Interview mit Peter James

Sein erster Thriller "Stirb ewig" war eine der Entdeckungen des Jahres 2005. Für krimi-couch.de war das Buch der "Volltreffer des Monats", die Leser von krimi-couch.de wählten es gar zum besten Thriller des Jahres ("Krimiblitz 2005"). Nun kommt der zweite Thriller ("Stirb schön") in den Buchhandel. Aus diesem Anlass führten wir ein Interview mit Peter James.
Scherz Verlag: Mr. James, Ihr zweiter Roy Grace-Roman ist gerade in England erschienen und landete auf der Hardcover-Bestenliste auf Anhieb auf Platz 10. In Deutschland erscheint der Roman im September. Auch der Vorgänger „Stirb Ewig“ ist in 22 Ländern ein großer Erfolg geworden. Haben Sie damit gerechnet?
Peter James: Ich hatte die Idee zu diesem Buch schon viele Jahre lang im Kopf, aber ich habe nicht damit gerechnet, dass „Stirb Ewig“ in Deutschland und vielen anderen Ländern so erfolgreich sein würde. Ich wusste zwar, dass ich ein gutes Buch geschrieben hatte, weil ich es mit Herzblut geschrieben habe, aber ich bin auch deshalb so begeistert, weil ich schon immer gerne ins Spannungsfach wechseln wollte. Ich habe vor Jahren schon mehrere Romane geschrieben, die alle etwas mit dem Übersinnlichen zu tun hatten, aber „Stirb Ewig“ war mein erster richtiger Thriller.
Scherz Verlag: Im zweiten Buch „Stirb Schön“ muss sich Inspektor Roy Grace mit einem Ring von Snuff-Movie-Herstellern, auseinandersetzen. Ist das alles frei erfunden oder basiert die Handlung auf tatsächlichen Begebenheiten?
Peter James: Vor einigen Jahren hat mich ein befreundeter Polizist, der mich oft bei meinen Büchern berät, angerufen, und gebeten, ich solle kurz bei ihm vorbeischauen und dabei meinen Filmemacher-Hut aufsetzen. Er wollte einen Rat. Als ich dort ankam, zeigte er mir ein Video, das bei einer Razzia sichergestellt worden war. In dem Video wurde ein Junge erstochen. Da ich ja viele Jahre Erfahrung im Filmemachen habe, wollte er nun wissen, ob ich das für einen nachgestellten Film mit Schauspielern hielte, oder ob ich glaubte, dass das echt sei. Ich war entsetzt über das, was ich da zu sehen bekam. Ich brauchte nur einige Minuten, um zu erkennen, dass in dem Video ein echter Mord gezeigt wurde. Ich war schockiert, als ich hörte, dass es Leute gibt, die für so etwas Geld bezahlen. Einige Monate später entwickelte ich dann daraus die Idee für einen Roman, zum einen weil es eine gute Grundlage für einen Thriller ist, zum anderen aber auch, um zu zeigen, dass es tatsächlich in unserer so genannten zivilisierten Gesellschaft Menschen mit entsetzlichen Abartigkeiten gibt.
Scherz Verlag: Brighton ist im Moment eine richtige „In-City“. Jede Menge prominente Leute leben dort oder ziehen gerade dorthin um. Sie haben aber auch einmal erwähnt, dass die Stadt eine dunkle Seite hat. Hat es einen solchen Vorfall, wie in „Stirb Schön“ beschrieben, in Brighton einmal gegeben?
Peter James: Der Vorfall, den ich beschrieben habe, hat tatsächlich statt gefunden, und zwar in einem Haus, das etwas außerhalb von Brighton liegt. Aber Sie haben Recht, Brighton ist hip, eine ‚In-City’, aber es hat auch eine lange dunkle Geschichte. In seinen Anfängen war es ein kleines Schmugglerdorf, das wegen seiner Nähe zu London, seinem schnellen Zugang zu den Kanalhäfen und zu Europa eine besondere Bedeutung hatte. Heutzutage gibt es einen schnellen Zugang zu Gatwick, einem großen internationalen Flughafen, es gibt zwei große Häfen, eine Menge Antiquitätenläden, wo man Diebesgut versetzen kann. Brighton hat, verglichen mit dem Rest des Landes, die meisten Heroinabhängigen und – pro Kopf gesehen - die meisten Bars und Restaurants. Auf eine Bevölkerung von 250.000 Menschen kommen tatsächlich über 100.000 Lokalitäten, was wiederum ein guter Nährboden für die Erpressung von Schutzgeldern ist.
Scherz Verlag: Tom und Kellie sind ein typisches Ehepaar von heute. Kennen Sie ein solches Ehepaar auch in der Realität?
Peter James: Meine Figuren basieren immer auf Leuten, die ich kenne. Tom und Kellie sind tatsächlich zwei Bekannte, und ich habe im Roman ein Ehepaar aus ihnen gemacht. Und die beiden Kinder gibt es auch in der Realität. Ich habe für mich herausgefunden, dass mir die Beschreibung von Figuren besser gelingt, wenn ich ein Vorbild in der Realität habe. Es muss nicht unbedingt der gleiche Job sein, aber die Art, wie sie aussehen, sprechen, sich verhalten, etwas tun etc. Es ist mir sehr wichtig, dass der Leser mit den Figuren mitgeht – und das nicht nur mit den „Guten“, denn irgendwie liegen mir auch die Schurken am Herzen. Auch sie möchte ich als Menschen darstellen und nicht nur als Schachbrettfiguren.
Mit Tom wollte ich einen Mann von heute beschreiben, der sein eigenes Unternehmen aufbauen und führen will, was sich für ihn aber viel schwieriger darstellt, als er geglaubt hat. Und Kellie, seine Frau, ist eine typische Frau von heute, von den Kindern gestresst und von der Tatsache, dass sie irgendwie immer zuwenig Geld haben. Sie will zwar etwas für die Haushaltskasse tun, indem sie ständig etwas bei ebay kauft oder verkauft, aber tatsächlich verschlimmert sie die Lage nur.
Scherz Verlag: Mr. James, wissen Sie schon, wie es im dritten Roy Grace-Roman weitergeht?
Peter James: Ja, in England wird das Buch „Not Dead Enough“ heißen und es ist bereits zu zwei Dritteln fertig. In diesem Buch geht es um „Identitätsraub“. Die 35-jährige Katie Bishop wird unter merkwürdigen Umständen in ihrem Bett ermordet aufgefunden, und alles deutet darauf hin, dass ihr Ehemann der Täter gewesen ist. Doch der war zum Zeitpunkt der Tat über 100 km von zu Hause weg. Oder doch nicht?
Scherz Verlag: Und was uns natürlich alle sehr interessiert: Was ist mit Sandy, der vermissten Ehefrau von Roy Grace?
Peter James: Als ich die Figur von Detective Superintendent Roy Grace erfand, wollte ich etwas Neues, Frisches wagen, das diese Figur von allen anderen Ermittlern unterscheidet. So ist Roy Grace zum einen an übernatürlichen Phänomenen interessiert, was ihm gelegentlich ziemlichen Ärger bei seinen Vorgesetzten und der Presse einbringt, obwohl er sehr vorsichtig damit umgeht. Zum anderen ist es so, dass vor neun Jahren seine Ehefrau Sandy spurlos verschwand. Und seitdem hat es kein Lebenszeichen mehr von ihr gegeben. Er hat in den letzten Jahren landauf, landab nach ihr gesucht, er ist geradezu besessen davon und unfähig, sein Leben weiter zu leben. Wurde sie ermordet? Ist sie mit einem Lover auf und davon? Hatte sie einen Unfall? Hat sie Selbstmord begangen?
Ich kann Ihnen hier leider nicht verraten, was mit Sandy tatsächlich geschehen ist, nur soviel, ein bisschen werde ich das Geheimnis im dritten Buch lüften.
Scherz Verlag: Sie waren dieses Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes – welchen Film fanden Sie besonders gut?
Peter James: Sie werden es nicht glauben: Ich fahre nun schon seit 30 Jahren jedes Jahr zu den Filmfestspielen nach Cannes, aber ich habe mir dort noch nie einen Film angesehen!!!! Cannes ist in zwei Lager gespalten: Da ist zum einen das „Film Festival“ mit seinen Schauspielern, dem Schaulaufen und der Goldenen Palme. Und da gibt es den „Film Markt“, der für Produzenten wie mich wichtig ist. Es ist wirklich verrückt, dort zu sein: Man sitzt in kleinen Kabinen, in denen man über die Filme verhandelt, die man verkaufen möchte, man trifft viele Autoren, viele Schauspieler-Agenten, Drehbuchschreiber. Fast jeder, der in dieser globalen Branche etwas zu sagen hat, kommt nach Cannes, und deshalb ist es natürlich eine wunderbare Gelegenheit, um dort Leute zu treffen. Und da haben die ‚serious players’ in diesem Gewerbe keine Zeit, um sich auch noch die Filme anzuschauen. Wir arbeiten tagelang fast rund um die Uhr. Letztes Jahr wurde ich allen Ernstes zu einem Meeting um 3 Uhr in der Früh eingeladen. Ein australischer Produzent wollte mir von seinem Film erzählen, der von einer Ballettgruppe handelt, die gegen Australiens härteste Rugby-Truppe antritt. Russell Crowe war anscheinend auch involviert. Aber um ehrlich zu sein, um diese Uhrzeit hat mich das nicht mehr sonderlich interessiert. Aber ich hätte sofort einen Film mit dem Titel „The Big Sleep“ gekauft! Und so geht das jedes verdammte Jahr...!!!
Scherz Verlag: Gibt es schon Pläne für die Verfilmung der Roy Grace-Romane?
Peter James: Ja, die Rechte sind an eine überaus erfolgreiche britische Filmproduktionsgesellschaft, Company Pictures, gegangen, die in den letzten Jahren ungewöhnlich gute Filme fürs Fernsehen gemacht hat. Geplant sind zwei 90-minütige Sendungen, die an zwei aufeinanderfolgenden Abenden zur besten Sendezeit ausgestrahlt werden sollen. Da ich in den vergangenen Jahren sehr schlechte Erfahrungen mit Adaptationen meiner Bücher gemacht habe, habe ich mir ausbedungen, das Drehbuch für „Stirb Ewig“ selbst zu schreiben. Die ersten 90 Minuten sind auch fertig und wir gehen jetzt ans Casting. Ich bin sehr dafür, dass wir einen unbekannten Schauspieler für Roy Grace einsetzen, jemanden, mit dem sich der Zuschauer auch in künftigen Folgen identifizieren kann. Das ist mir lieber, als einen bekannten Schauspieler zu verpflichten, der dem Publikum bereits aus anderen Serien oder Spielfilmen bekannt ist. Wir haben auch schon jemanden im Blick, aber ich kann Ihnen noch keinen Namen nennen, bis der Deal unter Dach und Fach ist.
Scherz Verlag: Mr. James, Sie sind in diesem Herbst wieder in Deutschland auf Lesereise. Wie gefällt Ihnen eigentlich Deutschland?
Peter James: Deutschland ist für mich wirklich eine Offenbarung. Ich habe das Land erst im letzten Jahr so richtig entdeckt, und ich liebe es. Die Leute sind ungeheuer warmherzig und freundlich, das Essen ist wunderbar, Ihr habt das beste Bier der Welt und auf den Autobahnen gibt es fast keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, was ich unglaublich toll finde ( ich habe erst vor wenigen Monaten meine Rennfahrerlizenz erworben). Bei uns in England gibt es auf den meisten Straßen drakonische Geschwindigkeitsbeschränkungen, Übertretungen werden gleich an Ort und Stelle geahndet. Und eines hat mich in Deutschland wirklich überrascht: Die Deutschen haben unseren englischen Sinn für Humor, was einfach wunderbar ist.

Mr. James, wir danken Ihnen für dieses Interview.
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