Interview mit Marion Brasch

Interviewer: Wunderlich, der Protagonist dieses Romans, wird auch Hutmann genannt. Welche Bedeutung hat dieser Hut?
Marion Brasch: Er findet den Hut auf seiner Reise, und nachdem dieser zunächst nur eine kleine Verletzung verdecken soll, die sich Wunderlich zugezogen hat, wird er später zu seinem Markenzeichen.
Interviewer: Wunderlich ist eine ausgesprochen sympathische Figur, die man gerne auf ihren Abenteuern begleitet. Wie kam es zu der Idee dieser Figur? Gibt es eine Inspirationsquelle, ein Vorbild?
Marion Brasch: Diese Figur begleitet mich schon ziemlich lange; ich habe früher so kleine, absurde Geschichten geschrieben, durch die ein ähnlicher Typ gestolpert ist. Und ich glaube, es ist genau dieses Stolpern, das diesen »Helden« ausmacht. Er ist jemand, der sich lieber treiben lässt, als ein Ziel zu verfolgen; der lieber reagiert statt zu agieren. Damit steht er sich zwar mitunter selbst auf den Füßen, aber anders als viele seiner Zeitgenossen ist er kein Getriebener. Naja, und zugegeben: Einige dieser Eigenschaften haben wir durchaus gemeinsam …
Interviewer: Die Reise in den Norden Deutschlands hat etwas Befreiendes. Ist das für Sie persönlich eine Sehnsuchtslandschaft?
Marion Brasch: Absolut. Ich liebe das flache Land und den weiten Blick - und den hat man ja, wenn man hierzulande Richtung Meer fährt. Allerdings könnte die Geschichte auch ganz woanders spielen, denn ähnlich offene und weite Gegenden gibt es ja überall auf der Welt.
Interviewer: Ihr Roman beinhaltet – neben vielen realistischen Aspekten – auch märchenhafte oder phantastische Züge. Wie würden Sie die Rolle des Phantastischen in dieser Geschichte beschreiben?
Marion Brasch: Wie vermutlich viele Menschen, mag ich Märchen und Geschichten, in denen nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Damit meine ich nicht pure Fantasy, sondern durchaus realistische Gegebenheiten in einer alltäglichen Welt, in der jedoch die Wirklichkeit etwas verschoben ist. Bei mir ist das ein Telefon, das anonyme Nachrichten schickt und über Vergangenheit und Zukunft wildfremder Menschen Bescheid weiß. Und es gibt auch ein seltsames Blauharz, das Wunden heilen kann, aber auch Erinnerung tilgt. Auch scheint mit der Wahrnehmung des Helden hier und da nicht alles hinzuhauen. - Es hat mir Spaß gemacht, mir so etwas auszudenken und meinen Wunderlich all diesen Seltsamkeiten auszusetzen.
Interviewer: Den größten Teil des Romans haben Sie während eines Aufenthalts auf Schloss Wiepersdorf geschrieben. Hat Sie diese Umgebung beim Schreiben beeinflusst? Wäre ›Wunderlich‹ ein anderes Buch geworden, wenn Sie es zu Hause, in Berlin, geschrieben hätten?
Marion Brasch: Ich glaube, es wäre nicht grundsätzlich anders geworden, man kann ja mit so einer Geschichte auch in der Phantasie den Ort verlassen, an dem man sich gerade befindet. Aber höchstwahrscheinlich hätte ich die Landschaften und Orte, in denen Wunderlich sich bewegt, nicht so beschreiben können, wäre ich in Berlin geblieben. Der Sommer von Wiepersdorf spiegelt sich sehr stark in Wunderlichs Sommer.
Interviewer: Sie haben 2012 ›Ab jetzt ist Ruhe‹ veröffentlicht, einen auf Fakten gründenden Roman über Ihre Familie. Nun haben Sie mit ›Wunderlich‹ eine Geschichte frei erfunden. Hatte das etwas Befreiendes für Sie?
Marion Brasch: Auf jeden Fall. Bei meinem ersten Roman habe ich eine Geschichte erzählt, die natürlich sehr stark auf Fakten beruhte und bei der ich so authentisch und wahrhaftig wie möglich meine Version dieser Familiengeschichte erzählen wollte und musste. Zwar gab es auch da schon Szenen und einige Figuren, die ich mir ausgedacht habe, doch jetzt konnte ich mir alles ausdenken und einfach drauflos spinnen.
›Ab jetzt ist Ruhe‹ war vielleicht so etwas wie die Pflicht - ›Wunderlich fährt nach Norden‹ ist die Kür.

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