Interview mit

Programmleiter Oliver Vogel im Gespräch mit
der Autorin von »Johanna« (S. Fischer Verlag)
Oliver Vogel: Wie kamst Du auf Jeanne d'Arc?
Felicitas Hoppe: Durch ein Leseerlebnis! Die historischen Prozessakten der Jeanne d'Arc. Jeanne steht vor ihren Richtern und spricht. Mich hat dieser Text, bzw. die Frau, die hier spricht, unglaublich fasziniert und sehr stark berührt, und ich sage BERÜHRT und nicht GERÜHRT. Man spürt sofort, dass man es mit jemandem zu tun hat, der in jeder Hinsicht außerordentlich ist.
Oliver Vogel: Was bedeutet diese Frau für Dich?
Felicitas Hoppe: Für mich ist Jeanne der Inbegriff des Unmöglichen. Jemand, der tut, was er möchte, auf eigene Faust, aus eigener Entscheidung, jemand, der einer Berufung folgt, selbst auf die Gefahr hin, daran zu scheitern, die Gefahr der Lächerlichkeit inklusive. Das heißt, sie ist das Ziel meiner Wünsche. Dessen, was man sich selber zu tun wünscht und was man vermutlich nie tun wird, weil man nicht kann, nicht wagt, sich nicht traut. Jeanne weiß nicht nur genau, was sie will, sondern sie setzt es tatsächlich auch in die Tat um. Und sie ist, wenn man sie genauer betrachtet, auch ein Spiegel, Spiegel eigener Träume, eigener Ängste, eigener Unvollkommenheiten. Schließlich war sie kein Übermensch und eigentlich auch keine Heilige, sondern eine junge Frau voller Widersprüche, einfältig und hellsichtig, nüchtern und leidenschaftlich, ziemlich lebenslustig, dabei vollkommen unbeirrbar und doch immer gequält – vor allen Dingen: Sie war allein. (Und das ist es wohl, was wir am meisten fürchten!)
Johanna
S. FISCHER
gebunden
Oliver Vogel: Was bedeutet sie für uns heute?
Felicitas Hoppe: Dasselbe Ärgernis wie damals, als sie noch lebte. Weil es meiner Meinung nach keine ›Zeit‹ gibt, in die Johanna gehört. Natürlich ist sie ein Kind des 15. Jahrhunderts, aber genau genommen passte sie damals genauso wenig ins System. Ein Leben jenseits von Rollenmustern. Eine radikale Provokation. Jemand wie Johanna fällt einfach heraus. Sie ist einzigartig, vor allem, sie lässt sich nicht instrumentalisieren. Das wäre heute nicht anders. Johanna ist weder Parteigängerin noch Selbstmordattentäterin. Sie stirbt nicht für irgendeine Sache, sondern sie lebt (mit tödlicher Konsequenz) für ihre Sache. ("Ich bleibe bei Gott und bei meiner Meinung!") Kurz gesagt: Sie tut das, wovon wir bestenfalls reden. Aber wenn man mal von diesen übergroßen Maßstäben herunterkommt, sieht man sie eigentlich noch deutlicher vor sich. Entwaffnend, präsent, geistesgegenwärtig. Fast möchte man sagen: Ein Vorbild. Aber unnachahmlich...
Oliver Vogel: War sie eine Feministin?
Felicitas Hoppe: Muss ich verneinen. Genau genommen war Johanna Monarchistin, sie liebte ihren König über alles, was er übrigens nicht sonderlich gedankt hat. Aber was kann man machen. Er blieb trotzdem Teil ihres Projekts. Und ansonsten – Johanna hatte nicht viel Sinn für Frauenpolitik, was wohl daran liegt, dass sie sich für die EINZIG WAHRE hielt. Da ist wenig Platz für andere Damen.
Oliver Vogel: Welche anderen Darstellungen haben Dich beeinflusst?
Felicitas Hoppe: In der Literatur und in der Bildenen Kunst wimmelt es von Johannen. Da sind einige tolle Sachen dabei, Schillers JUNGFRAU liebe ich sehr, aber wahrscheinlich deshalb, weil sie wirklich stark von der Historie abweicht. Brecht ist reinster Polit-kitsch, und das Stück von Shaw ist redlich, nur sehr protestantisch, der Mann hat einfach Probleme mit Jeannes Bildwelt und will es nicht recht zugeben – naja, kurz gesagt: jede Beschreibung, Bearbeitung, Verfilmung ist eine Jeanne-Schrumpfung, weil in Jeanne so viel drinsteckt, das man sie unfreiwillig verkleinert. Aber bei so vielen großen Vorgängern wollte ich natürlich nicht hinten anstehen, sondern meine eigene Jeanne zeigen. Und da sie vollkommen unerschöpflich und absolut unerreichbar ist, kann eigentlich nicht viel passieren. Es geht dann eben auf neue Art schief. Und die Faszination bleibt. Bis zur nächsten Jeanne!

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