Interview mit Ildefonso Falcones

Verlag: Wie kamen Sie auf die Idee, Barcelona und die Kirche Santa María del Mar als Schauplatz Ihres Romans zu wählen?
I. Falcones: Zunächst einmal ist Barcelona meine Heimatstadt, in der ich geboren bin und lebe. So konnte ich selbst bei knapp bemessener Zeit meine eigene Stadt erkunden und genauer kennen lernen, ohne irgendwohin fahren zu müssen. Vor allem aber ist Barcelona eine sehr schöne Stadt. Nachdem der Schauplatz feststand, fiel die Wahl der Epoche – das 14. Jahrhundert, in dem die Kirche Santa María del Mar erbaut wurde – nicht mehr schwer, denn es ist die Epoche, in der Katalonien und damit auch seine Hauptstadt Barcelona das Mittelmeer dominierten. Es war eine Zeit großer militärischer Erfolge, der Handel befand sich in voller Blüte – ein großartiger Hintergrund für jede Geschichte ...
Verlag: Was ist das Besondere an Santa María del Mar im Vergleich zu anderen Kirchen?
I. Falcones: Sie ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Die Kirche wurde tatsächlich vom Volk selbst, von den Einwohnern des Hafenviertels der Stadt, errichtet. Mit dem Aufschwung des Handels wurde der Platz in der Stadt knapp, und das mittelalterliche Barcelona wuchs über die Stadtmauern hinaus. Genau in jenen Jahren baute die Amtskirche im Inneren der Stadt an der eigentlichen Kathedrale, dem Bischofssitz. In einer Art Wettstreit mit dem Bau der offiziellen Kathedrale beschlossen die Bewohner des Hafenviertels, auf eigene Kosten ihre eigene Kathedrale zu errichten: ein Marienheiligtum für die Schutzpatronin des Meeres. Die Reichen gaben ihr Geld,
die einfachen Leute, wie etwa die Bastaixos, die wir heute als Stauer bezeichnen würden, ihre Arbeitskraft. Wenn sie gerade keine Schiff be- oder entladen mussten, trugen die Bastaixos die Steine für den Bau von Santa María über viele Kilometer vom Montjuïc auf ihrem Rücken herbei. Ihre Mühen wurden vom ganzen Viertel mit Ehrungen bedacht, wie sie an einem großen Kirchenbau unüblich sind. Schon am Kirchenportal verkünden ihre in Bronze gegossenen Figuren, dass Santa María das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengung der einfachen Leute dieses Hafenviertels war. Was die architektonische Seite angeht, so wurde Santa María in der kurzen Zeit von nur 55 Jahren erbaut, was ihr einen sehr einheitlichen Baustil verleiht, wie er nur in Katalonien zu finden ist. Bei dieser sogenannten »katalanischen Gotik« handelt es sich um einen Architekturstil, dem es vorrangig darum ging, die Gläubigen als Familie, als Volk, in einem großen, breiten Mittelschiff zu versammeln, das so ganz anders ist als die langen, schmalen Mittelschiffe anderer gotischer Bauten. Es ist eine Gotik ohne schmückenden Dekor, deren Schönheit in ihrer Schlichtheit, der majestätischen Erscheinung und vor allem dem Licht des
Mittelmeeres liegt.
Verlag: Sie haben die Geschichte Kataloniens im Mittelalter intensiv recherchiert. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
I. Falcones: Ich habe mir Bücher über die Epoche besorgt und mich mit allen Aspekten beschäftigt, die
für das Verständnis des Lebens der Menschen in jener Zeit wichtig waren: ihr Essen, ihre
Kleidung, das Geschäftsleben, die Kriege, die Sklavenhaltung, das Judenviertel und die
Inquisition. Ich habe versucht, sowohl den historischen Hintergrund als auch das Leben der Menschen in jener Epoche wahrheitsgetreu wiederzugeben. Dabei habe ich mich an den Chroniken Pedros III. orientiert, in dessen Regierungszeit ein Großteil der Handlung fällt. Alle historischen Ereignisse, von denen der Roman erzählt, entsprechen der Realität. Manche Dinge, die den Figuren des Romans widerfahren, haben sich tatsächlich mehr oder weniger so ereignet.
Verlag: Warum haben Sie als Hauptfigur keine berühmte Person wie den Baumeister Berenguer
de Montagut gewählt?
I. Falcones: Für mich ist ›Die Kathedrale des Meeres‹ ein Thriller vor dem Hintergrund einer bestimmten
historischen Epoche, der aber genauso gut in einem anderen Jahrhundert spielen könnte. Im Kern geht es um die Suche nach Freiheit, um Leidenschaft, Liebe, Rache, Geschäfte und Religion. Es ist kein Roman, der das Leben einer Persönlichkeit erzählt, die wirklich gelebt hat.
Verlag: Die Hauptfigur Arnau wird von einem unbedeutenden Bauern zu einem der angesehensten Männer der Stadt. War ein solcher Aufstieg in der damaligen Gesellschaft überhaupt möglich?
I. Falcones: Es war schwierig, aber nicht unmöglich. Der Weg dieser Figur durch die verschiedenen sozialen Schichten hat durchaus einen historischen Hintergrund.Die Freisprechung von Leibeigenen, die als solche den Feudalherren unterstanden, war ein Privileg der freien Stadt Barcelona, die keinem Herrn gehörte. Jeder Flüchtling, der seinem Grundherrn entkommen war und sich ein Jahr und einen Tag in Barcelona aufhielt, ohne festgenommen zu werden, erhielt die ersehnte Freiheit. Seinen Reichtum erwirbt Arnau nach der Pestepidemie, die 1348 Europa und weite Teile der Welt verwüstete und wegen der großen Sterblichkeit zu dramatischen Veränderungen im Sozialgefüge führte. Und sein Aufstieg in den Adel ist die Belohnung für eine Kriegstat.
Verlag: Was sagen Sie, wenn man Ihr Buch mit Ken Folletts ›Die Säulen der Erde‹ vergleicht?
I. Falcones: Dass es zwei grundsätzliche Unterschiede gibt: Der Bau »meiner« Kathedrale ist ein tatsächliches historisches Ereignis, das ich nicht erfunden habe, sondern das wirklich stattfand. Man kann sie auch heute noch besuchen – was übrigens sehr viele Menschen tun. Der zweite Unterschied ist, dass in meinem Werk das Schicksal der Hauptfigur im Mittelpunkt steht, nicht der Bau der Kathedrale.
Verlag: Haben Sie einen Tipp für Barcelona-Besucher?
I. Falcones: Barcelona muss man einatmen, diese einzigartige Verschmelzung von pulsierender Metropole und gemächlicher Kleinstadt, innovativer Moderne und Tradition. Ich war immer der Ansicht, dass man als Besucher zum Himmel schauen und die Stadt und ihre Gebäude – Zeugen der Geschichte – von den Dächern bis zu den Grundmauern betrachten sollte. Unbedingt sehen sollte man die modernistischen Gebäude von Gaudí oder Puig y Cadafalch, die einzigartig sind auf der Welt, das Gotische Viertel und natürlich Santa María del Mar.

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