Interview mit Chevy Stevens

»Für immer verändert«

Was Gewalterfahrungen mit Menschen machen, wie sie sie verarbeiten und eine neue Lebensperspektive finden, wollte die kanadische Schriftstellerin Chevy Stevens wissen - und schickte ihre Romanfigur Annie in die Hölle: ›Still Missing - kein Entkommen‹.
db-mobil: Frau Stevens, Ihr Debüt-Thriller ›Still Missing – Kein Entkommen‹ ist ein großer internationaler Bestsellererfolg. Wer sind Ihre Leser?
Chevy Stevens: Mein Buch ist etwas für alle Leserinnen und Leser, die eine spannende, aufregende Story suchen. Und für Menschen, die sich für Psychologisches interessieren. Es geht um eine Entführung und einen Albtraum, der immer wieder neu beginnt – intensiv aus der Sicht des Opfers erzählt.
db-mobil: In Ihrem Roman begegnet uns der Albtraum jeder Frau: entführt von einem Psychopathen, dem man vollkommen ausgeliefert ist, ohne Ausweg und Sicherheit. Wie war es für Sie, beim Schreiben mit dieser Geschichte zu leben?
Chevy Stevens: Manchmal konnte ich tagelang nicht mehr schreiben, nachdem ich an einer heftigen Szene gearbeitet hatte, in der Annie körperlich oder seelisch misshandelt wird. Sich so komplett in sie hineinzuversetzen, um aus ihrer Perspektive erzählen zu können, war oft sehr erschütternd für mich.
db-mobil: Als Leser wissen wir von Anfang an, dass Annie überlebt. Woraus resultiert die Spannung von ›Still Missing – Kein Entkommen‹?
Chevy Stevens: Auch wenn wir wissen, dass Annie überlebt, wissen wir nicht, wie sie es geschafft hat und was sie während ihrer Gefangenschaft durchmachen musste. Außerdem gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass der Albtraum für Annie noch lange nicht vorbei ist und ihr immer noch jemand etwas antun will. Sie versucht sich zu überzeugen, dass sie wegen ihres Traumas einfach nur unter Verfolgungswahn leidet – aber stimmt das wirklich?
db-mobil: Haben Sie für Ihren Roman viele Fälle vermisster Personen recherchiert?
Chevy Stevens: Ich habe mich absichtlich nicht mit konkreten Einzelfällen beschäftigt, denn ich wollte, dass Annies Geschichte ganz und gar aus meiner Vorstellung kam. Während ich an dem Buch schrieb, kamen verschiedene Entführungsfälle ans Licht, und ich habe es vermieden, etwas darüber zu lesen, damit Annies Geschichte nicht in irgendeiner Weise beeinflusst würde.
db-mobil: Wenn man eine solch traumatische Erfahrung macht wie Annie, kann man das überstehen und wieder glücklich leben?
Chevy Stevens: Genau diese Frage hat mich umgetrieben und mich zu ›Still Missing – Kein Entkommen‹ gebracht. Wie kann man so etwas verarbeiten? Kann man jemals wieder normal leben? Ich glaube, dass die Ereignisse in unserem Leben uns formen. Wenn wir große, schmerzliche Verletzungen erleben, ob seelisch oder körperlich, verändert uns das für immer, wir sind nicht mehr dieselben Menschen wie vorher. Sich das klarzumachen, kann bei der Heilung helfen – und zu erkennen, dass wir uns ein neues Leben aufbauen müssen. Es ist ein langer, schwieriger Prozess.
db-mobil: Krimis und Thriller sind so populär wie nie.
Chevy Stevens: Die Menschen sind immer schon von Verbrechen fasziniert gewesen, denke ich. Bei Shakespeare geht es um Gewalt und Mord, genau wie bei vielen bekannten Literaten bis heute. Ich bin daher nicht sicher, ob Krimis tatsächlich populärer sind als früher. Ich glaube, heute ist mehr nötig, um die Menschen zu schocken, um sie in Spannung und Aufregung zu versetzen, was sich so lebendig anfühlt. Beim Lesen von Thrillern überlegen wir, was wir selbst in einer ähnlichen Situation tun würden. Der Reiz liegt auch darin, einen Fall gelöst zu sehen – dass das Recht über das Verbrechen siegt. Im wirklichen Leben läuft das ja normalerweise nicht so. Bei Thrillern ist es, glaube ich, wie bei vielen anderen Büchern auch: Unsere Leben sind nicht einfach, und manchmal möchten wir daraus flüchten. In Krimiwelten kann man tief eintauchen und sich verlieren.
db-mobil: Es scheint, dass gerade Frauen besonders fasziniert sind von grausamen Geschichten mit viel Gewalt.
Chevy Stevens: Frauen sind vielleicht besonders interessiert an den Emotionen, die hinter diesen Geschichten stecken – sie versetzen sich selbst sehr tief hinein. Wahrscheinlich geht es auch darum, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen und mit ihnen umgehen zu lernen. Frauen sind viel häufiger Opfer als Täter, und als Frauen sind wir uns unserer Verletzlichkeit immer bewusst.
db-mobil: Hat sich Ihr Leben durch Ihren Erfolg als Autorin sehr verändert?
Chevy Stevens: Als ich ›Still Missing – Kein Entkommen‹ geschrieben habe, war ich die meiste Zeit sehr zurückgezogen und konnte mich einzig auf das Schreiben konzentrieren. Jetzt stehe ich mehr in der Öffentlichkeit, und daran musste ich mich natürlich erst gewöhnen. Ich muss die Balance finden zwischen den mehr nach außen orientierten Seiten des Autoren-Daseins wie Lesungen und Promotion und den introvertierten, kreativen Zeiten konzentrierten Schreibens.
db-mobil: Können wir weitere Thriller von Ihnen erwarten?
Chevy Stevens: Ja! Mein zweiter Thriller ist fast fertig. Er handelt von einer Frau, die herausfindet, dass ihr Vater ein Serienkiller ist – und schließlich selbst von ihm gejagt wird.

db-mobil: Vielen Dank, Chevy Stevens.

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