Interview mit S.J. Watson

Sein Debütroman ›Ich. Darf. Nicht. Schlafen.‹ hat Gedächtnisverlust und Identitätssuche zum Thema. Autor Steve Watson über Konstruktionsprobleme des Buches, Älterwerden und Selbstwahrnehmung.
db-mobil: Herr Watson, was fänden Sie beunruhigender: Eines morgens aufzuwachen und festzustellen, dass Sie viel jünger sind als heute – oder viel älter?
Steve Watson: Das ist eine schwierige Frage! Wenn man sich plötzlich viel jünger wiederfände, wäre das wahrscheinlich sehr seltsam, aber wenigstens hätte man noch mehr Jahre vor sich als gedacht. Aber älter aufzuwachen, das wäre um einiges beängstigender. Ich fände es schrecklich, so viele Jahre meines eigenen Lebens verpasst zu haben. Es gibt noch so viele Dinge, die ich erleben und erreichen möchte. Das Gefühl, keine Zeit mehr dafür zu haben, wäre schlimm.
db-mobil: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Christine, der Hauptfigur Ihres Romans, genau einen Tag an Erinnerungsvermögen zu verleihen – so etwas kommt in der Medizin doch eher selten vor, oder?
Steve Watson: Das stimmt, aber es war interessant für den Roman. Die meisten Menschen, die an einer Art von Amnesie leiden wie Christine, können sich immer nur an die letzten paar Minuten erinnern. Ich wollte das Buch jedoch unbedingt aus der Ich-Perspektive schreiben, damit man als Leser direkt in Christines Kopf sitzt. Wenn sie alle paar Minuten die Erinnerung verloren hätte, wäre das unmöglich gewesen, oder der Roman wäre wesentlich experimenteller und bruchstückhafter dahergekommen, als ich es vorhatte. Deshalb ließ ich sie ihre Erinnerung immer so lange behalten, bis sie einschläft. Ich habe inzwischen von einem wahren Fall gehört, wo eine Frau genau unter dieser Amnesieform leidet, aber das ist wirklich ein Einzelfall.
db-mobil: Ihr Roman wurde von Lesern als unglaublich fesselnd beschrieben, aber es gibt keinen Mord oder ein anderes Verbrechen am Anfang wie in vielen Thrillern. Woher kommt dann die Spannung?
Steve Watson: Ich glaube, die Spannung kommt vor allem von dem wachsenden Gefühl des Unbehagens, während Christine – und dem Leser – klar wird, dass irgendetwas in ihrem Leben nicht stimmt. Dass sie irgendetwas oder irgendwem nicht trauen kann. Im Zuge der Handlung wird deutlich, dass ihre Realität eine andere ist, als sie dachte, aber sie erfährt es nur Stück für Stück. Ich wollte eine Geschichte mit klaustrophobischer Atmosphäre und einem zunehmenden Gefühl der Bedrohung schaffen, die man aber dennoch gern weiterliest.
db-mobil: Warum schreiben Sie aus Perspektive einer Frau?
Steve Watson: Da gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Mich hat ein Nachruf inspiriert, den ich gelesen habe – ein 82-jähriger Mann, der seit seinem 27. Lebensjahr keine Erinnerungen mehr hatte aufbauen können. Ich begann zu überlegen, wie wesentlich unsere Erinnerung für unsere Identität ist. Irgendwie hatte ich da direkt das Bild einer Frau vor mir, die in einem fremden Haus in einen Spiegel blickt und sich selbst nicht erkennt – und ich wusste sofort, dass ich ihre Geschichte erzählen will. Davon abgesehen hat mich das Thema des Älterwerdens interessiert, und ich überlegte, wie es wäre, wenn man als junger Mensch mit Hoffnungen und Plänen schlafen gegangen ist und dann 30 oder 40 Jahre älter wieder aufwacht. Ich wollte es einfach aus der Perspektive einer Frau erzählen – von einem Mann erzählt, wäre es ein ganz anderes Buch geworden.
db-mobil: Ihr Roman hat eine sehr raffinierte Struktur. Hatten Sie ein bestimmtes System, um beim Schreiben den Überblick über die zeitlichen Abläufe und die verschiedenen Wissensstände zu behalten?
Steve Watson: Nicht wirklich! Ich habe das Buch stark aus der Intuition heraus geschrieben und musste durchaus auch mal feststellen, dass ich gerade einen langen Absatz über etwas verfasst hatte, das Christine noch gar nicht wissen konnte. Aber ich habe eine endlose Flut an Notizen über ihre Entwicklung angelegt, und bald wurde es immer einfacher, den Überblick zu behalten. Als es dann ans Überarbeiten ging, war es aber schon wie ein kompliziertes Puzzle – wenn man ein einziges Element verschob, wirkte sich das auf das gesamte Buch aus.
db-mobil: Was ist Ihre größte Angst, wenn es um Ihr eigenes Erinnerungsvermögen geht?
Steve Watson: Schon immer habe ich viele Fotos gemacht und Tagebuch geschrieben. Ich hätte Angst davor, mich nicht mehr an schöne Erlebnisse zu erinnern und sie so zu verlieren. Seit ich ›Ich. Darf. Nicht. Schlafen.‹ geschrieben habe, ist mir bewusst geworden, wie wichtig Erinnerungen für unsere Selbstwahrnehmung sind, für unsere Identität. Es bricht einem das Herz, etwa Menschen mit Alzheimer-Erkrankung zu sehen, wie sie erst die Menschen um sich herum vergessen und dann sich selbst. Das macht mir wirklich Angst.

Das Interview führte das DB-Kundenmagazin "mobil" (Heft September 2011).

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