Interview mit Sabine Weigand

Krüger Verlag: Ihr neuer Roman „Die Königsdame“ spielt am Hofe August des Starken in Dresden. Was hat Sie an dieser Zeit und diesem Ort fasziniert?
Sabine Weigand: Die „Königsdame“ spielt am Anfang des 18. Jahrhunderts – ein ungemein interessantes und für uns Heutige kontrastreiches Zeitalter: Einerseits Glanz und Prunk, strahlende Herrscherpersönlichkeiten, das Aufkommen der modernen Wissenschaften, andererseits Kriege, Pest, übersteigerte Religiosität und Hexenglaube. Hier herrliche Musik, Feste und Feiern, Raffinesse und Eleganz – dort Blut und Elend, Schmutz und Krankheit. Im Barock will sich das Mittelalter zur Moderne wandeln, in ihm lassen sich Gutes und Schlechtes beider Zeitalter wiederfinden.
Dresden ist die Stadt, die für den deutschen Hochbarock steht. Nirgendwo sonst spiegelt sich diese Zeit heute noch so lebendig wieder: Zwinger, Grünes Gewölbe, Taschenbergpalais und Frauenkirche begeistern jeden Besucher. Hier und nur hier muss ein Roman spielen, der diese Zeit beleuchten will.
Und in Dresden lebte schließlich der Fürst, den man als den schillerndsten Herrscher nach Ludwig XIV. bezeichnen kann: August der Starke, das deutsche Pendant zum Sonnenkönig. August ist eine Legende, eine ungemein facettenreiche Persönlichkeit, ein König, Prachtkerl und Frauenheld. Sein Hof war in ganz Deutschland ein Vorbild.
Krüger Verlag: Neben bekannten historischen Persönlichkeiten wie König August der Starke oder seine Mätresse Constantia von Cosel steht im Roman eine junge Frau ungewöhnlicher Herkunft im Mittelpunkt, Fatmah. Hat auch sie wirklich existiert?
Sabine Weigand: In der Tat. Als ich über August den Starken und seine Geliebten recherchierte, hat mich eine seiner Mätressen sofort fasziniert: Fatima, die Türkin. Viel erzählen die Quellen nicht über sie. Tatsächlich wurde sie als Kind während der Türkenkriege „gefunden“ – in einer Zeltburg nach einer verlorenen Schlacht. Sie gelangte an den Dresdener Hof und wurde dort Augusts Geliebte. Viele Legenden ranken sich seitdem um sie und ihre Herkunft; sie war ein geheimnisvolles Wesen, das niemals wirklich etwas von sich preisgab. Sie war eine Exotin am sächsischen Hof, kam aus einer fremden Kultur – diese Situation hat mich an ihrer Person besonders fasziniert. Den König hat sie jedenfalls so fesseln können, dass sie über Jahre seine Geliebte blieb und ihm zwei Kinder schenkte, die er später legitimierte. Glücklicherweise ist uns ein zeitgenössisches Bild von ihr erhalten, in dem sie unzählige kleine Zöpfchen trägt. Und im Dresdener Staatsarchiv lassen sich sogar Briefe von ihr finden. Sie ist also einerseits greifbar, andererseits wissen wir nur wenig über ihr wirkliches Leben. Was wir nicht wissen, hat meine Phantasie ergänzt.
Krüger Verlag: Im Roman führen Sie Ihre Leser sowohl nach Versailles zum Sonnenkönig als auch auf die Schlachtfelder des Zaren, in Bauerndörfer und die Feste Königstein, das gefürchtete Verlies für Staatsverbrecher. Ist denn das Hofleben nicht schon bunt genug?
Sabine Weigand: Mir geht es in meinen Romanen darum, eine ferne Zeit, die uns ja fremd ist, in allen Facetten wieder lebendig werden zu lassen. Das frühe 18. Jahrhundert besteht eben nicht nur aus luxuriösen Hofgelagen, aus Pracht und Überfluss, sondern es wurde erschüttert von zwei langen, blutigen Kriegen. Ich wollte hier unbedingt beide Seiten zeigen. Dresden war eine blühende, reiche Stadt - doch während hier Adel und Beamtenschaft ein gutes Leben führten, starben in den Kriegsgebieten die Menschen qualvoll durch die Kämpfe und an der Pest. Auch dies wollte ich meinen Lesern vor Augen führen, den janusköpfigen Barock, übervoll an Pracht und übervoll an Schrecken. Dass zum Schrecken auch der Königstein gehört, liegt auf der Hand. Die Landesfestung war die andere Seite von Augusts großartiger Herrschaft, eine Bastion für den Krieg und ein Instrument zur Bestrafung derjenigen, die sich gegen das absolute Königtum des Sachsen auflehnten.
Krüger Verlag: Worin ist uns die Zeit August des Starken sehr nah, worin liegt sie uns sehr fern?
Sabine Weigand: Alle vergangenen Zeiten sind uns wohl insofern nah, als die Menschen damals wie heute geliebt und gelitten, gelacht und geweint haben. Im Gegensatz zum Mittelalter, in dem der Einzelne nichts galt und sich seiner Individualität nicht bewusst war, sind uns die Zeitgenossen Augusts des Starken vertrauter, weil sie schon in vielen Dingen dachten und lebten wie „moderne“ Menschen. Man war sozusagen „rational“ geworden. Gleichzeitig glaubte selbst der Wissenschaftler Newton noch an Geister und Zauberei, die Hexenverfolgungen waren noch im Schwange, die Religion entzweite ganz Europa. Man war raffiniert, kultiviert, trank Champagner und hörte wunderbare Musik, die uns auch heute noch vertraut ist – dabei stank man nach Ziegenbock, hatte Läuse und Flöhe und benutzte keine Toiletten. Es scheint vertraut, dass sich die Menschen parfümierten und schminkten – aber sie hielten Waschen für lebensgefährlich. Diese Zwiespältigkeit ist das Faszinierende am Barock.
Krüger Verlag: In diesem, aber auch in Ihren früheren Romanen „Die Markgräfin“ und „Das Perlenmedaillon“ sind die meisten Ihrer Figuren historisch belegt. Wie finden Sie Ihre Figuren?
Sabine Weigand: Die meisten meiner Figuren „entdecke“ ich bei historischen Forschungen und wissenschaftlichen Arbeiten in Archiven und in der Fachliteratur. So fand ich die Markgräfin Barbara von Brandenburg im Bamberger Staatsarchiv, als ich dort für meine Doktorarbeit die Quellen des 15./16. Jahrhunderts durchforstete. Das historische Vorbild für Helena im „Perlenmedaillon“ stach mir ins Auge, als ich für eine historische Dokumentation die Geschichte des Wolkersdorfer Wasserschlosses bei Nürnberg schrieb. Auf Fatmah stieß ich, als ich einen Vortrag über August den Starken vorbereitete. Geschichte wird eben von Menschen gemacht und gelebt, und man kann gar nicht darüber forschen, ohne sich diese Menschen genauer anzusehen. Ich bin überzeugt, dass sich an solchen „echten“ historischen Gestalten die damalige Zeit viel besser aufzeigen lässt als an fiktiven Figuren, eben weil sie ein authentischer Teil ihrer Zeit sind. Was dann noch fehlt, was ich dann noch dem Leser vermitteln will, tue ich anhand meiner erfundenen Figuren.
Krüger Verlag: Sie sind promovierte Historikerin und arbeiten für Ausstellungen und Museen. Welche Bedeutung hat die Recherche für Sie und mit welchen Quellen arbeiten Sie?
Sabine Weigand: Ohne seriöse Recherche kein guter historischer Roman. Das ist meine Grundregel. Ich verwende auf die Vorarbeiten genauso viel Zeit wie auf das Schreiben meiner Bücher; dann sitze ich in Archiven, wälze Fachliteratur, surfe durchs Internet. Es genügt eben nicht, eine Handlung einfach nur ein paar Jahrhunderte zurückzuversetzen. Da muss mehr sein, mehr Wissen über den historischen Alltag, darüber, was die Menschen in früheren Jahrhunderten gedacht und geglaubt haben. Wovor hatten sie Angst, was haben sie sich gewünscht? Wie haben sie gesprochen, was haben sie gegessen, wie haben sie sich gekleidet? Nur wenn man das weiß, kann man einen wirklichen Blick auf ihre Zeit werfen, ungetrübt von Filmromantik und allzu modernen Vorstellungen.
Für die „Königsdame“ habe ich vom zeitgenössischen Kochbuch über diplomatische Korrespondenzen bis hin zu alten Kosmetikrezeptsammlungen alle gedruckten Quellen durchforstet. Natürlich auch den „Klassiker“ für Klatschreporter, den „Verschwenderischen Liebhaber oder das galante Sachsen“ des Freiherrn von Pöllnitz aus dem Jahr 1729, dann Briefe, Urkunden, Hofordnungen und alles, was sich in den Archiven finden ließ. Besonders berührt haben mich eine Originalunterschrift von August dem Starken („Auguste Roy“ in Gold) und ein eigenhändiger Brief Fatmahs, meiner Hauptfigur – sie hatte eine merkwürdig eckige, ungelenke Schrift. In solchen Momenten ist es, als ob die Romangestalten mit einem sprächen. Sie erwachen zum Leben.
Was ich in den Quellen finde, möchte ich meinen Leserinnen und Lesern dann möglichst unverändert weitergeben. Deshalb zitiere ich daraus oft originalgetreu. In der „Königsdame“ stecken viele Zitate von August dem Starken selbst, von Liselotte von der Pfalz, Peter dem Großen oder Karl XII. Dazu unzählige direkt übernommene Stellen aus der zeitgenössischen Literatur. Ich versuche auch stets, stilistisch die Sprache der damaligen Zeit zu treffen oder in Briefen den altertümlichen Ton möglichst getreu zu übernehmen – das kann man nur, wenn einem dies in der Archivarbeit über Jahre hinweg vertraut geworden ist. Sprache spiegelt ihre Zeit wieder. Deshalb verwende ich in der Königsdame auch viele französische Ausdrücke – Französisch war damals die Sprache des europäischen Adels.
Krüger Verlag: Wie sind Sie eigentlich Historikerin geworden?
Sabine Weigand: Oh, eigentlich wollte ich immer Archäologin werden – bis ich im Museum einmal zwei Tage lang völlig entnervt vor einem Fund mehrerer hundert mittelalterlicher Scherben saß und vergeblich versuchte, etwas davon zusammenzusetzen. Danach entschloss ich mich, lieber doch Geschichte zu studieren. Und weil ich nach Abschluss des Studiums mehr Lust aufs Forschen als auf eine Lehrerausbildung hatte, schrieb ich schließlich eine Dissertation über die Kulmbacher Plassenburg. Dabei entdeckte ich meine Liebe zur Alltagsgeschichte – Zahlen interessieren mich nur am Rande. Schließlich bin ich von der Museumsarbeit zur Literatur gelangt.
Krüger Verlag: Wenn Sie sich nicht in der Vergangenheit bewegen, was tun Sie – neben dem Schreiben – sonst gerne?
Sabine Weigand: Auch wenn man es nicht glauben möchte: Ich bin ein Mensch, der ganz im Hier und Jetzt lebt. Ich liebe es, Freunde zu bekochen, reise leidenschaftlich gern, nehme aktiv an der Lokalpolitik meiner Stadt teil, betreibe in Maßen Sport (nein, eigentlich bin ich eine couch potato, bis auf regelmäßige Versuche, einigermaßen Golf zu spielen). Mein ältestes Hobby ist die Singerei; von Rockbands über Soul und Funk bis hin zur Galatanzband habe ich alles mitgemacht. Jetzt singe ich, quasi auf dem musikalischen Altenteil, klassischen Jazz in einem Quintett.
Und natürlich lese ich viel und gerne – ich bin Krimifan.
Krüger Verlag: Und schließlich: Wären Sie eigentlich gerne Zeitgenossin von August dem Starken gewesen?
Sabine Weigand: Gott bewahre! Man stelle sich nur vor, man bekäme so etwas ganz Einfaches wie Zahnschmerzen! Kein Aspirin, kein Zahnarzt mit Betäubungsspritze, nur das Warten auf den Zahnbrecher, der vielleicht in sechs Wochen beim nächsten Markt seinen Stand aufschlägt... Ganz zu schweigen von dem Schmutz, den schrecklichen Seuchen und Krankheiten... Nein, für mich hat die alte Zeit keine Romantik. Abgesehen davon, dass ich als Frau damals mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schon gar nicht mehr am Leben wäre – irgendwann nach der zwölften Schwangerschaft an Entkräftung oder im Kindbett gestorben. Und ich hasse Ungeziefer! Überhaupt sind die vergangenen Jahrhunderte für Frauen keine erstrebenswerten Zeiten gewesen: Stets unter der Vormundschaft des Ehemannes oder des nächsten männlichen Verwandten; keine Chance, einen Beruf zu ergreifen, eigenständig zu sein, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nein, ich bin lieber eine moderne alleinerziehende Einzelkind-Mutter mit einem Beruf, der mich ausfüllt, ohne Kopfläuse, Mieder und Krinoline!
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