Lieblingsautoren, die er verschlang. Er studierte Medizin, besitzt aber auch einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften. Er arbeitet heute als Kinderarzt und lebt mit seiner Frau und seinen Kindern in Los Angeles.
Fischer Verlag: Dr. Hawley, soeben ist Ihr Thriller ›Infektion‹ auf dem deutschen Markt erschienen. Sie sind aber von Haus aus eigentlich Kinderarzt. Wie kamen Sie auf die Idee einen Thriller zu schreiben?
Hawley: Nun, angefangen hat das Ganze in einem Moment schierer Verblendung. Ich hatte gerade Robert Ludlums Thriller ›Das Matarese-Mosaik‹ gelesen und dachte, hey, das kann ich auch. Das war natürlich an Ignoranz und Naivität nicht zu überbieten, und welche Leistung Robert Ludlum vollbracht hatte, merkte ich erst, als ich anfing, selbst zu schreiben. Und ja, warum ein Thriller? Dieses Genre, besonders das klassische Szenario des einsamen Helden, der in Gefahr gerät und sich gegen das Böse behaupten muss, liefert so fruchtbare und scheinbar unbegrenzte Möglichkeiten für einen Schriftsteller. Wenn es gut gemacht ist, also wenn mir der Autor eine spannende und dramatische Geschichte erzählt und Charaktere beschreibt, mit denen ich mitgehe, dann ist dieses Genre eigentlich die ideale literarische Form.
Fischer Verlag: Wie viel von Ihnen selbst steckt in Ihrer Hauptfigur Luke McKenna?
Hawley: Ich bin in meinem Leben ein einziges Mal im Krankenhaus von einem Mann mit einem Messer attackiert worden, zwei Mal von bewaffneten Gang-Mitgliedern in Los Angeles angepöbelt worden und einmal wurde auf mich geschossen. Aber in all diesen Fällen bestand keine Lebensgefahr. Und entgegen anderslautenden Meldungen tragen die wenigsten Kinderärzte versteckt Waffen mit sich herum.
Fischer Verlag: Können Sie sich noch an die Situation erinnern, als Luke McKenna in Ihrem Kopf geboren wurde?
Hawley: Luke McKenna wurde von der einen auf die andere Minute geboren, als ich Nachtschicht in der Notaufnahme des Kinderkrankenhauses in L.A. hatte. Zunächst dachte ich daran, eine Kurzgeschichte zu schreiben, doch dann entwickelte sich dieser Gedanke wie von selbst zu einem der ersten Kapitel des Buches. Die Figur von Luke ist für mich sehr interessant, ein vielschichtiger, komplexer Charakter, vieles, was ihn bewegt, versucht er zu verbergen, und diese verborgenen Charakterzüge ans Tageslicht zu bringen, war eine wunderbare Erfahrung beim Schreiben.
Fischer Verlag: Sie waren selbst schon in Mittelamerika bei indianischen Stämmen, um mitzuhelfen, die medizinische Versorgung zu verbessern. Was hat Sie dort am meisten beeindruckt?
Hawley: Ganz ohne Frage war eine der herausragendsten Erfahrungen, die ich mit einigen Maya-Stämmen gemacht habe, deren Gelassenheit. Sie alle leben in kleinsten Hütten, besitzen nur das Nötigste zum Anziehen, haben ein bisschen Getreide, was nebenan wächst. Bei ihnen gibt es nichts von den alltäglichen Annehmlichkeiten, wie fließendes Wasser oder Strom, an die wir so gewöhnt sind. Außerdem sind ansteckende Krankheiten weit verbreitet und sie haben wenig bis gar keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Und trotzdem nehmen sie jeden Tag so wie er ist mit einem immerwährenden Lächeln. Ich war so arrogant zu glauben, dass ich nach Mittelamerika reisen würde, um dort mit Leuten zu arbeiten, die meine Hilfe benötigten. Wie es sich herausstellte, war ich derjenige, dem Hilfe angeboten wurde. Die Mayas zeigten mir, dass das Leben heilig ist und sie lehrten mich, unbedingt an das Gute im Menschen zu glauben.
Fischer Verlag: Welches waren Ihre schlimmsten Momente dort?
Hawley: Das Schlimmste waren die Augenblicke, in denen ich erkannte, dass ich einem Patienten nicht helfen konnte, weil einfach die notwendige Medizin oder die erforderliche Ausrüstung fehlten. Den Eltern erklären zu müssen, dass ich ihr Kind nicht gesund machen konnte, obwohl es mit den richtigen Medikamenten wieder vollkommen hätte genesen können, das ist eine Erfahrung, auf die sie dich an der Universität nicht vorbereiten. Manchmal war das Gefühl der Ohnmacht schier übermächtig. Die andere schlimme Erfahrung war die, Guatemala wieder verlassen zu müssen. Als der Moment des Abschieds kam, konnte ich es einfach nicht fassen, wieder fort zu müssen.
Fischer Verlag: Sie beschreiben in ›Infektion‹ die fixe Idee eines Forschers, der eine der schlimmsten Krankheiten unserer Zeit, nämlich die Malaria, mit Hilfe von Moskitos ausrotten will. Vor ein paar Wochen fanden wir hier in einem Wissenschaftsmagazin einen Artikel zu genau einem solchen genetischen Projekt. Halten Sie das für möglich und was wären die Risiken?
Hawley: Ohne mich hier als Fachmann aufspielen zu wollen, so scheint doch eine Sache klar zu sein: Die Erfolge in der genetischen Forschung, verbunden mit der dem Menschen angeborenen Neugier und seinem offensichtlich nicht aufzuhaltenden Drang, an etwas herumzuspielen bzw. zu manipulieren, werden uns, da bin ich mir sicher, noch zu unseren Lebzeiten neue Lebensformen bescheren. Obwohl es noch Jahre dauern wird, bis sich erste ernstzunehmende Erfolge einstellen werden, so glaube ich doch, dass die Arbeit, die bereits jetzt in diesem Bereich an vielen Universitäten der Welt geleistet wird, letztendlich doch zur Besiegung der Malaria-Krankheit führen wird. Natürlich bin ich zum Teil froh über diese Aussichten, denn Malaria ist und bleibt eine der großen globalen Herausforderungen unserer Zeit. Weltweit ist sie für jeden dritten Todesfall verantwortlich. Andererseits muss man sich natürlich über mögliche, nicht gewollte Konsequenzen Gedanken machen. Ich glaube, dass sich die gesamte Menschheit bereits in naher Zukunft mit einigen prekären moralischen Themen wird beschäftigen müssen, obwohl niemand sich im Moment wirklich damit auseinandersetzen möchte. Wir kommen gefährlich nahe an die Grenze, wo wir das innere Gleichgewicht der Natur stören, und ich kann nicht erkennen, dass diese Risiken so deutlich und aufmerksam diskutiert werden, wie das eigentlich der Fall sein sollte. Diese Themen sind schwierig und komplex, und es gibt keine einfachen Antworten. Aber wenn wir nicht bald die Grenzen definieren, hinter die wir nicht schauen und gehen wollen (und sollten), dann fürchte ich, dass sich die Büchse der Pandora nur allzu schnell öffnen könnte.
Fischer Verlag: Schreiben Sie schon an Ihrem nächsten Buch?
Hawley: Ja, aber bitte fragen Sie mich nicht, was ich genau vorhabe. Irgendwie scheinen sich meine Geschichten im Unterbewussten abzuspielen, und ich sehe immer nur einige Szenen daraus vor mir.
Fischer Verlag: Welchen Rat würden Sie angehenden Schriftstellern mit auf den Weg geben?
Hawley: Ich weiß nicht, ob ich der Richtige bin, um diese Frage zu beantworten, denn bis jetzt habe ich erst ein Buch geschrieben. Aber einen Ratschlag würde ich doch geben: Schreiben Sie jeden Tag und lesen Sie gute Bücher. Oder, wie Somerset Maugham einmal sagte: »Es gibt drei Grundregeln, um einen Roman zu schreiben. Nur weiß leider niemand, wie sie heißen.«

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