Interview mit Reif Larsen

»Eine Karte ist eine gute Geschichte«

Sein Debütroman ›Die Karte meiner Träume‹ gilt als literarische Sensation. Autor Reif Larsen über die Funktion von Landkarten für die Vorstellungskraft, die Zukunft des Erzählens im Zeitalter des Internets und die Rolle literarischer Charaktere im weiteren Leben eines Autors.
db-mobil: Ihr Erstlingswerk ›Die Karte meiner Träume‹ ist ein einzigartiger Roman, der Zeichnungen und Randbemerkungen enthält. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Abbildungen in Ihr Buch einzufügen?
Reif Larsen: Fast alle Entscheidungen, die ich für den Roman getroffen habe, wurden durch die Hauptfigur bestimmt. Es war nicht so, dass ich anfing und sagte: »Ich schreibe ein Buch mit Zeichnungen.« Es war eher so, als ob diese Geschichte so erzählt werden musste. Zuerst gab es den Jungen, der die Welt nicht verstehen konnte, ohne ein Diagramm oder eine Karte oder irgendeine Zeichnung von allem zu machen. Das war die Art, wie er fast alles verarbeitete, mit dem er in Berührung kam. Und nicht nur Karten von Landschaften, sondern Karten, die Leute an einem Tisch sitzend darstellen,
oder Karten, die seinen Bruder zeigen, wie er das Dach runterrutscht und so weiter. Tatsächlich habe ich die Zeichnungen erst hinzugefügt, als das Manuskript fast fertiggestellt war. Es war mir wichtig,
den Text richtig hinzubekommen und erst dann die Welt drum herum zu gestalten.
db-mobil: Die Geschichte war also von Anfang an bestimmt durch die Idee einer Karte von der Vorstellungswelt der Figur. Was bedeutet eine Karte im Vergleich zu einer Geschichte?
Reif Larsen: Als ich klein war, habe ich mich immer mit einem Atlas hingesetzt und den außergewöhnlichsten Ort darin gesucht, den ich finden konnte. Ich sah mir die Landschaft an und die Städte und überlegte, was dort vorging, und normalerweise dachte ich mir Geschichten darüber aus. Eine Karte lässt eine Menge Raum für den Betrachter, aber sie erzählt uns nur die Hälfte, und ich glaube, damit beginnt ihr Zauber. Ich würde sagen, eine Karte ist in mancher Hinsicht eine gute Geschichte.
db-mobil: Man hat den Eindruck, als hätten Sie in den neunjährigen T.S. Spivet hineinkriechen müssen, um diese Zeichnungen für ihn zu schaffen. Hat sich die Verbindung zu Ihrem Helden dadurch
verändert?
Reif Larsen: Für mich waren die Ränder, die Randbemerkungen, der wichtigste Teil des Buches, weil diese den Ort darstellen, an dem T.S. sich am wohlsten fühlt. Im Verlauf des Buches hat er mit dem Tod seines Bruders zu kämpfen. Es ist beinahe so, als würde ihm die Sprache fehlen, um in der Haupthandlung darüber zu sprechen. Nur in den Seitenleisten scheint er seinen Schutzschild herunterzunehmen.
Da offenbart er zum ersten Mal, was wirklich passiert ist. Diese Entwicklung war toll. Man schreibt aus
einer Figur heraus, der die Sprache fehlt, um über Erwachsenenthemen zu reden. Aber dann, wenn man aus der Figur heraus zeichnet, kann man auf einmal viel scharfsinniger sein.
db-mobil: Könnte Literatur in Zukunft eine Kombination aus Text und Zeichnungen sein? Und zwar nicht die Kombination, dass die Zeichnungen etwas illustrieren, sondern dass die eine Geschichte die andere auslöst?
Reif Larsen: Ich habe schon viel darüber nachgedacht, wie die Zukunft des Geschichtenerzählens in der heutigen Internetwelt aussehen wird. Eines der Probleme, die man hat, wenn man über Erzählen und das Internet spricht, ist, dass das Internet nicht sehr tiefgründig ist, aber uns Zugang zu allen Informationen erlaubt. Wenn man einen Filmtitel hört, kann man online nachschauen und alles
über diesen Film erfahren. Wenn man von einer Person hört, kann man alles über diese Person erfahren. Das ist vielleicht gut, wenn wir alle Lexika sein wollen, aber als Geschichtenerzähler zerstört
man damit die Geschichte. Eine Geschichte gewinnt ihre Energie aus ihrer Reduziertheit und aus der Tatsache, dass Autoren naturgemäß Information selektieren. Sie entscheiden, einem ein Detail darüber zu geben, wie eine Figur geht, aber sie geben einem eben nicht viel mehr. Und diese Selektion erlaubt uns als Leser, uns in die Figur hineinzuversetzen. Ich denke, das ist die Reduziertheit der Buchform, aber die Form deutet daraufhin, wie zukünftig erzählt werden könnte.
db-mobil: Wie lange haben Sie an diesem Buch gearbeitet?
Reif Larsen: Etwa vier Jahre. Einen Roman zu schreiben geschieht in vielen Etappen. Wenn ich Schreiben unterrichte, sage ich meinen Studenten oft, dass sie ihre Arbeiten nicht in einer Nacht schreiben sollen. Ich sage, dass Schreiben mindestens in drei Etappen geschieht, und wahrscheinlich sogar in
Hunderten. Es gibt einen Punkt, an dem man sozusagen im Schlamm wühlt und nicht einmal weiß, was man sagen will. Man muss einfach sondieren und herausfinden, was die Geschichte ist oder was die Figur ist. Und ich glaube, es ist sehr wichtig, diesen freien Raum zu lassen, um herauszufinden: Was will ich eigentlich ausdrücken? Was ist die Geschichte? Und wie muss sie erzählt werden?
db-mobil: Wenn man ein Buch wie dieses fertigstellt, leben dann die Figuren in einem weiter? Sind sie immer noch in Ihrer Vorstellung?
Reif Larsen: Ja, ich habe das Gefühl, T.S. wird immer bei mir bleiben. In einem Paralleluniversum wäre ich vielleicht wie er. Aber die Figuren leben tatsächlich in einem weiter, und da wir eine Website zum Buch gemacht haben [www.tsspivet.com ], empfinde ich es so, dass er auf verschiedene Weisen zum Vorschein kommt. Es gibt immer Möglichkeiten, noch etwas zu erweitern, aber an einem bestimmten
Punkt muss man ihn lassen, wo er ist, und ihn sozusagen sein Leben leben lassen. Ich denke, ich bin gerade dabei, mich von ihm zu verabschieden. Vielleicht eine sehr ausgedehnte Verabschiedung [lacht]. Aber ich merke, dass es bald so weit ist.
db-mobil: Sollte man eine bestimmte Musik hören, wenn man das Buch liest?
Reif Larsen: Vielleicht Slide-Gitarrenmusik für den ersten Teil und dann etwas Blues, Chicago Blues, für den zweiten Teil. Und im dritten Teil dann Strawinsky oder etwas Ähnliches!

Das Interview ist im Oktober-Heft 2009 von db-mobil, der Kundenzeitschrift der Bahn, erschienen.

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