Interview mit Peter Stamm

Fischer Verlag: Alexander, der Held in Ihrem neuen Roman ›Sieben Jahre‹, lebt mit seiner Frau Sonja, sie ist schön und erfolgreich und müsste ihn – von außen betrachtet – glücklich machen. Ohne etwas vorwegzunehmen: Sie tut es nicht. Jedenfalls hat er eine Geliebte, Iwona, eine eher unattraktive, eher graue Frau, die ein sehr einfaches Leben führt. Für den Leser ist diese Liebschaft, die sich zu einer Amour fou auswächst, überraschend. War auch für Sie diese Liebe überraschend?
Peter Stamm: Die Beziehung zur unscheinbaren Iwona war der Ausgangspunkt der Geschichte. Was mich interessierte, war die Macht, die ein Mensch über uns hat, wenn er uns liebt. Was Alex an Iwona bindet, ist nicht so sehr körperliche Anziehung, sondern ihre bedingungslose Hingabe. Auf das Thema bin ich in Witold Gombrowicz' Stück ›Ivonne, Prinzessin von Burgund‹ gestoßen, in dem der Prinz aus einer Art Überdruss die hässlichste Frau zu seiner Ehefrau wählt und sie dann nicht mehr loswird, weil er, wie er sagt, »in ihr« ist. Aus dem Stück hat meine Figur auch ihren Namen. Es war schwierig, eine unattraktive Figur zu schaffen, ich habe gemerkt, dass Hässlichkeit sehr schwer zu definieren ist und mehr mit dem Charakter als mit dem Aussehen zu tun hat. Auf eine komplizierte Art ist Iwona ja doch attraktiv. Überraschend – und manchmal schockierend – war für mich, wie sich die Geschichte entwickelt hat. Iwona hat, vielleicht gerade weil sie unattraktiv ist, einen sehr starken Willen, sie ist bereit, jedes Opfer zu bringen, um ihr Ziel zu erreichen. Wie sie mit ihrer Schwangerschaft umgeht, ist zum Beispiel ziemlich schockierend.
Fischer Verlag: Und wie steht es mit der Liebe? Gibt es das nicht, die Liebe? Iwona und Sonja erfüllen unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Sehnsüchte.
Peter Stamm: Natürlich gibt es die Liebe, aber sie ist ein immer wieder anderes Gemisch verschiedenster Gefühle. Die Liebe Alexanders zu Sonja hat viel mit Freundschaft zu tun, mit Gleichgesinntheit, Verständnis, auch Stolz und vor allem Sicherheit. Jene zu Iwona ist komplizierter. Sie hat mit Macht zu tun, mit Hingabe, Besitz und zugleich Abhängigkeit, sie ist wesentlich körperlicher und deshalb unberechenbarer. Die beiden Frauen er füllen wirklich unterschiedliche Bedürfnisse. Aber Alex ist ja nicht nur der Liebende, sondern auch der Geliebte. Die Frauen haben unterschiedliche Bedürfnisse, die er erfüllen muss. Irgendwann im Buch sagt er, er habe das Gefühl, es gehe gar nicht um ihn.
Fischer Verlag: ›Sieben Jahre‹ spielt in München, Ihr erster Roman, ›Agnes‹, in Chicago, ›Ungefähre Landschaft‹, der zweite, in Skandinavien. Nur ›An einem Tag wie diesem‹ spielte, zum Teil wenigstens, in der Schweiz. Müssen Ihre Geschichten die Schweiz verlassen?
Peter Stamm: Ich sehe Orte, die ich nicht gut kenne, einfach klarer. Das Gewohnte ist schwerer zu sehen und zu beschreiben. Das Schweizer Dorf in ›An einem Tag wie diesem‹ ist das Dorf meiner Kindheit, das mir eben auch schon wieder etwas fremd geworden war, nachdem ich zwanzig Jahre lang nicht mehr dort gelebt hatte.
Sieben Jahre
S. FISCHER
gebunden
Fischer Verlag: Der Ort, an dem eine Geschichte stattfindet prägt diese Geschichte. Er bietet gewisse Möglichkeiten, hat bestimmte Atmosphären, ruft unter Umständen Klischees wach. Die Wahl des Ortes hat also weitgehend ästhetische Gründe.
Peter Stamm: Alexander und Sonja schienen mir sehr gut nach München zu passen, in die Münchner Schickeria, wo die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt. Aber die Stadt hat – vielleicht durch die nahen Berge und durch ihre Bewohner, durch die bayerische Geschichte, den Katholizismus – etwas urwüchsiges, naturhaftes, dunkles, das zu Iwona passt.
Fischer Verlag: ›Sieben Jahre‹ ist mit 300 Seiten Ihr größter, Ihr umfangreichster Roman. Sie sind bekannt als Meister des Minimalismus. Bei Ihnen ist kein Satz, kein Adjektiv zuviel. Darum zwei Fragen: Verlangte Ihr neues Thema die längere Form? Und: War es anders, diesen Roman zu schreiben?
Peter Stamm: Meine bisherigen Romane waren eher Kammerstücke, die ein Geschehen in einem begrenzten Zeitraum, meistens ein paar Monaten, erzählten. Aber um Iwona verstehen zu können, muss man sie über längere Zeit beobachten. Auch die Ehe von Alex und Sonja braucht Zeit, um sich zu entwickeln.
Meine anderen Romane spielten in einer unbestimmten Gegenwart. In ›Sieben Jahre‹ habe ich zum ersten Mal mehr Zeitgeschehen eingebaut, den Mauerfall, den Tod Karajans, die Wirtschaftskrise. Ob ein Text zu lang ist, hat nichts mit der absoluten Länge zu tun. Fünfzig Seiten können quälend lang sein und tausend Seiten zu kurz. Je länger ein Roman ist, desto schwieriger ist es jedoch, den Text zu überschauen und einen einheitlichen Ton hineinzubringen. Wie bei einem großen Bauwerk ist bei einem langen Text die Statik wichtiger. Auch dass vom Anfang bis zum Ende der Geschichte achtzehn Jahre vergehen, hat die Arbeit schwieriger gemacht. Die Figuren müssen eine gewisse Entwicklung durchmachen und sei es nur, dass Alex am Anfang Zigaretten und am Schluss Zigarillos raucht. Man muss sich um so banale Dinge kümmern wie den Zeitpunkt, zu dem der Euro eingeführt wurde oder wann die CD die Schallplatte ablöste.
Fischer Verlag: Haben Sie für ›Sieben Jahre‹, wo es ja oft um Architektur geht, viel recherchiert? Haben Sie mit Architekten gesprochen, Bücher gelesen? Wie kann man sich das genau vorstellen?
Peter Stamm: Ich musste für dieses Buch ziemlich viel recherchieren. Ich habe vieles im Internet gefunden, Bücher gelesen von Aldo Rossi und Etienne Louis Boullée beispielsweise. Dann bin ich nach Marseille gefahren, um die Cité Radieuse von Le Corbusier zu sehen. Ich habe verschiedene Architekten interviewt, im Münchner Büro Allmann Sattler Wappner durfte ich mich eine Woche lang umschauen und die Leute von der Arbeit abhalten. Das war eine große Hilfe, um den Alltag von Architekten kennenzulernen. Dann habe ich auch die Diplomprüfungen an der Technischen Universität besucht. Und als der Text fertig war, hat sich Andreas Hierholzer, ein Berliner Architekt, freundlicherweise bereit erklärt, alles noch einmal zu lesen und nach Fehlern zu durchsuchen.
Neben der Architektur war aber noch vieles andere zu recherchieren. Am schwierigsten war das Insolvenzverfahren, das sehr kompliziert ist, und Fragen zur Adoption und zum Sorgerecht. Wenn es um Alltägliches geht, wie um das Fernsehprogramm in den achtziger Jahren, helfen Zeitungsarchive. Aber manche Fragen, etwa wie ein Niederbayer eine schöne Frau nennt oder wann und wo im Englischen Garten nackt gebadet wurde, konnten mir nur Freunde beantworten.
Fischer Verlag: Sie haben einen sehr prägnanten, eigenen, sofort wieder erkennbaren Stil. Haben Sie den mit den Jahren irgendwie erlernt? Hat er sich entwickelt? Haben Sie das Gefühl, er entspricht Ihnen, er gibt Sie wieder? – Anders gefragt: Ist er in ›Sieben Jahre‹ anders als in ›Agnes‹?
Peter Stamm: Ich glaube schon, dass mein Stil sich etwas verändert hat über die Jahre, allerdings in einem relativ engen Rahmen. Seinen Stil muss man nicht so sehr entwickeln als finden, er hat, wie die Stimme eines Sängers, mehr mit Persönlichkeit als mit Sprache und Technik zu tun. Gefunden habe ich meinen Stil, indem ich alles aus meinen Texten herausgestrichen habe, was mir falsch und unecht erschien. So wie Alexander, der im Roman sagt: »Es war mir, als hätte ich die Lösung im Kopf und müsste sie nur freilegen, müsste den ganzen Schutt meiner Ausbildung wegräumen und die eine Bewegung finden, die eine Linie, die aus mir selbst kam«. Am Anfang blieb manchmal nicht mehr
viel übrig von den Texten. Mit der Zeit ist mein Schreiben ehrlicher geworden. Dann gibt es aber schon auch technische Dinge, die man lernen muss. Wie man eine Geschichte erzählt, wie man
mit Raum und Zeit umgeht, was man dem Leser, der Leserin zumuten kann. Ganz wichtig war auch, eine Art von Bescheidenheit zu lernen. Ich glaube heute nicht mehr, dass ich anderen Menschen sagen muss, wie sie leben sollen.
Fischer Verlag: Sie haben vor einiger Zeit über die Technik des Schriftstellers geschrieben und gefordert: »Sei nett zu deinen Figuren«. Alex, der Held in ›Sieben Jahre‹, macht sich beim Leser nicht auf Anhieb beliebt. Sind Sie manchmal zu nett zu Ihren Figuren, lassen Sie ihnen alles durchgehen?
Peter Stamm: Vielleicht war »nett sein« die falsche Formulierung. Ich meinte nicht, man solle seine Figuren schonen. Im Gegenteil, man muss sie herausfordern und an ihre Grenzen führen. Aber man soll sie dabei wie lebende Menschen behandeln, mit Respekt und Liebe. Man soll ihnen ihre Freiheit lassen und ihr Geheimnis. Man darf sie nicht bloßstellen und man muss ihnen ihre Fehler vergeben. Ich glaube, ich würde mich mit den meisten meiner Figuren auch im realen Leben ganz gut vertragen.
Fischer Verlag: Sie bevormunden andere nicht, Sie bevormunden in Ihren Romanen auch Ihre Figuren nicht. Sie sagen, Sie gingen mit ihnen um wie mit Menschen, denen Sie im Leben begegnen. Daher nun die Frage: Woher stammen Ihre Figuren? Aus Ihrer Phantasie oder aus Ihrem Leben?
Peter Stamm: Direkt schreibe ich nur vom Leben ab, wenn es um Fakten geht. Also wenn ich Recherchen mache zu einem bestimmten Thema. Gerade habe ich – ich arbeite an einer Erzählung – mit dem Chef eines Lebensmittelgeschäfts darüber gesprochen, was genau mit einem Ladendieb geschieht. Es kommt vor, dass ich Nebenfiguren eins zu eins aus der Realität übernehme. Aber die Hauptfiguren und auch der größte Teil der Orte kommen aus dem Gedächtnis. Ich war schon immer ein neugieriger Mensch, der gerne beobachtet. Allerdings mache ich kaum je Notizen. Das Gedächtnis wählt das Wichtige aus, das es behalten will. Und aus diesem Fundus von Erfahrungen und Begegnungen aus mehr als vierzig Jahren setze ich meine Geschichten zusammen. Ich könnte von manchen Figuren genau sagen, was sie von wem geerbt haben. Aber weil die Figuren immer zusammengesetzt sind, wird sich wohl kaum je jemand in einer von ihnen erkennen.
Fischer Verlag: Ist das Erzählen für Sie eine Möglichkeit, Dinge zu erleben oder auszuprobieren, die Sie in der Realität nicht erleben? Ist die Literatur Ihr Spielraum?
Peter Stamm: Nicht wirklich. Würde ich Abenteuerromane schreiben, wäre das vielleicht so. Aber ich schreibe ja aus dem Alltag heraus, und auch wenn ich nicht alles erlebt habe, was ich beschreibe, kenne ich die Welt meiner Figuren ziemlich gut. Aus diesem Grund würde ich auch kaum je einen historischen Roman schreiben. Es käme mir anmaßend vor und sinnlos. Manchmal ist es allerdings so, dass ich ausprobiere, was hätte passieren können, wenn ich in einer Situation anders reagiert hätte. Anders gesagt: Ich nehme eine Situation aus meinem Leben als Keimzelle für eine Geschichte. Manchmal ist das Erzählen der Anlass, Dinge zu erleben, die ich sonst nie erlebt hätte. Ich hätte bestimmt nie so viel Zeit in einem Architekturbüro verbracht, wenn ich nicht über einen Architekten geschrieben hätte. Im Moment bin ich für eine neue Erzählung viel im Wald und ich will dort – wenn es etwas wärmer ist – auch übernachten. Während man ein Buch schreibt, verändert sich der Blick auf die Wirklichkeit, alles, was man wahrnimmt, tritt in eine Beziehung zum entstehenden Text. Und es stellen sich Verbindungen her, an die man vorher nie gedacht hätte.
Fischer Verlag: Es gibt ja die gewissermaßen magische Vorstellung, dass das, was man schreibt, Einfluss auf das Leben habe, dass man bezahlen muss für das, was man anderen zustoßen lässt. Ahmt das Leben manchmal die Literatur nach? Haben Sie so was schon mal erlebt?
Peter Stamm: Ja, das kommt schon vor, dass man Situationen beschreibt, die man später erlebt. Aber als alter Rationalist würde ich das nicht mit Magie erklären. Vielleicht spürt man manchmal voraus, was einem möglich ist und zustoßen könnte, oder man lebt unbewusst dem Text nach. Wenn Literatur gut sein soll, muss sie immer auf irgendeine Art persönlich sein, nicht autobiographisch, aber sie muss etwas mit dem Autor zu tun haben, darf nicht einfach nur gemacht sein. Und darum ergeben sich dann auch solche Überschneidungen von Leben und Werk. Es geschieht mir immer wieder, dass ich nicht mehr sicher bin, ob ich etwas erlebt oder geschrieben oder vielleicht auch nur geträumt habe. Und vielleicht ist das auch nicht wirklich wichtig. Deshalb gibt es ja so viele Leserinnen und Leser.
Fischer Verlag: In ›Sieben Jahre‹ hat der Held es mit zwei Frauen zu tun. Eine, mit der er lebt, eine die ihn liebt. Ist für Sie Glück eher im Traum, in der Erinnerung oder im Alltag zu finden?
Peter Stamm: Ich glaube ganz stark an das Glück im Moment, das kommt in fast allen meinen Geschichten vor. Das sind Momente, in denen die Zeit still steht und alle Dinge ganz klar und nah erscheinen. Ich glaube, James Joyce spricht in diesem Zusammenhang von Epiphanie, einer Art Gotterscheinung, die aber durchaus nicht religiös zu sein braucht. Dieses Glück ist ein sehr kompliziertes Gefühl. »Glück, das sich wie Unglück anfühlt«, heißt es in einer Geschichte in ›Wir fliegen‹, in einer anderen »das kühle Glück, sich nicht mehr täuschen zu lassen«. In ›Agnes‹ heißt es, Glück sei »wie Nebel, wie Rauch, durchsichtig und flüchtig« und in ›Blitzeis‹, »wenn man merkt, dass man glücklich ist, ist das Glück schon vorbei«. Deshalb spielt natürlich auch die Erinnerung eine ganz starke Rolle. Einerseits relativiert sie den Moment des Glücks, indem sie ihn in Beziehung zu unserem übrigen Leben setzt, andererseits erlaubt sie uns, die Momente des Glücks zurückzuholen, zwar nur abgeschwächt, aber ein dauerhaftes, intensives Glücksgefühl würden wir wohl ohnehin nicht aushalten. Mit den Lebensumständen hat das alles aber wenig zu tun. Glück ist ein Geschenk, das einen in jeder Situation treffen kann und das oft ganz unerwartet kommt und wieder verschwindet.
Fischer Verlag: Macht das Schreiben Sie glücklich?
Peter Stamm: Absolut. Jedes Kunstwerk sollte, unabhängig von seinem Inhalt, sowohl den Künstler als auch den Betrachter oder Hörer oder Leser glücklich machen.


Das Gespräch führte Oliver Vogel

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