Interview mit Clemens Meyer

Clemens Meyer im Gespräch mit seiner Lektorin Petra Gropp
Petra Gropp: Ein fast 500 Seiten starker Roman über das waghalsige Leben, die großen Hoffnungen und leisen Träume der Jugendlichen in Leipzig-Ost. Die Frage, wie ein solches Buch entsteht, zielt zuerst einmal auf den Stoff. Du hast in einem Gespräch gesagt: "Emile Zola ist durch abgewrackte Gegenden gewandert, um Stoff zum Schreiben zu finden, ich wohne dort." Liegen die Geschichten also quasi „auf der Straße“, und man muss sie nur einsammeln?
Clemens Meyer: Wenn's so einfach wäre. Die Anregung finde ich tatsächlich ab und an „auf der Straße“ oder in der Kneipe, vor allem auch im Gespräch mit alten Freunden. Aber auch in Zeitungen, und in mir selbst. Wenn das Gesehene, Gehörte, Erlebte etwas in mir auslöst, hinterlässt, mich bewegt und dazu zwingt, es künstlerisch umzusetzen, dann ist's optimal.
Nur so kann's meiner Meinung nach zu relevanter Kunst werden. Und das ist dann das Schwierige, die Kunst.
Petra Gropp: Du hast am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, doch ich nehme an, dass ein Autor seinen Stil selber finden muss. Wie entwickelst Du eine Sprache für den jeweiligen Stoff?
Clemens Meyer: Ich habe meinen Sound, meinen Rhythmus, auch wenn er natürlich, abhängig von den jeweiligen Figuren oder der Erzählhaltung, variiert. Es war ein langer Weg, bis ich meinen Stil gefunden habe, und auch heute noch entdecke und experimentiere ich, aber ich bin mir meiner Sprache sicher. Wichtig auf diesem Weg war die Arbeit auf dem Bau oder als Gabelstaplerfahrer und der Umgang und das Sprechen mit den unterschiedlichsten Menschen, auch mein Aufwachsen in diesen Welten, wie ich sie zum Teil in „Als wir träumten“ beschrieben habe. Genauso aber auch das Leben mit den Büchern und das „Lektorieren“ eigener und fremder Texte am Literaturinstitut. Jeder Satz steht bei mir auf dem Prüfstand, er muss „passen“, es darf aber, und das sage ich immer wieder, nicht zu perfekt, nicht zu glatt sein, vielleicht war es auch dieser Weg der Abgrenzung, der für mich am Literaturinstitut wichtig war, ich wollte etwas „Eigenes“, aber naja, das will wohl jeder Schriftsteller.
Petra Gropp: Während in „Als wir träumten“ Jugendliche in Leipzig-Ost im Mittelpunkt stehen, deren Lebenswelt Du sehr genau erkundest und beschreibst, begegnen wir in „Die Nacht, die Lichter“ sehr unterschiedlichen Figuren in sehr verschiedenen Lebenssituationen: Ein Lehrer erinnert sich an eine seiner Schülerinnen, der er mehr zugetan war, als ihre Eltern und das Kollegium zulassen wollten; zwei Freunde, die auch vielleicht mehr verbindet, als es harte Kerle zugeben wollen, reisen durch die Republik; ein junger Mann trifft eine langjährige Freundin, und nur sie hofft, dass es ein Wiedersehen für länger sein könnte. Geht es Dir in den Erzählungen mehr um diese leisen Zwischentöne, die fragilen Beziehungen zwischen Menschen?
Clemens Meyer: Um die ging's mir auch schon in Roman! Mich interessiert beides, das Stille, das Verborgene, und gleichzeitig die Eruptionen, Emotionen, Gewalt, das Dunkle. Der Mensch, so banal das klingt, als Spielball des Schicksals, der Liebe, der Gesellschaft, und sein Aufbegehren, seine Suche nach etwas wie Glück, die Einsamkeit, das Scheitern. Das poetisch umzusetzen ist eine Herausforderung.
Ästhetik der Gewalt beispielsweise.
Na klar, und ich will auch unterhalten, etwas Seifenoper schadet nie!
Petra Gropp: Unterscheidet sich das Schreiben des Romans von den Erzählungen?
Clemens Meyer: Am Roman habe ich sechs lange Jahre gearbeitet, an den Stories etwa 20 Monate, die mir aber vor kamen wie zwei, drei Jahre. Und ich habe für das neue Buch meistens zwischen null und acht geschrieben, „Als wir träumten“ war zum großen Teil Tagwerk, auch weil ich eine zeitlang nachts arbeiten, also richtig arbeiten musste.
Ich hab mich, wenn ich früh um acht ins Bett gegangen bin, richtig asozial gefühlt, aber lassen wir das.
Es gibt ein sehr schönes englisches Buch „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ von Allan Sillitoe. Aber auch viele kurze Sprints hintereinander können verdammt an die Substanz gehen.
Petra Gropp: Gibt es eine Erzählung, an der Du besonders lange gearbeitet hast oder die eine besondere Herausforderung dargestellt hat?
Clemens Meyer: Ich möcht jetzt fast sagen, jede Einzelne der fünfzehn Stories. Jede war eine Herausforderung, und ich habe immer alles gegeben, so dass ich, als das Buch fertig war, kräftemäßig total am Ende war und wieder mal in das berühmte Loch gefallen bin.
Wenn ich jetzt eine Geschichte hervorhebe, sind die anderen mir böse.
Na ja, „Die Flinte, die Laterne und Mary Monroe“ macht mich schon etwas stolz. Man soll ja immer so bescheiden sein und tiefstapeln, hat man mir immer wieder gesagt, aber ehrlich, ist mir egal.
Petra Gropp: Als eines Deiner Vorbilder wird immer wieder Ernest Hemingway genannt, doch nicht nur von den großen Amerikaner ist Dein Schreiben beeinflusst, sondern auch von solchen, die vielen nicht bekannt sind wie der DDR-Autor Werner Heiduczek. Du hast einmal erzählt, dass Du das Geld, das Du tagsüber oder nachts verdient hast, anschließend sofort ins Antiquariat getragen hast. Wie sieht Dein Bücherregal aus? Und wie gestaltet sich das Wechselspiel von Lektüre und eigenem Schreiben?
Clemens Meyer: Ja. ich bin mit meinen dreckigen Arbeitsklamotten direkt vom Bau ins Antiquariat (Bücherinsel hieß das) und hab kiloweise Bücher weggeschleppt. Ich hab in meinem Leben nie ein Buch geklaut, nur andere geistige Nahrung, aber da war ich noch sehr jung. Soll man auch nicht erzählen, hat man mir gesagt, aber jetzt schweife ich ab.
Mein Bücherregal ist etwas chaotisch, sehr ungeordnet, Chandler neben Thomas Mann, aber so soll das sein, ist ja beides Weltliteratur. Gelesen habe ich immer sehr viel, aber wirklich beeinflusst hat mich nur einiges. Chandler, Hammett, Hemingway, Fitzgerald, Camus, B. Traven, Dos Passos, hm, ist doch allerhand.
Petra Gropp: Zugleich siehst Du sehr viele Filme. Sind es die Figuren und Stories, die Dich interessieren, oder gibt es Parallelen in der Art, wie Geschichten erzählt werden?
Clemens Meyer: Beides. Die Dramaturgie, die Umsetzung und Konstruktion des Plots, die Ästhetik. Filme haben mich sicher ebensosehr beeinflusst wie das Lesen. Sam Peckinpah, Scorsese, Fassbinder, der Film Noir, Western, die großen Hollywood-Dramen der Fünfziger, die Leidenschaft der Italiener und die Kühle der Franzosen, Jean-Pierre Melville zum Beispiel.
Wo sind Schnitte wichtig, wann breche ich die Handlung auf, Spannungsbögen, retardierende Momente, Mechanismen von Gewalt und Paranoia. Ach, da könnt ich ewig erzählen, will ich jetzt aber nicht.
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