Interview mit Klaus Brinkbäumer

Fischer Verlag: Was hat Sie bewogen, diese große Reise zu unternehmen?
Brinkbäumer: Vor vier Jahren waren der Fotograf Markus Matzel und ich auf beiden Seiten der Meerenge von Gibraltar unterwegs, um zu recherchieren, was sich damals dort abspielte: Nacht für Nacht legten in Marokko Schlauchboote ab, die zum Teil in Spanien ankamen, zum Teil aber auch nicht, weil die Boote in den Bugwellen der Tanker sanken oder auf Riffe liefen. Wir trafen in einem Keller in Algeciras eine junge Frau, Joy Ofoni, die sich dort verstecken musste, weil die Polizei sie auf der Straße sofort aufgegriffen und zurückgeschickt hätte; Joys Paradies war dieser Keller. Wir hörten uns die Geschichte ihrer Reise an, Joy erzählte zum Schluss von ihrer Freundin, die auf der Überfahrt über Bord gegangen und nicht wieder aufgetaucht war. Und damals beschlossen Markus und ich, dass wir die Geschichte der afrikanischen Odyssee einmal von Anfang an erzählen wollten, dass wir also von den Orten, in denen sich die Migranten auf den Weg machen, bis nach Europa reisen wollten. Wir fragten dann John Ampan, der das alles hinter sich hatte, ob er mit uns zurückkehren würde, und in dem Moment, als John verstand, dass er dadurch seine Kinder wiedersehen würde, sagte er zu.
Fischer Verlag: Was hat Sie bei Ihren Recherchen in Afrika am meisten bewegt?
Brinkbäumer: Der Mut der Migranten. Ihre Entschlossenheit. Einer wie John, der fast fünf Jahre lang unterwegs ist, zweifelt natürlich ständig daran, dass er es schaffen kann. John sah seine Freunde sterben und begrub sie in der Sahara. Er wurde deportiert, saß im Gefängnis, war wochenlang allein unterwegs und er versuchte es immer wieder von vorne. Leute wie John treffen Entscheidungen, mit denen die wenigsten Europäer jemals zu tun haben: Wer muss in Europa schon seine Kinder verlassen, um sie ernähren zu können?
Fischer Verlag: Was können wir Europäer von den Afrikanern lernen?
Brinkbäumer: Keine Ahnung. Ich bin nicht sicher, ob uns das ausgerechnet die afrikanischen Flüchtlinge beibringen können, von denen ja jeder um das eigene Leben kämpft, aber ich glaube jedenfalls, viele Europäer könnten ein wenig Mitgefühl lernen. Toleranz. Es wäre ja schon viel gewonnen, wenn wir etwas weniger darauf achteten, wie wir uns schützen können, und etwas mehr auf das, was in der Sahara und im Mittelmeer eigentlich passiert.
Fischer Verlag: Sehen Sie eine Lösung, wie Europa in Zukunft mit dem ›Ansturm‹ aus Afrika umgehen kann?
Brinkbäumer: Keine einfache Lösung jedenfalls, auch keine pauschale. Alle Länder, in denen wir unterwegs waren, unterscheiden sich voneinander, und darum müssen sich auch die Lösungen unterscheiden. Ich glaube aber, dass die ständige Verstärkung der Zäune nicht dazu führen wird, dass Migration aufhört. Die hört erst auf, wenn es ihre Ursachen nicht mehr gibt.
Fischer Verlag: Was haben Sie aus Afrika mitgebracht?
Brinkbäumer: Jede Menge Bilder und Geschichten. Es war bei aller Traurigkeit, bei all diesen grausamen Geschichten ja auch eine schillernde Reise, während des Sonnenaufgangs in der Sahara zum Beispiel. Ich habe viel gelernt, viel gesehen, und dankbar bin ich deshalb allen, die uns vertraut haben, die offen waren und uns ein Stück weit mitreisen ließen. Und vielleicht klingt das jetzt ein bisschen kitschig, aber etwas Gelassenheit habe ich sicherlich mitgebracht: Wenn man mit Menschen zu tun hat, die um den Rest ihres Lebens kämpfen, oder mit Menschen, die sich längst aufgegeben haben, mit Kindern, deren Eltern nach Europa gegangen sind und nicht mehr zurückkehren werden, dann denkt man irgendwann, dass viele der eigenen Sorgen, daheim in Hamburg, ganz schön klein sind. Das Schöne war, dass diese Sorgen auch Monate nach der Rückkehr eher klein blieben – uns geht es hier nicht so schlecht. Das vergisst man nicht mehr, wenn man in Afrika war.

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