Interview mit Clemens Meyer

Petra Gropp: Nach dem Debütroman „Als wir träumten“ und dem Band Stories „Die Nacht, die Lichter“ erscheint nun „Gewalten. Ein Tagebuch“. Das erstaunt auf den ersten Blick, denn in Zeiten von Blogs – und Du hattest ja selber einen Blog für die FAZ geführt – scheint das Tagebuch doch eine recht altmodische Gattung zu sein. Wie kam es zu dem Buch?
Clemens Meyer: Der Blog war ein Experiment, das ich, das gebe ich auch ehrlich zu, wegen des kleinen Honorars eingegangen bin, aber natürlich war es für mich auch eine Herausforderung, es war das erste Mal, das ich das Medium Internet auf diese Weise nutzte, denn eigentlich bin ich ein fast fanatischer Jünger des Gedruckten. Ich denke aber, in dem Blog „der Meyer – die Kunst und das Leben“ sind einige interessante, experimentelle Texte entstanden, in denen der Einfluss von außerhalb, Medien, Literatur, Filme, Gedichte, Gesprächsfetzen, Wortspiele, Sportereignisse immens wichtig war, teilweise direkt in den Text floss.
Die Idee des Tagebuchs entstand in der Mitte des Jahres 2008. Die Rinke-Stiftung aus Hamburg verlieh mir für 2009 ein Stipendium, das mit der Aufgabe verbunden war, ein „Tagewerk“ 2009 zu verfassen. Anfangs dachte ich: O.k., nimm das Geld und schaff ein kleines, wenig Kraft- und Zeitaufwändiges Nebenbuch. Aber dann passierte etwas, das mir schon den Blog zur absoluten Schwerstarbeit machte und dann auch zum Verrinnen brachte: Ich hatte die Chance bekommen, literarisch etwas Neues auszuprobieren. Mein Jahr 2009 begann mit einem einschneidenden Erlebnis, das sich mir regelrecht aufzwang und forderte, es zu Literatur zu machen. Das habe ich dann in langer und harter Arbeit versucht, und dieses erste Kapitel, das auch Prolog ist im Prinzip, gibt dann das Programm vor. 2009 mit all seinen Gewalten, dem Irrsinn, den Abgründen, aber auch den lichten Momenten. Aber das alles nicht in einem herkömmlichen realistischen Tagebuchstil, sondern verfremdet, surrealistisch, expressionistisch, manchmal Komödie, oft Tragödie, aber immer ganz nah dran an den Brüchen und mit aller literarischer Kraft.
Gewalten
S. FISCHER
gebunden
Petra Gropp: 2009 war das Jahr der Finanzkrise und des Mauerfall-Jubiläums. Ist dieses Jahr für Dich gleichfalls ein herausragendes gewesen, oder hätte ein solches Tagebuch in jedem Jahr entstehen können?
Clemens Meyer: Ohne dieses kurze Erlebnis in einer geschlossenen Anstalt zum Jahreswechsel 2008/2009 hätte ich das Jahr 2009 vielleicht anders gesehen. Und ohne diese Aufgabe des „Tagewerkes“ hätte ich die Brüche vielleicht nicht mit dieser Intensität wahrgenommen und literarisch ausgelotet. Unabhängig davon bot dieses Jahr 2009 auch jede Menge Rohstoff, jede Menge „dunkle Materie“. Amokläufe, stürzende Finanzimperien, der Tod eines engen Freundes, der Tod meines alten Hundes, Bundestagswahl mit schwarzgelber Übernahme… Diese Mischung aus Privatem und Öffentlichen ist es vielleicht.
Petra Gropp: Die Themen der einzelnen Kapitel sind sehr unterschiedlich. Es geht um eine heillose Silvesternacht, das Schreiben eines Drehbuchs, einen Amoklauf, das Sterben eines Freundes, das Reisen, um nur einige Motive zu nennen. Sind die Texte chronologisch, quasi parallel zum Leben entstanden?
Clemens Meyer: Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht mehr genau. Der erste Text „Gewalten“ entstand auch als erstes, wie es dann weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Ich habe bis weit in den Sommer nichts gemacht, also nicht geschrieben, und nur die Ideen reifen lassen. Freunde, Kollegen, die Familie, meine Freundin sagten immer: „Du musst anfangen, du musst weiter schreiben, die Zeit wird knapp!“, aber ich lag auf meinem Kanapee und wartete auf den richtigen Moment. Monatelang. „Lasst Muße sein, lasst Muße sein, der Meister muss noch denken!“
Irgendwann, Anfang August, glaube ich, oder Mitte, hat’s mich dann gepackt, und ich bin zum Schreibtisch gesprungen und habe nicht mehr aufgehört zu arbeiten und zu überarbeiten bis zum Jahresende. Eine gewisse Chronologie gab es, aber nicht genauso, wie man sie jetzt im Buch findet.
Petra Gropp: Gehst Du, wenn Du an einem solchen Buch arbeitest, mit anderen Augen durch die Welt? Denkst Du in dem Moment, in dem Du etwas erlebst, oft schon an das Schreiben?
Clemens Meyer: Teilweise ja. Ich bin nach Magdeburg gefahren, um etwas darüber zu schreiben. Ich bin in Hannover ins Kasino gegangen, um etwas darüber zu schreiben. Das ist ein Ausloten jeder Minute, auch jedes Meters. Eine neue Erfahrung für mich. Teilweise quälend, wie bei der Beschäftigung mit dem Fall M. Camus sagt: „Der Künstler will nichts anderes als der Wirklichkeit eine veränderte Gestalt geben…“
Die Abstände zwischen Erleben, Verändern und Schreiben wurden um Längen kürzer als bisher. Und ich musste mich öffnen, Dinge sehr nah an mich ranlassen, andere, die ich in mir trug, rauslassen. Es war eine große Bewegung, in alle magnetischen Richtungen… Klingt schräg, aber so fühlte es sich an.
Petra Gropp: Einige Kapitel sind verstörend, aufwühlend, „German Amok“, „Der Fall M“, „Im Bernstein“, andere Kapitel lesen sich sehr ruhig, fast meditativ wie „Die Stadt M“ oder „In den Strömen“. Entspricht die Lektüre auch der Erfahrung des Schreibens?
Clemens Meyer: Manchmal bedingte das Sujet den Stil, manchmal umgedreht – obwohl, nee, das ging bei diesem Buch nicht, aber bei manchen Kapiteln vielleicht phasenweise; wenn mir zum Beispiel etwas die Luft ausging, habe ich eben einen kleinen Bogen geschlagen, eine „Ruhephase“ eingelegt, etwas „retardiert“. Auch „Im Bernstein“ kommen ruhige und auch lustige Passagen vor, dann ziehe ich die Schrauben, und hier kann ich sogar sagen: „die Daumenschrauben“, da es um Folter geht, wieder ordentlich an.
Meine Schreiberfahrungen bei „Gewalten. Ein Tagebuch“ würde ich mal etwas plakativ so zusammenfassen: „Meditation und Ekstase“. Vor allem aber hat es mich soviel Kraft gekostet wie keins meiner Bücher zuvor.
Petra Gropp: Das Kapitel „Undercover und der Kopf“ hat politische Anklänge, wirft einen kritischen Blick auf den Zustand unserer deutschen Landschaften, der Erzähler streift durch Straßen, in denen sich Billigläden und Erotikshops aneinanderreihen, und endet in einer leeren Fabrikhalle, in der Zahlenkolonnen vor seinem Auge herunterrasen. Ist das die Metapher für unsere Gegenwart?
Clemens Meyer: Vielleicht eine etwas überspitzte Metapher. Unterschicht meets Wirtschaftskrise, könnte man provozierend sagen. Es ist ein Ausloten des Zustandes, der abgeschlagene Kopf greift gleichzeitig biblische und „griechisch/antike“ Themen auf, Gegenwart und Vergangenheit bilden einen Kreislauf, es ist eine herzergreifende Reise ans Ende der Finsternis, um mal spaßeshalber Joseph Conrad und Céline zusammenzuführen.
Aber bei aller metaphorischer Realitätsauslotung, bei allen Bezügen: Es soll Spaß machen, es soll etwas auslösen beim Leser, ihn auf rasante Art und Weise herausfordern und unterhalten. Das sind große Ziele, mal sehen ob’s funktioniert.
Petra Gropp: Für die Covergestaltung wurde das Bild „AUA“ des Leipziger Malers Paule Hammer verwendet. In der Erzählung „Das kurze und glückliche Leben des Johannes Vettermann“ („Die Nacht, die Lichter“) stehen das Leben und Schaffen und das Delirium eines Malers im Mittelpunkt und auch in „Gewalten“ spielt ein befreundeter Maler eine Rolle. Inwiefern sind Malerei für den Schriftsteller Clemens Meyer und seine Literatur wichtig?
Clemens Meyer: Sind wichtig. Punkt. Ende.
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