Interview mit Viola Roggenkamp

Fischer Verlag: In ›Familienleben‹ haben Sie die Geschichte der jungen Fania Schiefer erzählt, Tochter einer deutsch-jüdischen Familie, die aufwächst im Hamburg der sechziger Jahre. In Ihrem neuen Roman geht es um die Tochter, die sich nach dem Tod des Vaters auf seine Spuren begibt und seine Geschichte genauer erkunden will. Ist ›Tochter und Vater‹ eine Art Fortsetzung von ›Familienleben‹?
Viola Roggenkamp: Die beiden Romane haben unbedingt etwas miteinander zu tun. ›Tochter und Vater‹ ist dennoch keine Fortsetzung, sondern eine Fortschreibung des Themas. Die Protagonistin in ›Tochter und Vater‹ ist eine junge Frau, Ende dreißig, ihr Vorname wird nicht genannt, aber ihre Eltern heißen Alma und Paul, dieselben Namen wie in ›Familienleben‹. Die Erzählzeit ist das Jahr 1992. Zu Beginn des Romans stirbt Paul, und seine Tochter beschließt, auf der Beerdigung ihres Vaters eine Rede zu halten. Sie will erzählen, wie er das damals gemacht hat. Das ist eine heikle Situation.
Fischer Verlag: Die Tochter möchte darüber reden, wie der Vater als Deutscher zwei Jüdinnen gerettet hat. Ist das heute noch ein Tabu für die, die überlebt haben? Anders gefragt: Wieso scheut Alma sich immer noch davor, über diese Vergangenheit außerhalb des engsten Familienkreises zu sprechen?
Viola Roggenkamp: Wem gehört Pauls Geschichte? Darum geht es zwischen Tochter und Mutter. Die Tochter spürt Pauls Leben nach, von Hamburg bis nach Krakau, und gerät dabei in eigene Katastrophen. Paul war alles andere als ein Held. Er war schüchtern und ängstlich, war erfolglos im Beruf und hatte oft Magenschmerzen. Wie konnte ausgerechnet ihm das gelingen? Weshalb blieb er während der Nazizeit bei den beiden jüdischen Frauen? Ist der eigene Lebenswille nicht immer stärker als jede Verliebtheit? Warum ist er nicht davongelaufen? Darüber will die Tochter vor den Trauergästen sprechen.
Fischer Verlag: Die Tochter begibt sich auf die Spuren des Vaters. Beinahe hat man den Eindruck, dass der Vater erst im Tod für sie fassbar wird, dass sie ihm erst danach zu begegnen vermag. Wieso kann sie sich ihm erst so spät nähern?
Viola Roggenkamp: Ist das nicht oftmals so? Die richtigen Fragen werden nicht gestellt. Vor den Eltern sitzend, fallen sie einem nicht ein. Obendrein funktionieren Elternpaare meistens perfekt in ihrer miteinander verflochtenen Geschichtsschreibung. Das ist bei Alma und Paul nicht anders. Wonach will man fragen? Man fürchtet sich vor Zurückweisung, und man fürchtet sich davor, womöglich alles zu erfahren. Wovon kann man heute inzwischen wissen, und wovon will man erzählt bekommen von den eigenen Eltern? Um solche Fragen geht es zwischen den Generationen. Ob es die deutsch-jüdische Geschichte ist, oder die Geschichte der DDR-Deutschen, oder die Geschichte der Deutschen türkischer Abstammung. Das Leben geht weiter, sagen die Eltern, doch die Nachgeborenen, ob sie wollen oder nicht, haben es mit dem Vorleben ihrer Eltern zu tun.
Fischer Verlag: »Für sie reichte seine Kraft nicht mehr«, sagt die Tochter im Buch über den Vater. Geht es hier auch um die Überwindung einer lebenslangen Enttäuschung und Zurückweisung?
Viola Roggenkamp: Ein Vater ist für die Tochter immer der erste Mann in ihrem Leben. Sogar dann, wenn sie ihn nie kennengelernt haben sollte. Diese Tochter glaubt, über ihren Vater viel zu wissen. Die Lebensgeschichte der Eltern ist durchzogen von großen Gefühlen, nicht nur von Liebe, auch von Scham und Schuld. Dass diese Geschichte vor dem Hintergrund einer historisch besonderen Zeit steht, ist dabei vielleicht nicht einmal das Wichtigste. Der Roman zeigt eine Tochter, eine erwachsene Frau, die durch den Tod des Vaters sich noch einmal in besonderer Weise konfrontiert sieht mit dem Elternpaar. Dabei geht es auch um Gefühle wie Liebe und Eifersucht, und zwar zwischen allen Beteiligten.
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