Interview mit Zsuzsa Bánk

Jürgen Hosemann: Frau Bánk, Sie sind gelernte Buchhändlerin. Wenn Sie noch selbst im Laden stehen würden – wüssten Sie mit welchen Worten Sie Ihren neuen Roman ›Die hellen Tage‹ einem noch unentschlossenen Leser vorstellen würden?

Zsuzsa Bánk: Ich würde sagen, hier wird eine Kindheit in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts beschrieben, in einer kleinen süddeutschen Provinzstadt. Es geht um die ewig um den Menschen kreisenden Themen Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung, Schicksal oder Zufall. Drei Kinder finden sich und schließen Freundschaft fürs Leben. Gegen alle Widerstände und trotz vieler Enttäuschungen bleiben sie einander nah bis ins Erwachsenenalter, sind unersetzlich füreinander. Drei Familiengeschichten werden parallel erzählt, irgendwann beginnen sie, ineinander zu greifen, die Lebenslinien kreuzen sich, ein Figurenkarussell beginnt sich zu drehen. Aus vielerlei Dreiecken ist der Roman gebaut, die Familien setzen sich jeweils aus drei Figuren zusammen. Dreiecksbeziehungen werden geflochten, nicht nur die Kinder, auch ihre Mütter bilden ein Dreieck, sie gehen langsam aufeinander zu, überwinden ihre Vorbehalte und lernen einander zu stützen. Am Anfang stand für mich die Frage, was ist dem Menschen zuzumuten, und inwieweit sind wir überhaupt in der Lage, uns von unserer Kindheit zu befreien. Kurzum: Was bestimmt eigentlich unsere Lebenswege?

Jürgen Hosemann: Ihr erster Roman ›Der Schwimmer‹ war ein großer Erfolg. Über 150.000 verkaufte Exemplare, zahlreiche Übersetzungen, eine lange Lesereise. Sie haben für dieses Buch den Deutschen Bücherpreis in Leipzig erhalten, den aspekte-Literaturpreis, den Jürgen-Ponto-Preis, den Mara-Cassens-Preis, den Adelbert-von-Chamisso-Preis. Haben Sie Angst davor, mit dem neuen Buch den Erwartungen nicht gerecht werden zu können?

Zsuzsa Bánk: Nein, ich habe keine Angst, eher eine Ahnung, dass ich den Erwartungen gar nicht gerecht werden kann. Ich habe keinen zweiten »Schwimmer« geschrieben, auch wenn es unverkennbar mein Ton ist und sich vieles wiederfindet. Die Natur spielt auch hier eine große Rolle, Sommerfelder, Herbstgewitter, der nahe Wald mit seinem Badetümpel, die grünen Hügel, über die der Heilige Franz schwebt, überhaupt der Himmel, die Jahreszeiten, die manchmal Vorboten sind, manchmal Beschleuniger. Vielleicht sind sogar Figuren ähnlich, ihre Mischung aus Melancholie und Skurrilität, die vielen schrägen Details, die im Leben verlorenen Menschen. Es scheinen oft ähnliche Frauentypen zu sein, die ich entwerfe, ihr Kampf und ihr Zerriebensein zwischen Anpassung und Selbstbestimmung, zwischen Demut und Aufbegehren. Der traumwandlerische Ansatz ist geblieben, das fließende, kreisende Schreiben, überhaupt der melancholische Beschwerdeton über das Leben, der Vorwurf, den ich dem Leben immer wieder mache, dass es uns nicht in Frieden leben lässt, sondern sich immer neue Dinge ausdenken muss, um uns zu quälen. Auch ›Die hellen Tage‹ sind davon durchdrungen.

Jürgen Hosemann: ›Der Schwimmer‹ ist 2002 erschienen und 2005 noch ein Erzählungsband, ›Heißester Sommer‹. Wie ist Ihr Leben in den letzten Jahren verlaufen?

Zsuzsa Bánk: ›Helle Tage‹ ist in dreieinhalb Jahren entstanden. Zweieinhalb Jahre lang habe ich diesen Roman geschrieben, dann überarbeitet, in einer endlos scheinenden Wiederholungsschleife vom ersten bis zum letzten Satz, und dann wieder von Anfang an, bis ich auf vierhundert Manuskriptseiten nichts mehr fand, das ich hätte streichen, wegnehmen, verändern können. In den Jahren davor war ich mit beiden Büchern jeweils lange auf Lesereise, mit dem ›Schwimmer‹ fast ein Jahr. Meine Tochter ist geboren nach der ersten Lesereise, mein Sohn vor der zweiten. Wieder am Computer gesessen und den ersten Satz für ›Die hellen Tage‹ geschrieben, habe ich, als mein Sohn zwei Jahre alt war, nicht mehr acht Monate von zwölf Monaten krank und einen Krabbelstubenplatz hatte. Im Leben mit zwei kleinen Kindern eine Konzentration herzustellen, wie ich sie fürs Schreiben brauche, überhaupt einen regelmäßigen Arbeitsrhythmus über längere Phasen durchzusetzen, ist, milde gesagt, Irrsinn. Das hat sich erst in jüngster Zeit entspannt. Luft geholt habe ich kaum, ich kann mich auch an keine Pause erinnern. Das Leben und Arbeiten hat die Jahre einfach geschluckt – vielleicht sollte ich auch das dem Leben zum Vorwurf machen.

Jürgen Hosemann: Was war beim Schreiben des neuen Romans als erstes da: ein Gedanke, ein Thema, eine Figur, ein Bild, das Ihnen vor Augen stand? Oder, wie beim ›Schwimmer‹, vielleicht wieder ein erster Satz?

Zsuzsa Bánk: Der erste Satz ist schnell da. Irgendwann wache ich auf, und er ist da. Oder ich gehe ins Bett, und er liegt auf meinem Kissen. So war es auch diesmal. Ich kenne Aja, seit ich denken kann. Vielleicht ist das kein großer Satz, aber er leitet doch etwas ein, eröffnet erst einen Raum und dahinter eine ganze Welt. Auch das Thema war diesmal da, ungefähr: Wie sind wir als Erwachsene, wenn wir so oder so als Kinder waren. Aber noch davor gibt es ein Bild. Es beginnt immer mit einer Art Traumbild, das erscheint und das ich sehr deutlich sehen kann. Diesmal habe ich den Garten am Rand der Provinzstadt gesehen, in dem das Mädchen Aja aufwächst, mit seinen Birnbäumen, seinem hohen Gras, die weizengelben Felder ringsum, die drei Linden vor dem Zaun, die unter den Freunden aufgeteilt werden, die Hütte dort, zusammengehalten von Putz und Brettern, und den ewig gleißenden Sommer unter dem blauen Kirchblüter Himmel. Ich sehe alles sehr genau, das Fliegengitter, das man lösen muss, um ins Haus zu gehen, den schmalen Flur, in dem man die Mäntel streift, den Herd in der Küche, die schief hängenden Schränke mit den abgeschlagenen Tassen, den Tisch mit der Porzellandose, die Tapeten mit den sich rankenden Rosen, als strebten sie hinaus ins Freie. Ich höre die Stimmen der Figuren, ihr Lachen, ich sehe eine Bewegung, vielleicht eine Schaukel, die schwingt, oder einen Vogel, der zwischen den Zweigen flattert.

Jürgen Hosemann: Sie haben viele Jahre mit Ihren Romanfiguren verbracht. Haben Sie in dieser Zeit die Erfahrung gemacht, dass die sich verselbständigt haben? Dass sie plötzlich Dinge tun, die gar nicht für sie vorgesehen waren? Dass die Handlung ganz andere Wege einschlägt, weil es ihre Figuren so wollen?

Zsuzsa Bánk: Die Figuren sind immer sehr schnell entworfen, ich kann mir jede Sommersprosse, jedes Fältchen genau vorstellen. Sie lösen sich aus diesem ersten Bild, sie beginnen selbst zu reden, zu laufen, zu lachen, haben ihren eigenen Willen, ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen vom Leben. Ich kann also nicht alles mit ihnen machen, was ich vielleicht gerne machen möchte, weil sie ihre eigene Logik haben, ihr eigenes Schicksal auch, in das sie hineinschlittern, dem sie nicht entrinnen und mit dem sie sich auf ihre Art dann abfinden oder eben nicht. Ich weiß auf Seite eins nicht, was auf Seite 187 oder 387 geschehen wird. Aber da ich jeden Schritt mit ihnen gehe, kann ich meistens auch schon den nächsten denken.

Jürgen Hosemann: Was tun Sie, wenn Ihre Figuren plötzlich dahin laufen, wo Sie schon ahnen, dass es ihnen nicht gut gehen wird?

Zsuzsa Bánk: Ich leide. ›Die hellen Tage‹ haben mir einiges abverlangt, auch wenn es vielleicht verrückt klingen mag. Ich kriege Magenschmerzen, ich werde krank, ich weine, ich hadere, ich halte es nicht aus. Um so schlimmer, weil sich die Hauptfiguren zu meinen Lieblingen entwickeln, die ich manchmal gerne in meinem eigenen Leben um mich hätte, und weil ich neben ihnen stehe, weil ich immer anwesend bin und alles mit ihnen durchfiebere. Aus den drei Kindern werden Erwachsene, der Roman endet, wenn sie Mitte dreißig sind und einiges hinter sich haben. Es war grausam, beim Überarbeiten wieder an den Anfang zu gehen, zurück in diese Kindheitsbox, mit dem Wissen, wie alles endet, und dann noch einmal zu sehen, was ihnen als Kind widerfährt, wie sie trotz der Zumutungen des Lebens groß und erwachsen werden, auch wenn vielleicht nicht gerade glücklich, aber zuversichtlich und lebensfähig, das ist doch auch schon was. Ich habe es kaum ausgehalten, Karl als jungen Mann zu kennen, gerade mit ihm in Rom gewesen zu sein, und dann zurückzukehren in seine Kindheit, zu sehen, was ihm angetan wird, wie er mit seinen depressiven Eltern lebt, die aus dem Leben gefallen sind, seit sein Bruder verschwunden ist, und Karl darüber einfach vergessen haben. Wie er sich bemüht, ein gutes Kind zu sein, ein besseres als alle anderen Kindern, und wie es ihm nie gelingen kann. Das hat mich gequält.

Jürgen Hosemann: Aber Sie könnten Ihre Figuren doch vor ihrem Schicksal bewahren …

Zsuzsa Bánk: Kann ich nicht. Das haben sie in Teilen selbst verschuldet, für den Rest hat der verrückte und aberwitzige und sich so gar nicht um den Menschen kümmernde Lauf des Lebens gesorgt. Oder das Schicksal. Oder Gott. Das wäre noch herauszufinden. Jedenfalls nicht ich.

Jürgen Hosemann: Was war es denn für ein Gefühl, dass Ihnen die Dinge ein bisschen aus der Hand genommen worden sind? Dass das Buch sozusagen selbst übernommen hat und sich selbst schreibt?

Zsuzsa Bánk: Das klingt jetzt so einfach und widerstandslos. Es wäre herrlich, wenn das Schreiben so leicht wäre. Auch wenn die Figuren ihre eigene Logik und Dynamik haben, erlöst es mich nicht davon, Tag für Tag am Bildschirm zu sitzen und Sätze aus meinem Kopf zu ziehen. Die Bilder und Bewegungen des Lebens schreiben sich ja nicht von selbst. Ich brauche dafür gespenstische Stille ringsum, Zeit, Konzentration. Viel, viel Starren ins Leere ist nötig, um die besten Sätze zu basteln und aufzuschreiben. Das ist eine unglaubliche Anstrengung, die kaum jemand nachvollziehen kann, der nicht selbst schreibt, und von der ich gerade nicht weiß, ob ich sie jemals wieder aushalten kann oder will.

Jürgen Hosemann: Sie haben es gesagt: ›Die hellen Tage‹ ist neben vielem anderen ein Buch über Kindheit – darüber, dass man nicht mehr dorthin zurückkommt, dass man aber auch nicht von ihr wegkommt.

Zsuzsa Bánk: Die Kindheit ist und bleibt ein Mysterium. Nichts prägt uns so sehr, und über nichts wissen wir gleichzeitig so wenig. Das hat etwas Dunkles, Schicksalhaftes, Undurchdringbares. Es sind zehn, vielleicht zwölf Jahre unseres Lebens, die entscheiden, wie wir als Erwachsene sein werden, davon bin ich überzeugt. Und wir haben selbst keinen Einfluss darauf, weil wir als Kinder abhängig, fremdbestimmt und rechtelos sind – für mich hat das etwas zutiefst Beängstigendes. Zudem fasziniert mich die kindliche Perspektive, das Sehen von Winzigkeiten, von Besonderheiten, überhaupt der Blick auf die Welt, auf die Bewegungen der Wolken, auf das Glitzern des Wassers, den Schmutz am Wegesrand. Auch, was Kinder so tun, fasziniert mich, wie sie ihren Alltag füllen – sie sammeln Stöcke, sitzen in Bäumen, liegen im Gras, sie bewegen sich in einem Raum ohne Zeit zwischen tausend Geräuschen und Gerüchen, die wir als Erwachsene kaum noch wahrnehmen. Kinder haben eine eigene und eigensinnige Magie, die sich später verliert. Auch darum geht es in ›Die hellen Tage‹. Ich habe nach dem Tag gesucht, an dem das eine das andere ablöst.

Jürgen Hosemann: Die Welt der drei Kinder Seri, Aja, Karl hat einen unsichtbaren Sprung: Bei allen Dreien gibt es im Leben nämlich eine leere Stelle, einen weißen Fleck – abwesende oder verstorbene Väter, ein spurlos verschwundener Bruder. Wie gehen Ihre Figuren mit diesen Traumata um?

Zsuzsa Bánk: Der Verlust umgibt sie wie ein Schatten. Jedes dieser jungen Leben ist um eine Leerstelle gebaut, um einen Sehnsuchtsflecken. Aja schickt all ihre Gedanken nach Übersee, wo ihr Vater als Trapezkünstler in einem Zirkus arbeitet. Die Erzählerin Seri lässt ihren längst verstorbenen Vater nicht aus ihrem Alltag verschwinden, sie und ihre Mutter tun so, als sei ihr Spiel zu dritt nicht verloren, und sie leben mit einem Grabstein, von dem sie das Moos mit einem spitzen Kamm kratzen. Karl gibt die Suche nach seinem vermissten Bruder nicht auf. Auch nach Jahren glaubt er noch, ihn auf einer Brücke, an einem Strand, in einem Geschäft, irgendwo in einer Menge entdecken zu können.

Jürgen Hosemann: Ist Freundschaft ein Heilmittel gegen die Verluste, die das Leben einfordert?

Zsuzsa Bánk: In diesem Fall ja. Seri glaubt, sie habe ihre Freunde gefunden, weil sie zusammenfinden mussten, weil die Zumutungen des Lebens so besser zu ertragen seien. An anderer Stelle sagt sie, ihr Dreieck sei dafür gemacht, vieles auszuhalten. Auch wenn sie sich als Erwachsene gegenseitig enttäuschen, ihre Freundschaft aufs Spiel setzen und die Regeln von Loyalität verletzen, bleiben sie einander nah, können verzeihen und vergeben. Sie wissen alles voneinander. Sie haben keine Geheimnisse. Sie helfen einander, sie stützen einander, sie fangen einander auf. Kurzum, sie lieben einander.

Jürgen Hosemann: Freundschaft ist ein ganz großes Thema Ihres Buchs – vor allem Frauenfreundschaften, die einem ja schon im Leben immer besonders kompliziert vorkommen, auch Mütter-Töchter-Freundschaften. Auch diese Freundschaften kommen, wie Sie sagen, nicht ohne Lügen, Betrug, Enttäuschungen aus, aber ich habe den Eindruck, dass sie dennoch das sind, was die Figuren ihr Leben bestehen lässt.

Zsuzsa Bánk: Lassen Sie Menschen von ihren Müttern erzählen. Da schwingt immer etwas Unvergleichliches mit. Ob mir das nun gefällt oder nicht. Ja, die Frauen. So wie mich die Kindheit als Motiv nicht loslässt, ist es die Beziehung von Mutter und Kind, vielleicht sogar insbesondere die Beziehung von Mutter und Tochter, die sicher keine Freundschaft ist. Die Mädchen Aja und Seri haben starke, eigenwillige, grausame und gleichzeitig unendlich liebevolle Mütter, die ihre Töchter und den Jungen Karl durch die Strömungen der Kindheit lotsen und trotz aller kleinen und großen Wunden, die sie ihnen zufügen, ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen.

Jürgen Hosemann: ›Der Schwimmer‹ hat, ungewöhnlich genug für den Roman einer deutschsprachigen Autorin, seinen Schauplatz in Ungarn, was mit Ihrer eigenen Lebensgeschichte zusammenhängt. ›Helle Tage‹ dagegen spielt in einer kleinen Stadt in Deutschland, auch in Heidelberg, in Rom. Dennoch gibt es auch in diesem Buch Spuren, die nach Ungarn weisen?

Zsuzsa Bánk: Ja, es gibt ein winziges Fenster, durch das man nach Ungarn schauen kann. Nach Budapest, wo Ajas Eltern als Artisten im Staatszirkus engagiert waren, bevor sie 1956 während des Volksaufstands in den Westen geflohen sind. Es gibt Ajas Eltern eine Verankerung, es zeigt ihre Wurzeln, aber das sind nur zwei, vielleicht drei Seiten im Roman. Ajas Mutter ist vielmehr in dem Provinzstädtchen Kirchblüt zu Hause, niemand scheint mit Kirchblüt so verwachsen zu sein wie sie, und sie gibt ein großes Fest, nachdem sie ihren deutschen Pass an der Meldestelle in Kirchblüt abgeholt hat. Ungarn taucht dann viele Jahre später, auf den letzten Seiten des Romans auf, als Land, über das im Radio berichtet wird, im Herbst 1989, als DDR-Bürger über die grüne Grenze in den Westen fliehen. Und als abgelegte, längst in die Ferne gerückte Heimat von Ajas Eltern, die 1993 ihre ungarische Staatsbürgerschaft wiederhaben und zurückkehren könnten, aber lieber in Kirchblüt bleiben.

Jürgen Hosemann: Für den Erfolg und auch für das literarische Gelingen Ihrer Bücher war nie allein maßgeblich, was Sie geschrieben haben, sondern immer auch, wie Sie es geschrieben haben. Ich habe Ihre Texte immer in besonderem Maße als Gewebe aus Sprache, aus reinem Stil – und zwar als hauchdünne und hochfeine Gewebe – empfunden. Alle diese Texte sind wie schöne Luftspiegelungen, auf die man als Leser ewig zugehen kann, ohne so richtig anzukommen, da ist wenig feste Materie, die man greifen kann. Rezensenten und Leser haben das Magie genannt, einen schwer erklärbaren Zauber. Haben Sie das Gefühl, dass sich in den Jahren, die zwischen ›Der Schwimmer‹ und dem neuen Buch liegen, Ihr Stil verändert hat? Wie würden Sie selbst ihn beschreiben?

Zsuzsa Bánk: Die Sprache ist vielleicht etwas schneller und direkter geworden. Ohne Umschweife wird erzählt, das ewig Schwebende, nicht zu Greifende hat sich verändert. Aber der melancholische Ton ist geblieben, das etwas wehmütige Summen, das Traumwandlerische. Auch die vielen Vergleiche und Bilder, die Als-ob-Konstruktionen, das Verzichten auf wörtliche Rede, weil sie den Schreibfluss auseinanderreißen würde. Dazu die nicht endenwollenden Sätze, bei denen ich mich selbst zügeln muss, der Ausklang, der letzte Ton, der jeden Absatz beenden, und das Schlussbild, das über das Kapitel hinausstrahlen soll. Überhaupt meine Verliebtheit in Absätze ist geblieben, die allein stehen könnten und nicht unbedingt als Folge in einem Roman gelesen werden müssen. Man soll den Roman an einer beliebigen Stelle aufschlagen können und sofort eine Essenz haben.

Jürgen Hosemann: Wie ist die Zeit nach dem Schreiben?

Zsuzsa Bánk: Es ist eine Erlösung. Nach einer langen Zeit der Disziplin und Klausur, gehe ich wieder ins Leben, es ist September, die Quitten reifen, und ich laufe an ihnen vorbei und sehe sie. Die Arbeitsanspannung, die auf Jahre angelegte Konzentration – vergangen. Andere Schriftsteller sagen, die Zeit zwischen zwei Romanen sei die schlimmste, auch für mich ist es wie ein Fallen, aber ein weiches Fallen. Mein Kopf darf sich wieder mit anderen Dingen beschäftigen. Ich bin frei.

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