Interview mit Oliver Bottini

Sein erster Krimi »Mord im Zeichen des Zen« wurde auf Anhieb mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Jetzt ist der zweite Fall mit Louise Bonì erschienen: »Im Sommer der Mörder«. Wir haben Oliver Bottini interviewt.
Scherz Verlag: Ihr zweiter Roman um die Freiburger Hauptkommissarin Louise Bonì ist gerade erschienen. Um was geht es dieses Mal in Freiburg?
Oliver Bottini: Als ein Schuppen vor Kirchzarten bei Freiburg abbrennt, explodiert ein darunter liegendes Waffenlager, ein Feuerwehrmann stirbt. Louise Bonì und ihre Kollegen stoßen auf Spuren, die auf den Balkan führen, zu den Jugoslawienkriegen der Neunzigerjahre, aber auch zu einer Gruppe pakistanischer Terroristen. Das ist der Plot – thematisch geht es um den Umgang westlicher Strafverfolger mit Demokratie.
Scherz Verlag: Ihre Hauptkommissarin Louise Bonì hat zum Schluss des ersten Buches eine Entziehungskur in einem buddhistischen Kloster gemacht? Mit welchen Erkenntnissen ist sie von dort wiedergekommen?
Oliver Bottini: Ich glaube, sie hat begriffen, dass nur sie selbst sich helfen kann. Dass der Buddhismus – falls sie das je gehofft hat – kein Allheilmittel für ihre Probleme ist, sondern das, was sie umtreibt, lediglich aus einer anderen Perspektive betrachtet als die westliche Psychologie oder Ratio. Und sie hat begriffen, dass sie stark genug ist, um ihre Alkoholsucht zu überwinden, selbst wenn sie ihr ganzes Leben lang damit konfrontiert bleibt. Aber sie kommt mir auch einsamer vor, obwohl sie diesmal besser ins Team integriert ist, vor allem mit einem Kollegen gut zusammenarbeitet. Sie begreift, dass sie an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens angekommen ist. Denn so, wie sie ihren Beruf ausübt, mit Haut und Haaren sozusagen, ist ein bürgerliches Privatleben außerhalb davon fast unmöglich.
Scherz Verlag: Der neue Roman hat einen aktuellen, brisanten Hintergrund: Machenschaften von Geheimdiensten, auch vom BND, internationale Terroristenfahndungen, Nachtflüge von CIA-Agenten mit Gefangenen über Deutschland etc. Was reizt Sie an diesem Stoff und hatten Sie die Aktualität Ihres Buches vorhergesehen?
Oliver Bottini: Mich hat gereizt, das, was bei der Planung des Romans höchstens für die CIA und außereuropäische Folterstaaten denkbar war, auf Mitteleuropa zu übertragen: dass westliche Geheimdienste fundamentale Regeln von Demokratie und Rechtsstaat verletzen, um Terrorverdächtige zu verschleppen. Ich wollte die Frage stellen, ob ein demokratischer Staat wirklich noch demokratisch ist, wenn er so etwas erlaubt, verschweigt, vertuscht. Seymour Hersh, der New Yorker Starjournalist, hat in Interviews und Artikeln schon 2004 auf die ›renditions‹ hingewiesen, also den illegalen Transport von Terrorverdächtigen in Drittländer durch die CIA. Das habe ich aufgegriffen. Diese Praxis ist schon schockierend genug. Noch schlimmer finde ich allerdings, dass die Aufklärung der CIA-Flüge über Europa unmöglich zu sein scheint, weil die europäischen Regierungen leugnen oder schweigen und die EU-Sonderermittler offenbar nicht unterstützen. Das ist der eigentliche Skandal.
Scherz Verlag: Kirchzarten sowie das ganze Freiburger Umland ist ja ein Landstrich, in dem man nicht unbedingt das Böse vermutet. Also auch hier Bedrohung, Gewalt, Täter und Opfer. Gibt es keine Idyllen mehr, oder hat es sie am Ende gar nie gegeben?
Oliver Bottini: Idyllen gibt es nur dort, wo keine Menschen sind. Kommt der Mensch, bringt er seine ganze Widersprüchlichkeit mit, seine guten wie seine schlechten Eigenschaften. Da ist's dann bald vorbei mit dem Idyll. Idyllen existieren nur noch als Fiktion, als Orte unserer Sehnsucht, nicht mehr in der Realität, zumindest nicht dort, wo wir Menschen hausen. Man muss das scheinbare Idyll doch nur mit Statistiken abgleichen – auch in Freiburg gibt es Morde, Überfälle, Vergewaltigungen, Kinderarmut, Fremdenhass. Im kleinen, unbedeutenden Neu-Ulm gaben sich islamistische Topterroristen die Klinke in die Hand ... Idyll heißt vielleicht, das alles wegzudenken. Die Augen zu verschließen. Von einer besseren Welt zu träumen.
Scherz Verlag: Wie wird es mit Louise weitergehen? Haben Sie bereits einen Plot für Ihr drittes Buch?
Oliver Bottini: Ja, der Plot steht, die Idee war schon früh da. Louise wird auf die Reise gehen, unter anderem nach München, dann weiter nach Osten. Sie wird es diesmal nicht mit einer mörderischen Organisation, sondern mit einem einzelnen Mörder zu tun bekommen, den sie am Ende womöglich sogar verstehen wird. Ein Heimatloser, und entsprechend wird es auch um die Frage gehen, was Heimat ist.
Scherz Verlag: In den letzten Jahren erleben Krimis/Thriller ja einen regelrechten Boom, die Bestsellerlisten sind voll davon, in jeder größeren Stadt gibt es mittlerweile ein Krimifestival, es gibt kriminelle Dinnerpartys am Abend, man kann ein ganzes Wochenende auf Spurensuche auf einer Burg oder einem Schloss gehen. Wie erklären Sie sich diese Lust auf das Kriminelle, das Böse?
Oliver Bottini: Da gibt es sicherlich verschiedene Antworten – Krimis sind ja so unterschiedlich und variantenreich, bedienen die unterschiedlichsten Erwartungen an Literatur. Was mich betrifft, ich habe gar nicht einmal so sehr Lust auf das Kriminelle, das Böse (an das ich ohnehin nicht glaube). Einblicke in die Seele von Serienkillern, Vergewaltigern oder Bankräubern interessieren mich nicht. Mich fasziniert vielmehr das, was durch die Tat ausgelöst wird, bei den Betroffenen, den Ermittlern, in der Gesellschaft. Letztlich lese ich gern (anspruchsvolle) Kriminalliteratur, weil es darin um die großen Themen der Menschheit geht – Tod, Leidenschaft, Liebe, Scheitern, das menschliche Miteinander überhaupt, verbunden mit einer (hoffentlich) spannenden Handlung und im besten Fall garniert mit interessanten und lehrreichen Einblicken in Bereiche, Kulturen, Themen, über die ich bislang wenig wusste.

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