Interview mit Michael Gantenberg

Es ist Frühling auf Nördrum in der Nordsee. Die Abiturientin Gesa muss sich entscheiden, ob und warum sie die Insel endlich mal verlassen will. Da stürzt ihr Bruder aus sehr heiterem Himmel mit seinem Fallschirm ab. An diesem todtraurigen Tag verändert sich alles: Gesas Vater flieht, ihre Mutter schenkt nach Wochen der Trauer all ihre Liebe einer Ente namens Jean-Pierre, auch Tante und Oma benehmen sich maximal merkwürdig. Und Gesa muss in diesem Sommer ein paar fette Wolken beiseite schieben, um so erwachsen zu werden wie nötig und so glücklich wie möglich.
Ein wundersamer Roman über eine junge Frau und ihre schräge Familie, über Sommer und Abschied, die erste große Liebe, über die Treue der Enten und das Lachen der Sandflöhe
Fischerverlage: Wie muss man sich das Gefühl vorstellen, »zwischen allen Wolken« zu leben?
Michael Gantenberg: Wer zwischen allen Wolken lebt, lebt in der Hoffnung, dass sich hinter der nächsten etwas versteckt, das alles anders aussehen lässt. Für mich ist dieser Zustand nicht das Gefangensein, das Unentschlossene, wie es der Zustand »zwischen allen Stühlen« beschreibt, sondern etwas sehr Aktives, Forschendes, Neugieriges, wie es ganz junge Menschen noch kennen und die, die nicht aufgehört haben, jung zu denken. Wer zwischen allen Wolken ist, der lässt sich noch treiben und hofft, dass die Thermik des Lebens einen irgendwie trägt.
Fischerverlage: Sie sind selber Familienvater: Warum haben Sie diese Familiengeschichte aus der Sicht der Tochter geschrieben?
Michael Gantenberg: Weil meine Heldin noch nicht diesen verbauten Blick haben sollte. Diesen Blick, den man bekommt, wenn man schon zuviel erlebt hat. Gesa, die Heldin meiner Geschichte, macht in diesem Roman innerhalb eines Sommers Erfahrungen, die manche Menschen erst im Laufe vieler Jahre machen. Und weil diese Erfahrungen so tragisch sind, aber dann auch wieder so umwerfend schön, wollte ich alles durch die Augen eines Menschen sehen, für den jeder Moment, jede Emotion, jede Trauer, jedes Glück und auch die erste große Liebe noch neu ist, ohne routinierte Wertungen, frisch, radikal und zum Teil beneidenswert unreflektiert. Und dann gibt es da auch noch einen anderen, sehr persönlichen Grund: Ich habe dieses Buch für meine beiden Kinder (13 und 20) geschrieben, die, wie die Helden im Roman, ganz genau wissen, dass es nichts auf der Welt gibt, das die Geschwisterliebe ersetzen kann.
Fischerverlage: Der Roman spielt auf Nördrum in der Nordsee: Was bedeutet eine Insel als Schauplatz für einen Romanautor?
Michael Gantenberg: Ich liebe diesen Aquariumsblick. Eine Insel wird dem sehr gerecht. Es gibt klare Grenzen in alle Himmelsrichtungen und einen Überblick, der den Betrachter, den Erzähler und die Handelnden auf das Wesentliche konzentriert.
Fischerverlage: Sie arbeiten parallel an mehreren Projekten: Ist auch in einem Krimidrehbuch gerade jemand zu Tode gekommen, als Sie im neuen Roman vom Tod des jungen Wilko Petersen erzählt haben? Wie wechseln Sie von Geschichte zu Geschichte und von Idee zu Idee?
Michael Gantenberg: In meinen Krimis sterben nur sehr selten junge Menschen, und so junge wie Wilko Petersen schon gar nicht. Aber auch in den Krimis stellt sich immer die große Frage, wie konnte das geschehen und warum ist es geschehen? Die Frage nach dem Warum ist ja in »Zwischen allen Wolken« der Motor der Geschichte, und dort, wie auch im Krimi, stellt sich die Frage nach den Tätern, wobei es im Roman weniger um die juristisch verwertbare Beantwortung der Frage geht, als vielmehr um Mitwisserschaft: Wer hätte diesen Tod verhindern können? Einen solchen Roman, der bei aller Heiterkeit, die es ja nun auch gibt, durchaus existentielle Fragen behandelt, schreibt man aber nicht parallel zu Krimis. Ich habe in der Zeit noch einen Komödienstoff fürs Kino entwickelt, damit das Springen zwischen den Genres nicht ganz so anstrengend verlief.
Fischerverlage: Und welche Bücher möchten Sie in diesem Sommer lesen und schreiben?
Michael Gantenberg: Ich schreibe gerade an einem weiteren Roman, in der ein Mann mit einem Esel auf eine sehr turbulente Wanderung durch die Uckermark geht. Und wenn dieser Roman fertig ist, werde ich nur noch lesen und dann auch endlich mal wieder Seiten, die ich nicht selber geschrieben haben. „Kollege“ Clemens Meyer hat ja wieder etwas Neues veröffentlicht – »Gewalten. Ein Tagebuch« –, da freue ich mich drauf. Und dann lese ich noch einmal sehr intensiv Alexandre Dumas’ »Die drei Musketiere«, und das auch schon wieder mit stark beruflichem Interesse.
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